Der Comic »Sterben ist echt das Letzte« von Eva Müller

Mal kommt er früh, mal kommt er spät

Seite 2 – Die widersprüchliche Faszination des Todes

Müllers Arbeitsweise – sie zeichnet mit Buntstift auf DIN-A3-Blätter – ist  recht zeitaufwendig, ist bei ihr doch jede Fläche eine Ansammlung von gefühlt unendlich vielen einzelnen kleinen Strichen, die zusammen ein Ganzes ergeben, das von ungeheurer Tiefe und Plastizität ist.

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Im Original sind die Zeichnungen dreifarbig – schwarz, rot und blau. Aus Kostengründen konnte das Buch jedoch nur in Schwarzweiß gedruckt werden. Wer die Bilder in ihrer ganzen Pracht sehen will, muss auf die englischsprachige US-Ausgabe warten, die demnächst bei Birdcage Bottom Books erscheinen soll.

Der Comic hat etwas von einer Collage. Die Panels sollen nicht nur die Geschichte erzählen, sondern vor allem auch eine Stimmung vermitteln, und gerade das gelingt besonders gut. »Sterben ist echt das Letzte!« durchzieht eine tiefe Melancholie, der man sich beim Lesen nur schwer entziehen kann.

»Sterben ist echt das Letzte«

Die Geschichten, die Müller in ­ihren Comics erzählt, haben bisweilen autobiographische Züge. Müller bezeichnet ihr Buch als »eine stark erweiterte Autobiographie«. »In ­jeder Geschichte steckt ein Teil von mir«, erzählt sie. »Der Rest ist frei ­erfunden.«

Echt ist jedoch die widersprüchliche Faszination des Themas Tod, die immer wieder durchscheint. Sie will den Tod keineswegs glorifizieren oder auch nur romantisieren. Aber sie will auch nicht so tun, als existiere er nicht, wo er die Menschen doch jeden Tag umgibt.

Nachdem der Tod in der westlichen Kultur über Generationen immer stärker tabuisiert wurde, scheint die Beschäftigung mit dem Sterben nun eine regelrechte Renaissance zu  erfahren. Vor allem in den USA erlebt die »death positive«-Bewegung regen Zulauf.

Nachdem der Tod in der westlichen Kultur über Generationen immer stärker tabuisiert wurde, scheint die Beschäftigung mit dem Sterben nun eine regelrechte Renaissance zu  erfahren. Vor allem in den USA erlebt die »death positive«-Bewegung regen Zulauf.

Das Buch »Fragen sie ihren Bestatter. Lektionen aus dem Krematorium« von Caitlin Doughty hat es im vergangenen Jahr auch hierzulande in die Feuilletons geschafft. Auch boomen in den Großstädten alternative Bestattungs­unternehmen, und spätestens mit Francis Seecks »Recht auf Trauer« ist das Thema auch in der mehr oder minder radikalen Linken angelangt.

Warum sich derzeit so viele Menschen Gedanken über den Tod und das Sterben machen, lässt sich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es scheint, als sei das Thema insbesondere in queeren und feministischen Kreisen entdeckt worden. Dieses Milieu steht auch im Zentrum des Comics. So war es gerade die aufs Engste mit der LGBT-Szene verbundene Aids-Bewegung, die bereits vor drei Jahrzehnten aus ebenso traurigen wie dringlichen Gründen begonnen hat, sich mit dem Thema Tod in einer Weise zu befassen, die mit Traditionen brach und gesellschaftliche Konventionen hinter sich ließ.

Vielleicht ist es aber auch so, dass sich in einer Gesellschaft, in der die religiösen Vorstellungen von Jenseits und Paradies nichts mehr bedeuten, neue Symboliken und Rituale der Trauer herausbilden. Einer repräsentativen Umfrage zufolge glaubten 2017 nur noch rund 30 Prozent der Menschen in Deutschland an ein ­Leben nach dem Tod. Noch zwei Jahre zuvor waren es 40 Prozent. Auch die Zahl derer, die an eine unsterbliche Seele glauben ging im gleichen Zeitraum von 70 auf 40 Prozent zurück.

Dass bei Zahlen wie diesen das Erklärungsmonopol für Fragen den Tod betreffend nicht länger den ­traditionellen religiösen Autoritäten zufallen kann, ist offensichtlich. Was es stattdessen braucht, ist eine noch weitergehende Enttabuisierung des Sterbens und damit logisch verbunden auch einen neuen Umgang mit Krankheit und Alter. Eva Müllers Buch kann als anschauliches Beispiel dafür gelten, wie das auf ganz persönlicher Ebene aussehen kann. Denn am Tod selbst lässt sich wenig ändern, am Umgang mit ihm hingegen sehr viel.

 


Eva Müller: Sterben ist echt das Letzte. Schwarzer Turm, Weimar 2017, 160 Seiten, 12 Euro