Der Antisemitismus hat in Deutschland wieder Hochkonjunktur

Jüdischsein als Provokation

Die gewalttätige Attacke auf einen israelischen Kippaträger in Berlin vorige Woche ist kein Einzelfall. Dennoch löste sie längst bekannte Reaktionen aus.

»Jude!« schreit der Angreifer auf Arabisch. Und nochmal: »Jude!« Mit ­einem Gürtel drischt er immer wieder auf sein Opfer ein, bis endlich ein ­Begleiter des Angreifers dazwischengeht. Die Szene ist auf einem Video zu sehen, das der angegriffene Adam ­Armoush während der Tat selbst mit seinem Handy aufgenommen hat. Der 21jährige ist in einer arabischen Familie in Israel aufgewachsen, lebt seit drei Jahren in Deutschland und seit einem Monat in Berlin, wo die Tat am Dienstag vergangener Woche geschah. Ein paar Tage zuvor hatte Armoush von jüdischen Freunden in Israel eine Kippa geschenkt bekommen. Er solle aufpassen, in Berlin könne das Tragen gefährlich sein. Die Freunde sollten recht behalten. Wenige Minuten, nachdem Armoush seine Wohnung im Ortsteil Prenzlauer Berg verlassen hatte, fingen die Provokationen des Täters an. Dann kam der erste Schlag, dann der zweite. Und noch einige mehr. Später bedrohte ihn der Mann auch noch mit einer Glasflasche, ein weiterer Angriff konnte nur durch das Eingreifen einer Zeugin verhindert werden. Zuvor hatten zahlreiche Cafégäste die Szenen einfach ignoriert.

Wenn Angela Merkel »neue Phänomene« des Antisemitismus beklagt, hat sie offenbar verpasst, dass diese Diskussion in Deutschland seit über zehn Jahren geführt wird.


Mittlerweile hat sich der 19jährige Angreifer der Polizei gestellt, wollte dort allerdings keine Angaben zur Tat machen. In einem selbst veröffentlichten Video behauptete er hingegen, er sei nicht feindlich gegenüber Juden eingestellt und der Angriff sei nicht aus antisemitischer Motivation erfolgt. Warum er während der Gürtelschläge und mit hasserfüllten Blicken »Jude« schrie, erklärte er nicht.

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Dass die meisten Antisemiten keine sein wollen, gilt ­bereits seit dem Ende des Nationalsozialismus. Schon 1947 fügten Max Horkheimer und Theodor W. Adorno ihren »Elementen des Antisemitismus« in der »Dialektik der Aufklärung« eine letzte These hinzu, wonach es »keine Antisemiten mehr« gebe – also kaum noch welche, die sich offen dazu bekennen.

Dass der Angriff kein Einzelfall ist, zeigt ein in der vergangenen Woche veröffentlichter Bericht der »Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus« (RIAS), der antisemitische Vorfälle im Jahr 2017 in Berlin und im ganzen Bundesgebiet dokumentiert. Allein in ­Berlin registrierte die Monitoring-Einrichtung 947 antisemitische Vorfälle. Darunter waren 18 Angriffe, 23 Bedrohungen, 42 Sachbeschädigungen, 679 Fälle verletzenden Verhaltens (davon 325 online) sowie 185 Vorfälle von sogenannter Massenpropaganda. So wurde beispielsweise im Bezirk ­Tempelhof-Schöneberg ein 14jähriger monatelang von Mitschülern gemobbt, nachdem diese erfahren hatten, dass er Jude ist. Im März 2017 wurde er bedroht und mit einer Spielzeugpistole beschossen. Die Eltern nahmen ihren Sohn anschließend von der Schule. Im gleichen Monat wurde eine israelische Touristin im Bezirk Mitte bedroht: »Weil du Jüdin bist, bringen wir dich um!« Auch ein Kippa tragender Jude in Neukölln wurde eingeschüchtert: In der U-Bahn beschimpfte ihn eine Männergruppe im November als »Drecksjuden« und rief »Free Palestine«.

Ein Abiturient mit Kippa wurde im Dezember im Bezirk Mitte von Mitschülern festgehalten. Die Täter sagten ihm, Hitler sei wegen des Judenmords ein guter Mann gewesen. Die Schulleitung reagierte, indem sie dem Opfer einen gesonderten Raum für die Freistunden und einen separaten Schuleingang anbot. Alleine mit diesen Beispielen könnte man Zeitungsseiten füllen.

Darüber, wer die größte Tätergruppe ist, wird schon seit längerem debattiert. Laut Polizeilicher Kriminalstatistik ist das eindeutig: Über 90 Prozent der antisemitischen Straftaten sind der Kategorie »Politisch motivierte Kriminalität rechts« zugeordnet. Dies geschieht ­allerdings automatisch, wenn die Täter nicht ermittelt werden können. Die Statistik wird von Experten daher schon länger kritisiert.

»Die Zahlen geben ­weder das Ausmaß antisemitischer Straftaten wieder, noch sind die Tätergruppen genau erfasst«, sagte der ­RIAS-Leiter Benjamin Steinitz im Februar der Jüdischen Allgemeinen. Allerdings sei die Behauptung, dass der Großteil der Taten einen muslimischen ­Hintergrund habe, ebenfalls zu einfach: »Wenn zum Beispiel türkische Natio­nalisten wie die Grauen Wölfe antisemitische Straftaten begehen, hat das ­allemal einen rechtsradikalen Hintergrund.« In einer 2017 vom Unabhängigen Expertenkreis Antisemitismus des Bundestags in Auftrag gegebenen Studie nennen deutsche Juden überdurchschnittlich oft Muslime als Täter. Nach antisemitischen Erfahrungen in den vergangenen zwölf Monaten gefragt, gingen den Einschätzungen der befragten Juden zufolge 48 Prozent der versteckten Andeutungen, 62 Prozent der Beleidigungen und 81 Prozent der körperlichen Angriffe von Muslimen aus. Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) jetzt im israelischen Fernsehen »neue Phänomene« des Anti­semitismus beklagt, hat sie offenbar verpasst, dass diese Diskussion in Deutschland seit über zehn Jahren geführt wird.

Selbstverständlich gibt es das zu kritisierende Phänomen, lediglich den muslimischen Antisemitismus zu skandalisieren, um den nichtmuslimischen zu verschweigen oder zu leugnen. Es wäre fatal, rechten oder linken Antisemitismus als vernachlässigbar zu beschreiben. Gerade die israelbezogene Spielart ist in allen Teilen der Gesellschaft weit verbreitet. Und die Rede vom »importierten Antisemitismus« ist zurückzuweisen, da sie die rechts­extreme Verschwörungsideologie vom geplanten Bevölkerungsaustausch ­bedient.

 

Ein großes Problem ist es allerdings auch, den muslimischen Antisemi­tismus zu verharmlosen, wenn jede Kritik daran höchstens abgelenkt wird und als Reaktion lediglich auf den ebenfalls vorhandenen Antisemitismus der Mehrheitsgesellschaft verwiesen wird. Der Islamismusexperte Ahmad Mansour spricht von qualitativen Unterschieden der Phänomene. Der muslimische Antisemitismus sei »in den Herkunftsländern wie in der Diaspora frecher, dreister und emo­tionaler als der verhohlene deutsche«, schrieb er im Tagesspiegel. »Nicht zu Unrecht haben Juden in Deutschland, in Europa vor ihm Angst. Umso mehr ist es eine Schande, dass die Angst vieler Juden relativiert wird«, so Mansour.

Ein typisches Beispiel für diese Relativierung ist das gerade erschienene Buch »Muslimischer Antisemitismus« von David Ranan. Antisemitismus wird dort im Wesentlichen als Reaktion auf Israels Politik gegenüber den ­Palästinensern rationalisiert – als ob es Antisemiten um irgendein bestimmtes Verhalten von Juden ginge. Doch Ranan behauptet, der Antisemitismus­begriff sei teilweise »eine politische Waffe« und werde auch genutzt, »um Gegner Israels zu diskreditieren«. Die Feststellung, dass muslimischer Anti­semitismus ein großes Problem sei, nennt er im Spiegel »kurios«.

Zurück zu Adam Armoush. Dass er nach dem Angriff nicht alleine gewesen sei und der Fall viel Aufmerksamkeit erhalten habe, habe ihm gutgetan, ­berichtet er im Gespräch mit der Jungle World. »Mir geht es mittlerweile besser, aber nicht gut. Ich schwitze nachts sehr viel.« Noch immer quälten ihn Albträume, auch tagsüber fühle er sich gestresst. Weitere Interviews wolle er vorerst nicht mehr geben. »Auf dem gestrigen Heimweg von der Arbeit habe ich gemerkt, dass ich die ganze Zeit renne. Bis zu meiner Haustür bin ich gerannt, weil ich so viel Angst habe. Ich fühle mich einfach unsicher und hätte nicht erwartet, dass es so schlimm wird.«

Dass das Tragen der Kippa ein »Experiment« gewesen sei, hätten viele Medien falsch übersetzt oder falsch übernommen. »Der Großteil meiner Freunde in Israel ist jüdisch, ich habe dort auch jüdische Feiertage gefeiert und habe das Gefühl, dass ich ein Teil davon bin«, berichtet er. »Ich habe die Kippa getragen, weil ich nach dem israelischen Gedenktag für die Opfer des Holocaust Solidarität zeigen wollte. Sie hat mir ein gutes Gefühl gegeben, als ich sie geschenkt bekam. Ich habe mich einfach wohl damit gefühlt.«

Einige deutsche Kommentatoren haben dafür kein Verständnis. So kritisiert Jakob Augstein in einem Tweet Armoush: »Wie gestört ist unsere Wirklichkeit, dass jemand auf die Idee kommt, das Tragen der Kippa als ­Provokation zu nutzen – und damit auch Erfolg hat!« Für Augstein ist ­offenbar nicht etwa die antisemitische Gewalttat »gestört«, sondern das ­Tragen der jüdischen Kopfbedeckung. 2012 setzte das Simon-Wiesenthal-­Center Augstein, der Spiegel-Kolumnist und -Miteigentümer sowie Eigentümer und Chefredakteur des Freitag ist, auf seine jährliche Rangliste antisemitischer Verunglimpfungen und wurde damals vielfach für eine vermeintlich überzogene Entscheidung kritisiert. Offenbar will Augstein den damaligen Kritikern nun beweisen, dass sein Platz auf der Liste durchaus gerechtfertigt war.