Eine Konferenz in Hamburg befasste sich mit dem Genozid in »Deutsch-Südwest«

Entschuldigung im Kaisersaal

Ein Kongress beleuchtete am Wochenende Hamburgs Rolle beim deutschen Völkermord an den Ovaherero und Nama. Erstmals wurden dabei Nachfahren der Überlebenden von offizieller Seite empfangen.

Sie knien, die Köpfe gesenkt, vor einem Podest. Darauf befindet sich ein Schädel, auf den das Wort »Herero« eingraviert ist. Die Gruppe von Ovaherero aus Namibia und den USA schweigt. Dann spricht Mbakumua Hengari einige Gedenkworte auf Otjiherero. Er ist Mitglied der Ovaherero Genocide Foundation Namibia (OGF). Nach der Zeremonie im Raum der Stille des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) verhüllt Philipp Osten den Schädel. Der Leiter des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin am UKE setzt sich für die Rückführung menschlicher Überreste aus ehemaligen Kolonien ein. Das Museum sei kein angemessener Ort für diese Gebeine, sagt er. Wahrscheinlich war der Schädel aus einem Todeslager in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwest ins Deutsche Reich geschafft worden.

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Etwa 20 Vertreter von Ovaherero- und Nama-Verbänden aus Namibia, Botswana und den USA waren vergangene Woche zum Kongress »Koloniales Vergessen: Quo vadis, Hamburg?« angereist. Sie fordern immer noch eine offizielle Anerkennung des Völkermords an den Ovaherero und Nama, den das Deutsche Reich zwischen 1904 und 1908 im heutigen Namibia beging, durch die Bundesrepublik. Sie erwarten eine Entschuldigung und Entschädigung. Vor allem aber wollen sie direkt an Verhandlungen beteiligt werden. Es war – nach einer Veranstaltung 2016 in Berlin – die zweite Tagung dieser Art. Dieses Mal ging es auch um die Rolle der Stadt Hamburg beim Genozid.

Josephine Akinyosoye begrüßte im Namen der Veranstalterin, der Initiative Schwarze Menschen in Deutschland (ISD), die Ovaherero- und Nama-Delegationen. »Ihre Perspektive ist für die postkoloniale Aufarbeitung von zentraler Bedeutung«, sagte sie.

 

Der Dekan der medizinischen Fakultät der Universität Hamburg entschuldigte sich für den bisherigen Umgang mit den Gebeinen.

 

Verschiedenen Einzelpersonen und Gruppen wie etwa der Arbeitskreis »Hamburg Postkolonial«, das Nama Genocide Technical Committee, das Ovaherero, Mbanderu and Nama Genocides Institute und die Association of the Ovaherero Genocide in the USA (AOG) hatten den Kongress organisiert. Die beiden Veranstaltungsorte sind eng mit der deutschen Kolonialgeschichte verbunden: Das Veranstaltungsschiff MS Stubnitz ankert im Baakenhafen. Von dort legten in der Kolonialzeit die Dampfschiffe der Woermann-Linie Richtung Deutsch-Südwestafrika ab, an Bord unter anderem: kaiserliche »Schutztruppen«, die die Ovaherero und Nama bekämpfen sollten, die sich gegen die Besetzung des Landes, Ausbeutung und Vergewaltigungen wehrten. Allein in den ersten 18 Monaten des Kriegs, der im Januar 1904 begann, wurden in Hamburg 665 Offiziere, 196 Beamte, 14 000 Soldaten und 12 000 Pferde eingeschifft. Ladebäume hievten Maschinengewehre und Funkanlagen, Soldaten leiteten masurische Kavalleriepferde auf Rampen in den Bauch der Linienschiffe. Die Fahrt führte dann nach Swakopmund. Der zweite Veranstaltungsort war die Universität, die vor 100 Jahren aus dem Kolonialinstitut hervorgegangen war.

»Als Hafen- und Handelsstadt hat Hamburg eine Schlüsselrolle in der kolonialen Vergangenheit des deutschen Kaiserreichs und damit auch bei dem Völkermord im damaligen Deutsch-Südwestafrika gespielt«, sagte Kultursenator Carsten Brosda (SPD) in der vergangenen Woche beim Senatsempfang im Rathaus. »Ich kann Sie nur um Vergebung bitten«, richtete er sich an die Vertreter der Ovaherero- und Nama-Verbände und Nama-Chief Moses Kooper. Sie sind die Nachfahren der wenigen Überlebenden des ersten Völkermords des 20. Jahrhunderts. Die Nama nennen ihn !Gam-#Wi, die Ovaherero bezeichnen ihn mit dem Wort Otjindjandja. Die deutschen Kolonialtruppen töteten vor 114 Jahren etwa die Hälfte der Nama-Bevölkerung und etwa 80 Prozent der Ovaherero. Die Überlebenden wurden enteignet, interniert und zu Zwangsarbeit herangezogen. Zahlreiche Gebeine wurden ins Deutsche Reich geschafft, wo sie weiterhin in den Kellern von Krankenhäusern und Museen liegen.

Die Delegationen bewerteten die Tage in Hamburg als »historisch«. Im vergangenen Jahr seien sie wiederholt nach Deutschland gereist, aber von offiziellen Stellen nie eingeladen worden, so Esther Utjiua Muinjangue, Vorsitzende der OGF. Die Organisatoren der Konferenz hatten ein Besuchsprogramm gestaltet, das bei einigen Institutionen der Stadt Hamburg auf Interesse gestoßen war. Das Völkerkundemuseum etwa lud zu einer kurzen Besichtigung von Kolonialfotografien ein. Die neue Direktorin Barbara Plankensteiner versicherte – allerdings ohne konkret zu werden –, dass die Vertreter der Verbände, darunter Lehrer und Wissenschaftler, an der weiteren Erforschung der etwa 1 700 Objekte aus Namibia beteiligt würden. Im UKE wurde den Delegationen zum ersten Mal ein angemessenes Gedenken gestattet, zudem entschuldigte sich der Dekan der medizinischen Fakultät für den bisherigen Umgang mit den Gebeinen.

Und schließlich gab es einen Senatsempfang im Rathaus. Eine repräsentative Einladung staatlicher Institutionen hatten die Vertreter der Verbände in den Jahren zuvor weder in Hamburg noch in Berlin erhalten. Insofern war es ein Empfang auf der bislang höchsten politischen Ebene. Dass er ausgerechnet im Kaisersaal stattfand, benannt nach dem für den Völkermord verantwortlichen Kaiser Wilhelm II., war nur ein kleiner Wermutstropfen.

Für Diskussionen sorgte die überraschende Entschuldigung des Kultursenators. Während manche Vertreter der Verbände sich anerkennend äußerten, blieben andere skeptisch. Schließlich war nicht ersichtlich, für wen der Kultursenator in dem Moment überhaupt sprach. Vor allen Dingen aber erwarte man eine Entschuldigung auf Bundesebene, so einige Beteiligte. Darüber hinaus habe man auf einen offenen Brief an den Ersten Bürgermeister der Stadt vom Januar 2017 nie eine Reaktion erhalten, sagte ein Vertreter der AOG. Auch an der darin kritisierten Ehrung von Kolonialverbrechern wie dem Reeder Adolph Woermann und dem General Lothar von Trotha mit Straßennamen und Denkmälern sowie der einseitigen Ehrung von Hamburger Kolonialsoldaten auf einer Gedenktafel im Michel sei nichts geändert worden. So hat die Delegation die Entschuldigung zwar angenommen. Doch es gilt weiterhin, was Ngondi Kamatuka, Erziehungswissenschaftler und Vorstand der AOG, sagte: »Worte sind Worte und Taten sind lauter als Worte. Wir warten auf sie.«