Dovid Katz, Linguist, über die Gleichsetzung von Shoah und sowjetischer Besatzung im Baltikum und in Osteuropa

»Ein systematischer Versuch, die Geschichte umzuschreiben«

Dovid Katz übernahm 1999 an der Universität Vilnius den neu geschaffenen Lehrstuhl für jiddische Sprache, Literatur und Kultur und gründete dort später das Jiddische Institut, das er bis 2010 leitete. Im von ihm gegründeten Webmagazin »Defendinghistory.com« befassen sich Autorinnen und Autoren kritisch mit der Geschichtspolitik Litauensund informieren über Geschichtsrevisionismus sowie rechtsextreme und nationalistische Aktivitäten in Osteuropa.

Das litauische Parlament deklarierte 2018 zum Jahr des einstigen Brigadegenerals Adolfas Ramanauskas-Vanagas. Warum finden Sie das problematisch?
2018 jähren sich die Gründung der Republik Litauen sowie Ramanauskas’ Geburtstag zum 100. Mal. Er wird heute als Nachkriegswiderstandskämpfer ­gegen die sowjetische Besatzung verehrt. Aber als er im Sommer 1941 der ­Litauischen Aktionsfront beitrat und eine ihrer Milizen befehligte, kämpften diese Gruppen auf der Seite Nazideutschlands und waren am Holocaust beteiligt. Sie ermordeten ihre schutz­losen jüdischen Nachbarn. In seinen Memoiren gab Ramanauskas damit an, eine solche Gruppe »geführt« zu haben. Es gibt keine Belege, dass er persönlich gemordet hätte, aber ipso facto ist er ein Holocaust-Kollaborateur.

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Dass Nazikollaborateure Nationalhelden sind, dass nach ihnen Straßen, Schulen, Schilder in Militärschulen benannt werden, ist für die Freunde ­Litauens sehr schmerzhaft. Aber jeder, der das kritisiert, stößt auf den Widerstand des politischen Establishments, riskiert seine Karriere oder bekommt sogar rechtliche Probleme. Man hört immer: »Ja, so etwas würde jemand ­sagen, der für Russland arbeitet.«

Kürzlich sorgte das polnische Erinnerungsgesetz international für Auf­sehen. Es verbietet, der polnischen Nation Schuld am Holocaust zuzuschreiben, aber viele sehen in ihm den Versuch, die Diskussion über polnischen Antisemitismus zu ersticken. Es verbietet außerdem die Glorifizierung der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) und der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA) – was wiederum in der Ukraine Widerspruch erregte, denn deren Angehörige sind dort 2015 ­gesetzlich zu Freiheitskämpfern erklärt worden. Was soll man von ­diesen nationalistischen Versuchen halten, die Geschichtswahrnehmung per Gesetz festzuschreiben?

Ich muss zugeben, ich war überrascht, dass das polnische Gesetz so einen ­Trubel auslöste. Schließlich hat Ungarn schon 2010, als dort die rechte Regierung an die Macht kam, ein Erinnerungs­gesetz erlassen, das die Auffassung kriminalisiert, es habe dort nur einen ­Völkermord gegeben. Dann kamen das litauische Gesetz, 2014 das lettische und 2015 das ukrainische, das bei Zuwiderhandlung mit bis zu zehn Jahren Gefängnis droht. Alle diese Gesetze hätten im Westen Alarmglocken schrillen lassen müssen.

Dem litauischen Gesetz zufolge ist es illegal, sowohl den Völkermord der ­Nazis als auch den der Sowjets zu leugnen. Wenn man also, so wie ich es tue, sagt, dass die sowjetischen Verbrechen zwar schrecklich waren, aber in Litauen niemals den Status eines Völkermords erreichten, drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis. Mich hat damit bisher niemand behelligt. Aber es sendet eine Botschaft. Ein junger litauischer Historiker, der in Frieden leben und Karriere machen will, wird sich dem nicht entgegenstemmen. Ich hoffe, dass durch den polnischen Fall der generelle Revisionismus in Osteuropa mehr zum Thema wird.

 

»Wenn man sagt, dass die sowjetischen Verbrechen zwar schrecklich waren, aber in Litauen niemals den Status eines Völkermordes erreichten, drohen bis zu zwei Jahre Gefängnis.«

 

Warum benutzen Sie den Begriff »Holocaust-Verschleierung«, um diesen Revisionismus zu beschreiben?
In den baltischen Staaten oder in Osteuropa kann man die Fakten des Holocausts schlicht nicht leugnen, denn die Massengräber sind überall. Aber ich habe gespürt, dass ein gewisser Diskurs dazu dient, die Fakten zu einem postmodernen Brei zu verrühren: »Die Lage war sehr komplex«, heißt es dann oft, »Verbrechen wurden von allen Seiten begangen. Jetzt müssen wir uns gemeinsam um Versöhnung bemühen«. Der Holocaust, der einzige Völkermord, der in diesen Ländern passierte, wird so zu einem Verbrechen unter vielen.

In gewisser Weise reproduziert diese »Doppelvölkermord-Ideologie«, wie ich sie nenne, die Ideologie der Nazis, die ihre Morde an den Juden auch als Reaktion auf und Verteidigung gegen die Verbrechen des (jüdischen) Bolschewismus ausgaben. Diese Vorstellung war schon da, als die Erschießungen stattfanden und Einheimische sagten: »Die Juden haben uns getötet. Jetzt töten wir sie, um uns zu rächen.« 96 Prozent der litauischen Juden sind ermordet worden.

Heute propagiert die »Doppelvölkermord-Ideologie« die Auffassung, dass die Sowjetunion einen Völkermord an den osteuropäischen Nationen ver­übte, als sie sie besetzte. Dafür musste der Begriff Völkermord neu definiert werden, so dass er auch Deportationen, Menschenrechtsverletzungen und ­religiöse und kulturelle Unterdrückung umfasste. Viele Parlamente haben das bereits in den neunziger Jahren getan. Es ist ein systematischer Versuch dieser Regierungen, die Geschichte umzuschreiben, und es eröffnet rechtsextremen und antisemitischen Deutungen Tür und Tor.

Wie kam es, dass Sie sich mit diesem Thema beschäftigten?
Ich erforsche jiddische Dialekte. Ich kam nach Litauen, weil immer noch ältere Juden lebten, die die wunderschönen und ausgefallenen jiddischen Dialekte der kleinen Dörfer ihrer Kindheit ­sprachen. Ich begann also, die letzten Litwaks aufzuspüren, die Bewohner der großlitauischen jiddischen Region im heutigen Weißrussland, Litauen und Teilen Polens und der Ukraine, um einen Atlas jiddischer Dialekte zu erstellen. Als ich hier im Dezember 1990 in der Synagoge auftauchte, sprachen mich die älteren Überlebenden an: »Sie glauben, die Deutschen haben unsere Familien ermordet.« Und ich sagte: »Natürlich haben sie das! Sie hatten Kol­laborateure, aber das waren die Deutschen.« Aber sie sagten mir: »Es gab nicht einen deutschen Mörder in meinem Dorf. Die Nazis haben es organisiert, aber die Mörder waren Freiwillige, unsere Nachbarn.«

In Tausenden Interviews, die ich in der jiddischen Region mit Überlebenden führte, um ihre Dialekte aufzuzeichnen, habe ich viel gelernt. In jeder kleinen litauischen Stadt war es dieselbe schlimme Geschichte: Die Morde begannen nach der deutschen Invasion am 22. Juni 1941, aber noch bevor die Deutschen selbst da waren. Diese Geschichte will der Revisionismus begraben.
2009 gründete ich dann das Webmagazin Defendinghistory.com. Unsere kleine Gruppe, die aus jüdischen Überlebenden und mutigen jungen Litauern besteht, will eine alternative Chronik der Ereignisse aufzeichnen, auch wenn die Welt dem Thema kaum Beachtung schenkt.

 

 

 

Was treibt den litauischen Revisionismus an?
Einige im ultranationalistischen Establishment hängen Ideen der ethnischen Reinheit an. Im Grunde muss man nicht sehr tief kratzen, um eine bleibende Bewunderung für den Hitlerismus zu finden und den spezifisch osteuropäischen Antisemitismus.

Aber vor allem wird eine antisowjetische nationale Geschichtsdeutung propagiert, die die dunkleren ­Flecken der Geschichte verschleiert. Fast alle osteuropäischen Holocaust-Täter waren antisowjetisch. Wenn man davon ausgeht, dass jeder, der 1941 gegen die Sowjets kämpfte, am glorreichen Freiheitskampf für das Vaterland beteiligt war, dann waren all die Mörder große Patrioten, nach denen man Straßen benennen sollte.

Glauben Sie, im Westen ist man sich der Bedeutung des Revisionismus in Osteuropa ausreichend bewusst?
Es werden viele Ressourcen darauf verwendet, dass es den Menschen dort nicht bewusst wird. Die osteuropäischen Regierungen fördern Konferenzen, sie laden Historiker und führende jüdische Persönlichkeiten ein, geben ihnen ­Medaillen, Preise, Förderungen für ihre Forschung – alles, um ihre eigene Interpretation der Geschichte international zu legitimieren. Selbst Israel, das die diplomatische Unterstützung der osteuropäischen und der baltischen Staaten braucht, zum Beispiel bei den Vereinten Nationen, macht da mit.

Welche Rolle spielen Geopolitik und der Konflikt mit Russland?
Neokonservative aus den USA etwa unterstützen diese Geschichtspolitik, weil sie darin eine Waffe gegen Russlands Revanchismus sehen. Argumentiert wird, die Sowjetunion und Nazi-Deutschland seien Verbrecherstaaten gewesen, aber Deutschland habe diese Verbrechen anerkannt und Reparationen gezahlt, Russland hingegen nicht. Putins Russland feiert die imperiale sowjetische Geschichte sogar.

Doch es war die sowjetische Armee, die mit den Alliierten den Faschismus besiegt hat. Ohne die Sowjetunion hätte kein Jude in Osteuropa den Krieg überlebt. Viele sagen, Wladimir Putin instrumentalisiere diese Geschichte heute als Teil seiner Propaganda. Ich bin auch der Meinung, dass wir uns gegen die heutige russische Regierung stellen müssen. Aber man bekämpft nicht dieses Übel, indem man ein historisches Übel leugnet, oder sogar ultranationalistische Ideologien rehabilitiert, die in der Nato und der EU keinen Platz haben sollten.

Es ist sehr schmerzhaft, dass die US-Botschaft in Vilnius seit etwa 2010 unsere Gruppe systematisch als Putinisten diffamiert und versucht, unsere Arbeit zu sabotieren, als würde unsere kleine Bewegung von Kämpfern für die Wahrheit über den Holocaust US-Interessen gefährden. Seit Jahren schon unterstützt die Botschaft Veranstaltungen der litauischen Regierung, die der Gleichsetzung der »roten und braunen« Verbrechen dienen.

Russland und seine Medien wenden ebenfalls den Vorwurf des Revisionismus gegen die baltischen Staaten und die Nato, etwa anlässlich der Veröffentlichung eines Nato-Videos im Sommer 2017, das an litauische antisowjetische Partisanen erinnerte.
Ich verstehe das Problem. Trotzdem: Von Putins unethischer, quasisowjetischer Propagandamaschine erwarte ich nicht viel. Aber vom Westen und den Ländern, die unserer Allianz beitraten, weil sie unsere Werte teilen, erwarte ich mehr. In einem Video Partisanen zu ehren, ohne zu erwähnen, dass viele von ihnen Holocaust-Mörder und Kämpfer für Hitler, Rassisten und Antisemiten waren, ist ein Rückschlag für die Werte der Nato.

Instrumentalisieren viele dieser jungen Nationen ihre Geschichte, um eine ideologische Grundlage für  eine antirussische nationale Identität zu sschaffen?
Ja, aber das ist vor allem eine Agenda der Führungsschichten, sei es an der Regierung, in den Universitäten, den Medien, der Kulturwelt. Die litauische Bevölkerung, die ich zu lieben gelernt habe, braucht das nicht. Ich bin überzeugt, dass die Historiker der Zukunft schreiben werden, dass es nicht nur ­Armut war, die Hunderttausende gut gebildete junge Menschen in die ­Emigration getrieben hat. Die jungen ­Litauer von heute wollen in einer ­offenen Gesellschaft leben, die Meinungsfreiheit wertschätzt – und auch Minderheiten.

Sie haben die Versuche beschrieben – auch über die EU – in Westeuropa ein»Doppelvölkermord«-­Narrativ zu etablieren. Welche Rolle spielt Deutschland dabei?
Es ist ein bisschen enttäuschend, dass Deutschland sich nicht mehr gegen die Doppelvölkermord-Ideologie ausspricht. Das weckt eine gewisse Furcht, dass es einigen deutschen Politikern und Akademikern insgeheim sehr recht ist, dass der Holocaust von anderen ­herabgestuft wird – dass der Historikerstreit in Europas Osten sozusagen ­immer noch nicht entschieden worden ist.
Zur deutschen Botschaft hatten wir bis vor kurzem noch eine gute Beziehung. Vielleicht liegt es am neuen kalten Krieg mit Russland, dass sie sich jetzt zurückgezogen hat.

Wie äußert sich das?
In ihrem Schweigen. Im Jahr 2018 soll der Anführer einer pronazistischen Miliz geehrt werden. Was wäre denn so schlimm daran, wenn die deutsche Botschaft sagen würde, »als wahre Freunde Litauens können wir diese Entscheidung nicht unterstützen«?
Dadurch, dass Deutschland zusieht, wie die Nationalisten in Osteuropa die Doppelvölkermord-These benutzen, um den Holocaust zu verharmlosen, lässt Deutschland auch eine Verharmlosung seiner eigenen Geschichte zu.