Dem besetzten Kulturzentrum »Rog« im slowenischen Ljubljana droht die Räumung

Haltbarkeitsdatum ungewiss

Das unabhängige Kulturzentrum Rog in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana bietet seit fast zwölf Jahren ein nichtkommerzielles Angebot an Kunst-, Kultur- und Sportveranstaltungen. Künstler, Aktivisten, Flüchtlinge und Anwohner, die das Rog nutzen, wehren sich gegen dessen drohende Räumung.
Reportage Von

In der Trubarjeva Ulica reiht sich eine Bar an die nächste, Cafés und kleine Restaurants säumen die Straße: asiatisch, libanesisch, slowenisch oder ein typischer Balkangrill. Die Ausgehmeile im Zentrum Ljubljanas ist sowohl bei Touristen als auch bei den einheimischen Ljubljancan überaus beliebt. Biegt man fast am Ende der Straße rechts in einen großen Hof ein, landet man in der »Tovarna Rog« (Fabrik Rog). Die leerstehende ehemalige Fahrradfabrik wurde 2006 von politischen Aktivisten und Künstlern besetzt und bietet neben einer Kneipe, einem Café und einer Art Kantine, wo es jeden Tag Mittagessen gibt, Räume für diverse Sportarten, von Skaten bis Kung-Fu, sowie Galerien, Künstlerateliers und ­einen Konzertsaal. Des Weiteren gibt es einen Partyraum mit Bar, einen Zirkus, ein soziales Zentrum, einen Zen-Garten, einen Friseur, einen Massagesalon und vieles mehr.

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Im Hof stehen Skulpturen; folgt eine Reihe von Kerzen, gelangt man in den Veranstaltungsraum »Modri Kot« (Blaues Eck), wo man sich an einem der ­besten Heizöfen des Rog aufwärmen kann – ein wichtiges Kriterium für ­Publikumserfolg in Winterzeiten. Hier trotzen die Anwesenden aber nicht nur der Kälte. Diskutiert wird über die derzeitige Lage des Rog und die Reak­tion der Stadt auf die jüngste Aktion gegen dessen drohende Räumung. Am 14. Dezember demonstrierten rund 200 Menschen in Ljubljana gegen die ­Absicht der Stadtverwaltung, die derzeitigen Nutzerinnen und Nutzer des Rog aus dem Komplex zu vertreiben und das Gebäude in ein hochmodernes, profitorientiertes Prestigeprojekt um­zuwandeln. Ebenfalls verhindern wollten sie den Verkauf des Hostels »Celica« (Zelle). Dieses steht ganz in der Nähe auf dem Gelände Metelkova, einer in den achtziger Jahren besetzten ehe­maligen Militärkaserne (Jungle World 38/2011), die seither ein autonomes Zentrum für Musik, Kunst und Kultur beherbergt und schon längst zur Tou­ristenattraktion geworden ist. Die Stadt Ljubljana hat das bekannte Hostel, das Besetzer und Künstler im ehemaligen Militärgefängnis instandsetzten und das bislang von einer Studierendenorganisation verwaltet wurde, vergangene Woche demselben Management unterstellt wie die Burg.

 

Pink gewinnt

Am Tag der Demonstration sollte Oberbürgermeister Zoran Janković vor ­Gericht zu den Vorfällen im Rog 2016 angehört werden. Er erschien allerdings nicht. Das Rog ist bereits seit längerem von der Räumung bedroht (Jungle World 21/2016). Am 25. Mai 2016 demonstrierten 500 Menschen dagegen – im beschaulichen Ljubljana eine große Menge. Miha Poredoš, der bereits seit 2014 im Rog aktiv ist, erinnert sich an einen »fröhlichen, farben­frohen Protest von Rog-Mitgliedern, Unterstützern, Anarchisten, anderen ­Initiativen und Flüchtlingen«. Zehn Tage später, in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni, konnte der erste Räumungsversuch mit vereinten Kräften verhindert werden. »Wir dachten, sie könnten schon in dieser Nacht kommen, und so luden wir Leute ein, in der Fabrik zu übernachten, wir waren ungefähr 20 bis 30«, erzählt Poredoš. Gegen drei Uhr morgens wurden sie von rund 30 privaten Sicherheitsleuten, samt Bagger und einem Feuerwehrfahrzeug, überrascht. Jernej Kastelic (25) war damals auch dabei.

»Wir sind ziemlich schnell wach geworden. Ich war in der Fabrik und ein paar Feministinnen rannten schnell zu der Baustelle«, erzählt er. »Ich dachte, wenn die Maschinen da sind, ist es schon zu spät. Aber dann parkten Urška und Danijela ihre Autos vor dem Tor und begannen zu hupen und weckten die gesamte Nachbarschaft.« »Ich wollte gerade in Sergios Bar gehen, als der Bagger kam«, sagt Poredoš. »Ich bekam Panik und lief hinaus. Da kamen die Sicherheitskräfte und schlossen das Tor. Weitere Leute von uns kamen durch die Hinterseite des Gebäudes zur Unterstützung. Am Ende waren wir 40 bis 60 und begannen, Barrikaden zu bauen, mit denen wir die Sicherheitsleute einschlossen. Die Presse war seit sechs, sieben Uhr ­morgens draußen vor dem Tor versammelt. Um neun Uhr gab es eine Pressekonferenz und danach schafften es einige, das Tor zu öffnen und alle Leute strömten von draußen rein.«

Die Aktion dauerte viele Stunden, die Sicherheitsleute wurden gewalttätig. Eine Person wurde so schwer verletzt, dass sie ins Krankenhaus gebracht ­werden musste. Die Polizei beobachte alles draußen vor dem Tor und half erst gegen Ende, die Gewalttäter zu stoppen. Allerdings nahm sie auch sechs junge Besetzer fest.

Danach gab es überwältigenden Applaus und Hunderte Menschen drangen in den Hof, um den Sieg gemeinschaftlich zu feiern. Zuvor war der Schlüssel des Baggers in die Hände der Besetzer gefallen. Sie besprühten den Bagger pink, er wurde zum Symbol des Widerstands und in den folgenden Wochen auch zu einer Touristenattraktion.

 

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Kunst im Rog. Performance »Leuchtkäfer-Geburt eines Leuchtkäfers« in der Galerie Zelenica

Bild:
Henrike von Dewitz

Prozesse und Festivals

Einige der Besetzer verklagten die Stadt kurz darauf wegen Hausfriedensbruchs, worauf die Stadt mit acht Einzelklagen gegen die Vertreter des Rog ­reagierte, die die erste Klage unterzeichnet hatten. Die Besetzer haben sich für die Prozesskosten hoch verschuldet, sie rechnen mit 40 000 bis 50 000 Euro, und müssen sich seit 2016 langen Anhörungen im Gerichtssaal stellen. Zana Fabjan, die seit 2015 im Rog aktiv ist und zu den Angeklagten zählt, sagt, nach Prozessbeginn hätten sie zunächst ein temporäres Bleiberecht erhalten, bis das Verfahren entschieden ist. »Kurz darauf klagte die Stadtverwaltung gegen uns, da wir uns nicht auf unserem eigenen Grund und Boden bewegen. Jetzt gibt es also einen Streit ­zwischen dem Eigentümer und den Nutzern, nur dass der Eigentümer in der Rechtshierarchie wesentlich höher steht, so dass wir den Prozess wahrscheinlich verlieren werden«, so Fabjan. Derzeit werden beide Fälle vor Gericht verhandelt. »Sechs Leute haben den Prozess bereits verloren und zwei davon haben Widerspruch eingelegt. Das ­Problem ist nur, dass die Gerichtskosten sehr hoch sein werden. Wahrscheinlich wurden sie so hoch angesetzt, um uns Angst einzujagen. Sie denken, dass wir unter dem finanziellen Druck zusammenbrechen werden. Wir hatten schon ein paar Veranstaltungen, um Geld zu sammeln. Aber es ist schwierig, da Rog kein protfitorientierter Ort ist und die Veranstaltungen meist nur auf Spendenbasis laufen«, schildert sie das derzeitige Problem.

Nach dem Überfall ließ man sich aber erst recht nicht einschüchtern und ­organisierte das zehntägige Kunst- und Kulturfestival »Rogoviljenje«. Einer der Höhepunkte war eine Kunstausstellung in der Galerie Zelenica, in der namhafte Künstler aus ganz Slowenien ihre Werke ausstellten, um ihre Soli­darität mit dem Rog zu bekunden. Den Abschluss des Festivals bildeten das ­bekannte Theaterfestival »Ana Desetnica« und die Performance »Iluminirana Tovarna« (Beleuchtete ­Fabrik). Dabei wurde während einer Liveübertragung des 17minütigen Musikstücks »La fabbrica illuminata« von Luigi Nono (1964) in Radio Študent das 7 000 Quadratmeter große Fabrikgebäude mit Kerzen beleuchtetet, um zu zeigen, was selbst ohne Strom alles möglich ist.

Živa Sila* ist schon seit zehn Jahren im Rog aktiv und immer noch begeistert von der Solidarität zu jener Zeit: »Es gab mehr Unterstützung als je zuvor.« Die Facebook-Seite »Ohranimo Tovarna Rog« (Wir erhalten die Fabrik Rog), die Forderungen an die Stadtverwaltung formulierte, erhielt fast 8 000 Likes. »Zum Festival Rogoviljenje kamen etwa 5 000 Menschen. Es gab Konzerte, Filmvorführungen, Ausstellungen und wir hatten jeden Tag Training, Kung-Fu, Tai-Chi und mehr. Das Rog war einen ganzen Monat lang voller Leute«, schwärmt Sila. Aljoša Dujmič, der das Rog schon von Beginn an kennt, sagt über die Zeit nach dem ersten Räumungsversuch: »Ich habe ausschließlich für das Rog gelebt, gelesen und ­gearbeitet. Ich war ununterbrochen vor Ort.«