Sarah Rambatz, Politikerin der Linkspartei, im Gespräch über die Mordddrohungen gegen sie

»Mir wurde gedroht, mich zu vergewaltigen«

Interview Von Gaston Kirsche
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Haben Sie auf Ihre ursprüngliche Frage nach »antideutschen Filmempfehlungen« auf Facebook tatsächlich Filmtipps erhalten?
In meiner Anfrage ging es mir darum, Empfehlungen für Filme zu erhalten, in denen der Untergang des Nationalsozialismus zu sehen ist. Mir wurde damals unter anderem zu »Der Schrei nach Leben« geraten, für den ich mich an diesem Abend entschied. Der Film handelt vom Warschauer Ghetto.

Haben Sie damit gerechnet, dass Ihr Posting wie eine öffentliche Stellungnahme behandelt und ohne Einverständnis veröffentlicht wird?
Nein. Leider habe ich die Erfahrung machen müssen, dass sich in sozialen Netzwerken Äußerungen rasend schnell verbreiten können und das mit den böswilligsten Interpretationen. Erstaunlich war, dass viele Menschen nicht in der Lage waren, Fiktion und Wirklichkeit voneinander zu unterscheiden.

Wie ist die Aufregung entstanden?
Der Screenshot des Posts hat sich schnell in rechtspopulistischen und antifeministischen Foren verbreitet. Dann begannen Mord- und Vergewaltigungsdrohungen gegen Verwandte, Freundinnen und Freunde und gegen mich. Es wurde enorm Druck gemacht. Die Berichterstattung im Anschluss an den Shitstorm hat die Bedrohung weiter verschärft.

Was sagen Sie dazu, wie Sie in den Artikeln dargestellt wurden?
Es ist offenbar so, dass auch einige Medien den Unterschied zwischen Fiktion und Wirklichkeit nicht kennen. Ich hätte mir mehr Rückhalt aus den Medien und meiner Partei gewünscht, statt sich dem Tenor der rechten Hetze anzuschließen. Filme zu schauen, in denen Nationalsozialisten sterben, ist zum Glück noch keine strafbare Handlung, auch wenn deutsche Nazis das gerne so hätten.

Welches Ausmaß nahm der Shitstorm an?
Es wurden Adressen und Fotos von meinen Angehörigen sowie ihre Telefonnummern veröffentlicht. Der Shitstorm gipfelte in Tausenden Kommentaren in allen möglichen sozialen Netzwerken. Und es kam auch zu realen Angriffen.

Wie sahen die realen Angriffe aus?
Angegriffen wurden meine Verwandten und ich durch Hausfriedensbrüche und Drohanrufe. Mir wurde ein Drohbrief mit den Worten »Du Sperrmüllfotze! Wir wissen, wo du wohnst!« in unserem Haus hinterlassen. Zusätzlich erhalten wir regelmäßig Drohanrufe.

Sie wurden besonders auf sexistische Weise angegriffen und mit sexueller Gewalt bedroht. Wie erklären Sie sich das?
Politik ist männlich. Es ist auch im Jahr 2017 noch immer schwer, als Frau in der Politik Fuß zu fassen. Man wird dann etwa gefragt, ob neben der Politik denn noch genügend Zeit für Kinder bleibe. Nur bei Frauen wird in Frage gestellt, dass ein künftiger Kinderwunsch nicht dem politischen Engagement entgegenstünde. So zielten auch die Bedrohungen, die ich erhielt, größtenteils auf meine Gebärfähigkeit ab. Mir wurde beispielsweise die Zwangssterilisierung angedroht.

Haben Sie juristisch etwas unternommen?
Da mich die Sorge um meine Familie antrieb, stehe ich seit dem Beginn des Shitstorms im September in Kontakt mit den Behörden. Zusätzlich beauftragte meine Familie in meinem Namen einen Anwalt, der uns seither vertritt.

Wie haben Ihre Genossen und Genossinnen in der Partei reagiert?
Es gab sehr gemischte Reaktionen. Der Pressesprecher der Bundespartei, Hendrik Thalheim, der Hamburger Bundestagsabgeordnete Fabio De Masi und der Hamburger Landesgeschäftsführer Martin Wittmaack haben mich öffentlich kritisiert, von der Thüringischen Landtagsabgeordneten Katharina König-Preuss, einer Gruppe von Genossinnen und Genossen aus Hamburg sowie dem Jugendverband von »Die Linke« kam hingegen öffentliche Solidarität gegen die rechte Hetze.

Warum hat die Partei die Angelegenheit als Einzelfall dargestellt und die Bedeutung Ihrer Kandidatur heruntergespielt?
Es wurde im Wahlkampf darauf abgezielt, den Schaden von der Partei »Die Linke« abzuwenden. In den Bundestag wäre ich nur eingezogen, wenn die Linkspartei etwa 40 Prozent erreicht hätte. Trotzdem habe ich meinen Wahlkampf leidenschaftlich und erfolgreich geführt, obwohl sich die Partei von mir distanziert hat.

Sie standen auf Platz 5 der Landesliste. Wie kam es zum Rücktritt von Ihrer Kandidatur?
In der Öffentlichkeit entstand durch die Hetze Druck, dazu kam Druck aus den Parteistrukturen. Ich habe die Konsequenzen daraus gezogen, vor allem, weil das Thema so viel Raum einnahm, dass ich mich nicht mehr auf den Wahlkampf konzentrieren konnte. Trotzdem bin ich traurig, denn ich stehe mehr denn je für einen politischen Wandel, gegen Kapitalismus, jede Form der Diskriminierung und für den Parteislogan »Entschieden gegen rechte Hetze«.

Wie reagierten Ihre Genossinnen und Genossen in der Linksjugend »Solid«?
Die Solidarität ist hier deutlich größer, vermutlich auch weil nicht alle sich der Partei so stark verbunden fühlen, wie das bei anderen Parteien der Fall ist. Es gab aber auch Reaktionen, vor allem aus antiimperialistischen Kreisen, die in dasselbe Horn getrötet haben wie die Rechten, auch wenn sie den Shitstorm nicht in Ordnung fanden.

Sind Sie mit Ihren Ansichten als Teil des Meinungsspektrums in der Partei akzeptiert?
Ja, denn »Die Linke« vereint seit ihrer Gründung im Jahr 2007 ein breites Spektrum an politischen und sozialen Strömungen.

Gelten Sie in Ihrer Partei nicht als Antideutsche?
Im Zusammenhang mit meiner Frage nach antideutschen Filmen wurde ich von Medien und in der Partei als Anti­deutsche dargestellt. Die Erkenntnis, dass die Nationalsozialisten Deutsche waren, ist aber keine neue. Sich mit dem Untergang des Nationalsozialismus zu beschäftigen, gehört als Teil der Erinnerungskultur zu einer antifaschistischen Praxis. Ich möchte jedoch klarstellen, dass eine Filmanfrage kein Indiz dafür ist, dass von mir antideutsche Positionen vertreten werden. Bereits Karl Marx und Friedrich Engels schrieben in »Die deutsche Ideologie«: »Wenn die nationale Borniertheit überall widerlich ist, so wird sie namentlich in Deutschland ekelhaft, weil sie hier mit der Illusion, über die Nationalität und über alle wirklichen Interessen erhaben zu sein, denjenigen Nationalitäten entgegengehalten wird, die ihre nationale Borniertheit und ihr Beruhen auf wirklichen Interessen offen eingestehen.«

Konnten Sie die Gründe für Ihr Posting schon in Ihrem Landesverband erklären?
Ich werde dazu auf dem Landesparteitag am 11. November die Möglichkeit haben.