Peter Hacks' »Marxistische Hinsichten«

Hacks und wie er die Welt sah

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Hacks sah das (und sich) in Analogie zu Goethe, der ebenfalls in der Provinz des Fürstentums Sachsen-Weimar-Eisenach wirkte, aber nicht weniger als den Fortschritt der Humanität im Gesamten im Blick hatte. Im Provinziellen, Besonderen erscheint das Allgemeine, Univer­sale. Klassik war auch deswegen das Programm von Hacks, weil in ihr die Widersprüche einer Epoche für die Nachwelt aufbewahrt seien. Von Zeit- und Tendenzliteratur hielt Hacks, der sich noch zu Münchner Zeiten in seiner Dissertation ausführlich mit der Zeit des Biedermeier beschäftigt hatte, nichts, die »­sogenannte Zeitliteratur (…) ist außerstande, späteren Zeiten zu dienen. Sie enthält nichts, was über ihre Zeit hinausweist, und sie enthält vor allem nicht, was in ihrer Zeit steckt.«

Das Problem, das der Sozialismus weltgeschichtlich zu lösen hatte, war der Übergang aus einer Gesellschaft, in der die kapitalistische Produktionsweise herrscht, zu einer, in der Überfluss und umfassende Bedürfnisbefriedigung aller herrschen, also zum Kommunismus. Hacks’ erste Anforderung an den Sozialismus war, dass er funktioniere. »Ich liebe keine Experimente, an deren Ende ein Müllhaufen steht«, gestand er. »Leistung und Demokratie«, so der Titel der wichtigen Studie zum Hacks’schen Gesellschaftsverständnis von Felix Bartels, waren für Hacks durchaus Indikatoren einer Produktion auf dem Wege zur Vernunft. Ein sozialistisches Land, so ist den Notizen aus dem Nachlass zu entnehmen, habe das Leistungsprinzip stark verwirklicht, einen hohen Rang der Intelligenz, optimale Betriebs- und Eigentumsformen, die Konzentration auf Zukunftsindustrie, keine Schulden (da Devisen­über­schuss), Kunstblüte, Einigkeit über Marxismus-Leninismus bei Duldung anderer Einflüsse und eine kräftige Bündnispolitik. »In nichtigen Dingen Freiheit, in wichtigen Wissenschaft«, fasste Hacks es einmal zusammen. Der Dichter schätzte die Politik Walter Ulbrichts, der seines Erachtens einen Ausgleich zwischen Parteiapparat und technischer Intelligenz schuf. In Erich Honeckers »Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik« sah Hacks die Vorherrschaft der Partei und der von ihr durch Opportunismus und Unvermögen bedingten Idiotie, welche die Grundlagen des Sozialismus in der DDR bedrohte.

Hacks hatte mit dieser Einschätzung nicht unrecht. Nach 1989/90 beschäftigte sich Hacks in seinem politischen Denken vor allem mit dem Umstand, dass die DDR ohne große Widerstände in der BRD aufging. »Die DDR wurde aufgelöst (in absteigendem Wichtigkeitsgrade) von: Gorbatschow. Kohl. Der evangelischen Kirche. Dem Minister Hoffmann. Der Akademie der Künste. Verschiedenen Narren, Dissidenten, Stefan Heym und dem Dresdner Staatsschauspiel«, notierte er. Von der Wiedervereinigung hielt Hacks bekanntlich nichts, es war für ihn das deutliche Anzeichen, dass es mit sozialem Fortschritt – bei gleichzei­tigem Ausbleiben revolutionärer Lösungen – auf absehbare Zeit nichts mehr werden dürfte. »Der Kapitalismus der Deutschen stellt eine besonders unappetitliche Spielart dar durch seine Verbeugung vor dem Junkertum.

Er ist nicht durch Revolution in der Welt, sondern mit obrigkeitlicher Erlaubnis«, beschrieb er die Misere, die sich mit der Berliner Republik wieder mit entsprechenden Weltmachtambitionen manifestierte (»Deutschland ist zu groß, um Weltpolitik nur von der Außenlinie zu kommentieren«, sagte bekanntlich der inzwischen zum Bundespräsidenten aufgestiegene SPD-Politiker Frank-Walter Steinmeier). Und welche Zukunft hat der Marxismus? Wird er »für 1 000 Jahre von der Erde verschwinden, so wie einst die antike Kultur? Nein; denn die neuen Barbaren haben eine Schwäche: Sie können lesen und schreiben.« Am Ende war Hacks doch hoffnungsvoll. Trotz alledem.

 


Peter Hacks: Marxistische Hinsichten. ­Politische Schriften 1955–2003. Heraus­gegeben von Heinz Hamm. Eulenspiegel-Verlag, Berlin 2018, 607 Seiten, 19,99 Euro