Frauen spielen bei Pegida trotz der frauenfeindlichen Agenda der Gruppe eine ­entscheidende Rolle

Die teutsche Frau

Seit drei Jahren inszeniert sich Pegida als rechte Bürgerbewegung. Auffällig ist die im Vergleich zu früheren Zeiten große Präsenz von rechten und extrem rechten Frauen als Organisatorinnen, Ordnerinnen und Rednerinnen.

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Kathrin Oertel war Mitbegründerin von Pegida, regelmäßige Rednerin und außerdem Pressesprecherin von Pegida Dresden. Sie stammt wie der Großteil des anfänglichen Pegida-Organisationskreises aus dem Freundeskreis des Gründers Lutz Bachmann.

Oertel stieg Ende Januar 2015 wegen persönlicher Streitigkeiten bei Pegida aus. Wenige Monate später entschuldigte sie sich in einem selbstproduzierten Video bei »allen Migranten und vor allem bei den Muslimen unter ihnen« – und warf Pegida vor, Migrantinnen und Muslime nur als Feindbild zu nutzen, um von den eigentlich Schuldigen »da oben« abzulenken. »Wenn es keine verblen­deten Leute mehr geben würde, da wären die Straßen ja im Endeffekt voll von Widerständlern. Das wäre natürlich schön«, sagt Oertel im Video. Ihr Ziel sei es, dass »wir einfach wirklich gemeinsam auf die Straße finden – als Volk, als die 99 Prozent«. Es war eine Abrechnung mit dem Pegida-Organisationskreis, aber keine Abkehr von ihrem bisherigen Weltbild. Im Gegenteil: Mit ihrer Rede von »denen da oben«, den »Linken, den Rechten, der Mitte«, die alle »nur verarschen«, bedient Oertel sich der Sprache der neurechten Bewegung und reproduziert antisemitische und verschwörungsideologische Muster.

Die »doppelte Unsichtbarkeit« von Frauen wirkt auch in Hinblick auf neue rechte Phänomene wie Pegida.

In Frankfurt am Main organisierte Heidemarie Mund den örtlichen Pe­gida-Ableger, Fragida, der später in der von ihr gegründeten Initiative »Freie Bürger für Deutschland« aufging. Die christliche Fundamentalistin Mund hatte bereits im November 2013 den Gesang eines Imams in der Gedächtniskirche Speyer durch lautes Rufen unterbochen und dazu eine Deutschland-Fahne mit der Aufschrift »Jesus Christus ist Herr« geschwenkt. Mund liebt augenscheinlich die Öffentlichkeit. Der Videomitschnitt ihres Auftritts im Dom zu Speyer wurde später noch von ihr selbst in den sozialen ­Medien geteilt. Ihre zweifelhafte Berühmtheit führte sie als Rednerin zu weiteren Versammlungen und zu den »Hooligans gegen Salafismus«. Bei ­deren Kundgebung auf dem Hannoveraner Bahnhofsvorplatz im November 2014 begrüßte sie die Teilnehmer mit den Worten, sie sei »stolz auf deutsche Männer, die endlich einen Arsch in der Hose haben und unser Land bewahren wollen«. Heutzutage teilt die Pädagogin und Motivationstrainerin Werbung für die AfD auf ihrem öffentlichen Facebook-Account.

Anders als Oertel und Mund, die keine einschlägige Vergangenheit in der rechten Szene hatten, sind es andernorts altbekannte Frauen, die in den Gida-Aufmärschen eine neue politische Bühne für sich entdeckten. ­Unter ihnen ist die 40jährige Melanie Dittmer, Organisatorin mehrerer ­Pegida-Ableger in Nordrhein-Westfalen. Sie war bereits in den neunziger Jahren politisch aktiv, zunächst in den Freien Kameradschaften und später als Stützpunktleiterin der NPD-Jugend­organisation Junge Nationaldemokraten (JN). Zu Beginn der nuller Jahre zog sie sich aus der Szene zurück und inszenierte sich als Aussteigerin. Mit der Organisation von Gida-Aufmärschen in Düsseldorf und Bonn kehrte Dittmer 2014 in die Öffentlichkeit zurück. Gleichzeitig tauchte sie bei zahlreichen weiteren extrem rechten Organisationen in Nordrhein-Westfalen auf.

Auch Antje Mentzel, Mitgründerin der mecklenburgischen MV-Gida, führte ihre Beteiligung an der Organisation des Schweriner Pegida-Ablegers ­direkt zurück in die rechtsextreme Szene. Mentzel war bereits 2003 wegen Rädelsführerschaft in Rostock vor Gericht und zu einer Freiheitsstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Danach wurde es zunächst ruhiger um sie, bis sie 2014 den Landesvorsitz der NPD-Frauen in Mecklenburg-Vorpommern übernahm und wenig später MV-Gida ins Leben rief. Im Juni 2017 ließ sich Mentzel zur Bundesvorsitzenden des Rings Nationaler Frauen (RNF) wählen. Sie gehört somit zu den Gida-Organi­satoren, die seit Jahren zur Neonaziszene gehören und dort entsprechend gute Kontakte haben.

Aller weiblichen Beteiligung zum Trotz verfolgte Pegida von Beginn an eine klar frauenfeindliche und anti­feministische Agenda. Rechte Feindbilder beinhalten alles, was mit dem Begriff Gender verbunden sein könnte. In den im Januar 2015 verabschiedeten »Dresdner Thesen« fordert Pegida einen »Stopp der Genderisierung und der Frühsexualisierung«. Analog zum Feindbild Islam, der die Menschen religiös bekehren wolle, verbindet Pegida den sozialwissenschaftlichen Genderbegriff mit einem Szenario, in dem ein angeblich machtvoller Feminismus den Menschen ein neues Geschlecht überstülpen wolle. Die ehemalige Pegida-Protagonistin Tatjana Festerling bezeichnete Konzepte wie Gender Mainstreaming und Antidiskriminierungspolitik als »Umerziehung« und Befürworterinnen von Gleichstellungspolitik generell als »verkorkste Gendertanten«. Ein Feindbild, das extreme Rechte, Christlich-Konservative und frauenhassende Maskulisten seit Jahren unter dem Begriff des »Genderismus« miteinander verbindet. So warnte Festerling in einer Rede auf dem Dresdner Altmarkt vor den »okkulten Riten der Multitoleranz­weltanschauung wie Genderismus, Feminismus, ­Veganismus, Islamismus, Beschneidung, Amputationen und gender­gerechte Steinigungen«.

In den Dresdner Thesen verlangt Pegida ebenfalls den »Erhalt der sexuellen Selbstbestimmung«. Ohne dies näher zu erläutern, hantiert Pegida mit dem Bild »des« Feminismus, der Menschen bevormunde und sie wahlweise zu gleichgeschlechtlichem Sex oder zu Schwangerschaftsabbrüchen dränge. Es ist die übliche Strategie der Rechten, um liberale Werte zurückzudrängen. Auch die AfD bedient sich dieser Rhe­torik. Ihrer vormaligen weiblichen Parteivorsitzenden zum Trotz ist auch sie eine Männerpartei. Erhebungen des ­Allensbach-Institutes zufolge sind 61 Prozent der AfD-Anhänger männlich. Rund 23 000 Männer sind Mitglieder der Partei, aber nur rund 5 000 Frauen. Laut Statistiken des Spiegel vom September hat die AfD einen Frauenanteil von 16 Prozent, den niedrigsten von ­allen Parteien im Bundestag.

Bei allen Gida-Demonstrationen stellen Männer zwei Drittel der Teilnehmer. Frauen treten als Rednerinnen, Organisatorinnen, Ordnerinnen auf – mit regionalen Unterschieden. Die neue Päsenz rechter und extrem rechter Frauen und die auch von ihnen ver­tretenen frauenfeindlichen und antifeministischen Positionen sorgen für ­Irritationen. Was die Rechtsextremismusforschung als »doppelte Unsichtbarkeit« von Frauen beschreibt, wirkt auch im Hinblick auf neue rechte Phänomene wie Pegida.

»Frauen haben nach dieser Logik zum einen keine politische Überzeugung und wenn, dann keinesfalls eine so gewalttätige wie die rechtsextreme«, so das Forschungsnetzwerk Frauen und Rechtsextremismus. Obwohl Frauen immer wieder entscheidende Funktionen bei Mordanschlägen oder der Tarnung extrem rechter Organisationen haben, werden sie oftmals nur für Mitläuferinnen gehalten. Extrem rechte Frauen und ihre jeweiligen ­Organisationen pflegen nicht erst seit Pegida einen strategischen Umgang: Sie nutzten geschickt Geschlechterstereotype, um einen Raum zu schaffen für die Verbreitung extrem rechter Einstellungen.