Ein Plädoyer für postrassistische Achtsamkeit

Man kann nicht nicht Rassist sein

Auch wenn die H&M-Werbung, die ein schwarzes Kind in einem Hoodie mit der Aufschrift »Coolest Monkey in the Jungle« zeigte, vermutlich »nicht so gemeint« war: In einer Gesellschaft, in der Menschen wegen ihrer Hautfarbe benachteiligt und angefeindet werden, sind solche Botschaften ein Problem.

T-Shirts mit Textbotschaften sind sonderbare Hybride der Alltagskultur. Einerseits sind sie »Hingucker«, sie lenken die Aufmerksamkeit auf einen Körper beziehungsweise auf einen Teil des Körpers, was den Blick gelegentlich in eine fatale Falle führt: Denn genau dort, wo ich wegen des Textes hingucken soll, sollte ich wegen allgemeingültiger Verhaltensregeln gerade nicht hingucken, was übrigens für die Brüste von jungen Frauen ebenso gilt wie für die Wampe von nicht mehr jungen Männern (»Bier formte diesen herrlichen Körper«). Andererseits handelt es sich, selbst wenn es dabei um Ironie oder Nonsens zu gehen scheint, immer auch um Bekenntnisse, Solidaritätsadressen (Gewerkschaft, Verein oder Bewegung) und Selbstaussagen (die etwa in »I’m with stupid« Höhepunkt und Auflösung erfahren). Bekenntnis, Selbstaussage, Aufforderung (»Fck Nzs«, »Save the Wales«), Sinnspruch (»Keep cool, I bin a Bayer, host mi«) und Zitat gehen vergleichsweise fließend ineinander über. Indessen wird die Aussage am Körper stets nur in dieser Dialektik von Sichtbarmachen und Verschwinden wirken können, Anziehung und Ablenkung des Blicks zugleich. Der körperliche Attraktor ist immer auch ein semantischer Panzer, so als könne durch den Text der forschende Blick des anderen entschärft werden. Die Botschaft auf dem Körper definiert diesen und lenkt zugleich von ihm ab. Lange bevor es uns in der digitalen Welt zur unspektakulären Gewohnheit wurde, ist das bedruckte T-Shirt zu einer »flüssigen« Verbindung von Text und Bild geworden. Anders gesagt: Im bedruckten T-Shirt versucht der Träger oder die Trägerin seman­tische Kontrolle über ihr gesellschaftliches Umfeld zu erlangen und wird dabei zugleich zum Objekt gesellschaftlicher, das heißt politisch-ökonomischer Kontrolle. Denn während dieser T-Shirt tragende Mensch vermeintlich etwas über sich und die Welt und vor allem die Beziehung zwischen beidem auszusagen versucht, wird er zum Übermittler von Marketing- und Propagandaabsichten. Bedruckte T-Shirts weisen auf diese Weise vielleicht in das kollektive Unbewusste einer Gesellschaft.

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Natürlich sind Kinder die ersten Opfer dieser semantischen Dialektik. Viele von ihnen rennen als lebende Werbeplakate herum und können sich nur schwer dagegen wehren, schon in diesem Stadium durch die Ware bezeichnet zu werden, die nun alles in allem ist: Bekenntnis, Selbstaussage, Aufforderung und Sinnspruch. Und in der Dialektik von Körperlichkeit und Semantik stecken sie selbst in dieser Falle, in die möglicherweise der mehr oder weniger bewusste Gebrauch von T-Shirt-Botschaften den, nun ja, Betrachter führen soll. Kinder in bedruckten T-Shirts produzieren ein Bild von Befreiung und leben eine Praxis der Disziplinierung. Am Körper der Kinder wird der gedruckte T-Shirt-Text zum Programm der Indoktrinationen.

 

In einer nichtrassistischen Gesellschaft wäre die Aufschrift »Coolest Monkey in the Jungle« auf dem Oberkörper eines dunkelhäutigen Jungen höchstens doof.

 

Man fühlt sich also »identifiziert« (in der marktsubjektiven Alternative zur Uniform) und erhöht (da fühlt man sich doch gleich ganz anders, wenn man als T-Shirt das Trikot trägt, das einen besonders erfolgreichen Spieler eines besonders erfolgreichen Vereins repräsentiert). Gleichzeitig wird der Blick der anderen, der Blick der Erwachsenen wie der der Gleichaltrigen, antizipiert, in derselben Art des »Schaut her« und »Ihr könnt mich nicht sehen«. Die Person verschwindet und das Subjekt tritt hervor.
Das bedruckte T-Shirt macht das Kind zum Agenten des kollektiven Unbewussten einer Gesellschaft. Dieses Unbewusste ist natürlich vor allem von Wünschen, von Ängsten und vom Wettbewerb bestimmt. Das Kind wird zum Träger mehr oder weniger geheimer, mehr oder weniger manipulativer Botschaften. Und klar, was die dazugehörigen Bilder sagen: Es soll dabei und damit »glücklich sein«.

Nun gilt es, eine Schnittstelle zu betrachten: die zwischen Rassismus und Message-T-Shirt. Auslöser einer Debatte ist das Werbebild für ein Hoodie mit der Aufschrift »Coolest Monkey in the Jungle«. Erst einmal ein typisch selbsterhöhendes Nonsens-Statement mit Assoziationen, vielleicht, zum »Jungle Book«. Das Bild allerdings zeigt einen dunkelhäutigen Jungen, und das ergibt, intendiert oder nicht, eine ganz an­dere, nämlich eine denunzierende und rassistische Lesart.

 

Obama Tee Shirt

T-Shirts und das Massiv »Mount Obama« sind Attraktionen auf Antigua

Bild:
mauritius images / M. Timothy O’Keefe / Alamy

 

Ein dritter Bezugspunkt ist das Kleidungsstück selbst, das Hoodie genannte Kapuzenshirt, das wiederum einer urbanen Ghettokultur entlehnt scheint. Im Umkehrschluss sagt dieses Bild dann aus, dass man die rassistische Identifikation aufnimmt und zurückspiegelt, während man eine soziale Identifikation in ­einen anderen – mittelständischen – Kontext stellt. Denn im Ghetto existiert längst die Technik der Subversion, Beleidigungen in Ehrentitel umzuwandeln, so wie umgekehrt Popkultur immer wieder die Impulse aus dem Ghetto aufgreift. Verkauft werden allerdings soll das Kleidungsstück, nächste Inversion, vor allem an Kundschaft aus dem (vorwiegend weißen) unteren Mittelstands oder möglicherweise an Kunden aus einer postrassistischen, kreolisierten »Unterschicht«. An Leute, die sich im unteren Segment der Kulturwaren eingerichtet haben, aber immer noch individuelle und fa­miliäre Bürgerlichkeit anstreben. Schließlich: Die Haltung des Jungen, der dieses Kapuzen-T-Shirt mit der Aufschrift »Coolest Monkey in the Jungle« trägt, drückt weder forcierte Niedlichkeit noch irgendeine Demütigung aus, sondern eine offensichtliche Portion Selbstbewusstein. Den Überlebensstolz in einer entformten Umwelt.

Da man mit diesem Bild schließlich Kleidung verkaufen und nicht Stimmen für eine alternativfaschistische Partei sammeln wollte, fällt dann wohl doch ein »rein« rassistiches Motiv weg. Es steckt eher so voller Widersprüche, dass man es nur in Kontexten »lesen« kann, und von denen gibt es durchaus unterschiedliche. Man denkt viel eher an eine vampirische Übernahme; Weiße Kids könnten sich vielleicht so cool fühlen, wie es in unserer populären Mythologie nur Schwarze wirklich sein könnten (der Samuel L. Jackson-Effekt). Oder es handelt sich um eine verschärfte Variante des Benetton-(Anti-)Rassismus, bei dem Menschen aller Hautfarben, Augenformen und Kulturen sich im Tragen bunter Wollkleidung vereinen.

Die Mutter des jugendlichen H&M-Models, Terry Mango, sah es wohl so, als sie erklärte: »Ich weiß, dass Rassismus existiert, aber der Pulli ist für mich kein Ausdruck von Rassismus.« Ihr wurde vorgeworfen, sie sei »eine Schande für alle Schwarzen« und habe »ihren Sohn für Geld an die Rassisten verkauft«. Wer hat recht?

Die Empörung über solche (im besten Fall) Gedankenlosigkeit ist jedenfalls nur zu verständlich, zumal nun in der Tat von einer Entspannung der Bild- und Textproduktion im Sinne der Benetton-Kampagne rein gar nicht die Rede sein kann. In einer Zeit des Wiedererstarkens rassistischer und völkischer Bewegungen bis in die Regierungen hinein ist auch der gewöhnliche, der gedankenlose Rassismus brandgefährlich. Denn zur Zeit findet Rassismus nicht nur auf den Straßen, in den Zirkeln der Rechten, in den bigotten Provinzfamiliennestern und in den Faschosubkulturen statt, sondern dringt direkt in die Zentren der populären Kultur ein. Ein Einfallstor dafür ist die populärste Sportart, der Fußball, wo immer wieder dunkelhäutige Spieler mit Affenlauten begrüßt und mit Bananen beworfen werden. Ein deutscher Politiker nennt den Sohn eines Prominenten in aller Öffentlichkeit einen »Halbneger«, ein Präsident der USA bezeichnet andere Länder als »shithole countries«. Und so weiter.

Das freilich macht eine Auseinandersetzung mit rassistischer Semantik keineswegs überflüssig. Denn in einer nichtrassistischen Gesellschaft wäre die Aufschrift »Coolest Monkey in the Jungle« auf dem Oberkörper eines dunkelhäutigen Jungen höchstens doof. Denn beleidigend wird sie ja nur durch die Anwürfe der Rassisten, die dunkelhäutige Menschen mit Affen vergleichen, die sie in den Urwald zurückschicken wollten. Die Empörung muss also einen Teil der rassistischen Projektionen übernehmen, und auch der liberale Diskurs kann gar nicht anders, als die Perspektive der Rassisten mitzudenken. Genau das also scheint nun niemand bleiben zu können: cool.