In Portugal fehlt eine kritische öffentliche Erinnerung an die Kolonialherrschaft des Landes

Entdecker und Unterdrücker

Im Zuge des in Lissabon stattfindenden Iberoamerikanischen Kulturjahrs sollen Kolonialismus und transatlantischer Sklavenhandel stärker thematisiert werden. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialgeschichte findet in Portugal bislang kaum statt.

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Zum Schutz der Seefahrer blickt die Marienstatue auf die Mündung des Tejo. Prominent platziert auf dem mehrere Kilometer vom Lissaboner Stadtzentrum entfernten Torre de Belém, grüßt Nossa Senhora do Bom Sucesso seit 1521 diejenigen, die von hier aus in See stechen und die ihrerseits bei jeder Passage salutiert haben sollen.

Zusammen mit dem nahegelegenen Hieronymitenkloster gehört der Leuchtturm zu den wenigen herausragenden Bauwerken im manuelinischen Stil, die das Erdbeben von 1755 überstanden. Im Kloster werden nicht nur die Sarkophage mehrerer portugiesischer Könige gezeigt. Zu sehen sind auch das Kenotaph des Nationaldichters und weitgereisten Soldaten Luís de Camões sowie das Grabmal Vasco da Gamas, der 1498 den südlichen Seeweg von Portugal nach Indien entdeckte.

Sowohl Camões als auch da Gama sind wichtige historische Persönlichkeiten Portugals und untrennbar mit dem frühneuzeitlichen »Zeitalter der Entdeckungen« verbunden. Dies zeigt sich auch am Padrão dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen), das sich ebenfalls am Tejo-Ufer in Belém befindet. Dauerhaft errichtet wurde es 1960 vom Diktator António de Oliveira Salazar zum 500. Todestag von Heinrich dem Seefahrer. Von der Aussichtsplattform dieses über 50 Meter hohen Monuments kann man weit in Richtung Atlantik blicken. Der untere Teil des Denkmals erinnert an eine Karavelle, das Schiff der »Entdecker«. Mit Blick auf den Fluss reihen sich auf beiden Seiten der steinernen Segel, die aussehen, als blähten sie sich im Wind, 33 historische Figuren hintereinander. An ihrer Spitze steht ebenjener Heinrich der Seefahrer, ein portugiesischer Prinz und Förderer der »Entdeckungsfahrten«, der den Atlantik aber selbst nie bereiste. Hinter ihm werden – wesentlich kleiner – neben da Gama und Camões unter anderem Pedro Álvares Cabral, Ferdinand Magellan und König Manuel I. präsentiert – allesamt Zeitgenossen, die die Ära der portugiesischen Expansion entscheidend prägten.

Auch im Zentrum Lissabons sind die Spuren der portugiesischen Expansions- und Kolonialgeschichte sichtbar. Zur kritischen Auseinandersetzung damit würden aber in der Regel weder Touristen noch Einheimische angeregt, sagt António Costa Pinto, ein Sozialwissenschaftler an der Universität Lissabon und Experte für portugiesische Erinnerungskultur. »Die portugiesische nationale Identität ist nach wie vor eng mit einer Glorifizierung der ›Entdeckungen‹ verknüpft.« In Bezug auf die Kolonialherrschaft sei die romantisierende Vorstellung eines friedlichen multiethnischen Zusammenlebens in Brasilien und Afrika immer noch zentral. »Dieser Idee des Lusotropikalismus zufolge waren die Portugiesen den anderen europäischen Kolonialmächten moralisch und historisch überlegen«, sagt Pinto.

Aus dem Blick geraten so die Sklaverei, die Kolonialkriege und der chaotische Rückzug aus den Kolonien infolge der Nelkenrevolution. Bis 1974/75 gehörten Angola, Guinea-Bissau, Kap Verde, Mosambik, São Tomé und Príncipe sowie das südostasiatische Osttimor zum portugiesischen Kolonialreich, die Halbinsel Macau wurde erst 1999 chinesisch. Brasilien hatte sich bereits 1822 unabhängig erklärt. Von den insgesamt etwa zwölf Millionen afrikanischen Sklavinnen und Sklaven, die für die Arbeit auf den Plantagen in die »Neue Welt« verschleppt wurden, wurde etwa ein Drittel nach Brasilien geschifft.

Der Stadtführer Naky Gaglo kritisiert, dass es in Lissabon kaum kritische öffentliche Erinnerung an den Sklavenhandel und die Kolonialherrschaft gebe – ob in Form von Denkmälern, Straßennamen, Museen oder im Rahmen von Stadtführungen. Besonders frappierend sei dies, da die Portugiesen von Anfang an eine zentrale Rolle im transatlantischen Sklavenhandel einnahmen. Zwar gebe es mit dem »Mercado de Escravos« (Sklavenmarkt) im südportugiesischen Lagos seit kurzem ein an einem Originalschauplatz gelegenes Museum. Doch in der Hauptstadt, die mit der Zeit zum Zentrum des portugiesischen Sklavenhandels wurde, fehle eine derartige Institution.

Um der Ignoranz gegenüber der afrikanischen Geschichte Lissabons etwas entgegenzusetzen, bietet Gaglo seit einigen Jahren Stadtrundgänge an. Beginnend an der Praça do Comércio, dem Handelsplatz mit seinem monumentalen Triumphbogen und den klassizistischen Arkadenhäusern, die den weitläufigen, zum Tejo hin offenen Platz an drei Seiten umfassen, führt er mehrmals wöchentlich kleine Gruppen für mehrere Stunden durch die Innenstadt. Der Togolese von Mitte 30 lebt seit einigen Jahren in Lissabon und ist hauptberuflich in der Immobilienbranche tätig.

Afrikaner seien keineswegs nur als Sklaven nach Lissabon gekommen, betont Gaglo. So hielten sich etwa Angehörige der Führungsschicht des Kongo-Königreichs im 15. und 16. Jahrhundert zum Studium der Theologie, Übersetzung und Astronomie in Lissabon auf. Dazu kommen, auch wenn Gaglo dies nicht in den Fokus seiner Tour rückt, die nordafrikanischen Mauren. Sie regierten Lissabon mit kurzen Unterbrechungen von 719 bis 1147 und betrieben – wie zuvor andere Herrscher in Portugal – ebenfalls Formen von Sklaverei, wenn auch in weit geringerem Ausmaß. In der Öffentlichkeit werde jedoch vernachlässigt, dass schwarze Menschen aus dem subsaharischen Afrika im 16. Jahrhundert etwa zehn Prozent der Lissabonner Bevölkerung ausmachten und bestimmte Gegenden wie das heutige Viertel Santa Catarina im nordwestlichen Zentrum über lange Zeit stark prägten, so Gaglo.

Blutiges Zeugnis davon ist zum Beispiel die Straße Poço dos Negros (Brunnen der Schwarzen), unter deren Pflaster sich ein anonymes Massengrab damals versklavter Afrikaner befindet. Auch an der Praça do Comércio lassen sich Spuren des verklärten »Zeitalters der Entdeckungen« finden, etwa in Form eines in die zentral platzierte Reiterstatue von König José I. eingearbeiteten Elefanten. Unweit davon befand sich die Casa dos Escravos de Lisboa (Haus der Sklaven Lissabons), in der ab 1486 die Ankunft, die Besteuerung und der Verkauf von afrikanischen Sklaven zentralisiert und formalisiert wurden.

Lediglich ein Monument erinnert an die Abolition: eine Statue von Marquês de Sá da Bandeira in der Grünanlage Praça Dom Luís nahe des Verkehrsknotenpunkts Cais do Sodré. Der Politiker dekretierte 1836 – zur gleichen Zeit wie andere europäische Mächte – das Ende des Sklavenhandels, allerdings ausschließlich im portugiesischen Mutterland. Dass die Sklaverei in den afrikanischen Kolonien erst 1869 und in Brasilien endgültig 1888 abgeschafft wurde, thematisiert das Denkmal nicht. Es bedient sich ohnehin einer fragwürdigen Ikonographie: In Form einer am Fuß der Statue knienden anonymisierten schwarzen Frau mit Kind werden Schwarze vor allem als hilfsbedürftige Untertanen präsentiert.

Das zurzeit in Lissabon stattfindende Iberoamerikanische Kulturjahr will dazu beitragen, Kolonialismus und transatlantischen Sklavenhandel stärker zu diskutieren. In zahlreichen über die Stadt verteilten Ausstellungen, Theateraufführungen, Filmvorstellungen und Lesungen werfen internationale Künstler und Wissenschaftler einen für Portugal ungewohnten Blick auf die Verbindungen mit Lateinamerika und Afrika. So auch im Inneren des Padrão dos Descobrimentos in Belém: Dort präsentierte der mexikanische Künstler Demián Flores mehrere Monate lang großformatige Zeichnungen, die sich in Anlehnung an den Muralismo über alle Wände des Ausstellungsraums erstreckten. Thematisiert werden in den Werken unter anderem die durch spanische »Entdecker« eingeschleppten Krankheiten. »Mit dieser Ausstellung möchte ich auch den Blick der Kolonialherren demontieren und das Geschehene aus einer Perspektive zeigen, die andere Referenzen und Lesarten zulässt«, sagte Flores Anfang dieses Jahres dem Deutschlandfunk. »Mir ist es wichtig, dass meine Arbeit hier gezeigt werden kann und nicht nur im lokalen Kontext in Mexiko. Denn damit können wir interessante Fragen auch nach Lissabon bringen.«

Auch António Costa Pinto begrüßt den kritischen Ansatz des Kulturjahrs. Doch er ist skeptisch, was dessen Reichweite betrifft: »Das Programm richtet sich vorwiegend an eine ohnehin liberale, gut ausgebildete und weltoffene Elite. Die meisten Portugiesen, die sich kaum für eine kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Kolonial- und Sklavereigeschichte interessieren, werden gar nicht erreicht.«

»Ich hätte es begrüßt, wenn mehr Veranstaltungen auch direkt im Stadtzentrum stattfinden«, sagt Gaglo am Rande seiner Tour, während er die Teilnehmenden durch die Rua Augusta in Richtung des Rossio-Platzes führt. Es sei aber auch wichtig, über die Lissaboner Innenstadt hinauszublicken. Denn die große Mehrheit der afrikanischen Migranten lebe nahezu ohne soziale Aufstiegsmöglichkeiten in heruntergekommenen Vierteln am Rande von Lissabon und Porto. »In Banken, Versicherungen, Aufsichtsräten und in der öffentlichen Verwaltung sind schwarze Menschen systematisch unterrepräsentiert. Dazu kommt die Benachteiligung im Bildungssystem«, so der Stadtführer. Da über 40 Prozent der Immigranten aus den portugiesischsprachigen Ländern in Afrika oder aus Brasilien kommen, sei auch die gegenwärtige Diskriminierung ein wichtiges Thema in der Auseinandersetzung mit der kolonialen Vergangenheit. An manchen Orten sei sie glücklicherweise nur selten zu spüren, wie Gaglo berichtet: »Im Lissaboner Stadtzentrum habe ich selbst so gut wie nie Alltagsrassismus erfahren.«