Ronan Evain, Vorsitzender der Fanorganisation Football Supporters Europe, im Gespräch über den Umgang mit russischen Hooligans

»Dieses Jahr kaum Gewalt«

Ein Gespräch über den Umgang mit Gewalt und Rassismus in russischen Stadien und die Sicherheitsmaßnahmen des russischen Staates.
Interview Von

Herr Evain, Sie waren gerade in Moskau. Ist die kommende WM das bestimmende Thema?
Die Werbeplakate hängen noch nicht an jeder Ecke und man spürt noch nicht überall, dass die WM bald beginnt. Doch der Enthusiasmus ist in den vergangenen Wochen und Monaten spürbar gewachsen. Auch in den staatlichen Medien ist es ein großes Thema, aber noch nicht so bestimmend, dass es die Tagespolitik verdrängt hätte. Ich erwarte, dass sich das in den kommenden Wochen noch ändert, denn es gibt das Bedürfnis, der Welt zu zeigen, dass Russland ein gutes Gastgeberland ist.

Anzeige

Ist Russland denn eine gutes Gastgeberland für die Fußball-WM?
Russland hat eine lange Fußballtradition, die noch in die vorsowjetische Phase zurückreicht. Es ist ein großes Land mit einem großen öffentlichen Interesse an Fußball. Ich glaube, niemand zieht anhand dieser Punkte in Zweifel, dass Russland ein legitimer Gastgeber für die WM ist.

Wenn wir aber darüber sprechen, wie Russland den Zuschlag bekommen hat, wie das Event organisiert wird, wie die Stadien hochgezogen wurden und inwiefern die Zivilgesellschaft eingebunden ist, dann gibt es da schon Probleme. Wir teilen hier die Sorgen von Menschenrechtsorganisationen, vor allem bezüglich der Arbeitsbedingungen beim Stadionbau. Man könnte die WM dazu nutzen, in Ländern wie Russland der Zivilgesellschaft mehr Sichtbarkeit zu verleihen, aber das ist bislang nicht passiert.

»Es ist unwahrscheinlich, dass wir ›high profile violence‹ russischer Hooligans sehen werden wie 2016 in Marseille.«

Ist es eine Herausforderung oder gar ein Problem, dass die Weltmeisterschaften derzeit vor allem an nichtwestliche Staaten vergeben werden?
Wenn es Weltmeisterschaft heißt, dann muss es auch in nichtwestlichen Ländern stattfinden. In dieser Hinsicht ist es gut, dass die WM in Russland stattfindet und 2026 vielleicht in Mexiko. Man sollte sich die Situation aber auch nicht schöner reden, als sie ist. In Ländern mit beschränkter Rechtssicherheit und akuten Problemen in Menschenrechtsfragen könnte es sich die Fifa zur Aufgabe machen, ein positives soziales Erbe in diesen Staaten zu hinterlassen, aber das passiert nicht. Eine WM in solchen Staaten kann die Sicht auf Menschenrechtsverletzungen und andere Probleme in diesen Ländern lenken. Wenn wir uns die jüngsten Berichte von Menschenrechtsorganisationen anschauen, dann wird deutlich, dass die WM in Russland leider keinen positiven Effekt auf Bürgerrechte und Menschenrechte haben wird. Bei Menschenrechten liefert die Fifa nicht. Solange Mindeststandards eingehalten werden, ist die Fifa zufrieden.

Was wir in Russland sehen, ist in dieser Hinsicht nicht zufriedenstellend. Der russische Staat kümmert sich nur darum, was in den Stadien geschieht. Die Zivilgesellschaft wird überhaupt nicht einbezogen und die WM wird vor Ort nicht genutzt, um auf Probleme aufmerksam zu machen.

Was ist eigentlich mit den berühmten russischen Hooligans?
Wir können die Entstehung eines neuen Hooliganismus in Russland auf die Jahre 2002/2003 datieren, als die Gewalt sich von den Stadien auf die Straße oder in den Wald verlagerte. Wenn ich Wald sage, dann meine ich die Kultur des free fighting, die sich abseits der Öffentlichkeit etabliert hat.

Damals waren das Kämpfe mit Regeln, bei denen auf beiden Seiten ähnlich viele Personen standen, die ähnlich stark waren. Die russischen Sicherheitskräfte haben diese Kämpfe toleriert, weil sie den pragmatischen Standpunkt wählten, es sei besser, diese Leute im Wald kämpfen zu lassen, als zu riskieren, dass sie in den Stadien Ärger machen. Die free fighting-Szene wächst seitdem. Die Gruppen werden größer, stärker und strukturierter. Inzwischen finden die Kämpfe auf einem Niveau statt, bei dem man schon fast von professionellem Sport sprechen kann.

Muss man damit rechnen, dass solche Gruppen in den Stadien gewalttätig werden? Wie geht der russische Staat dagegen vor?
Der Angriff russischer Fans in Marseille bei der EM 2016 hat die Sicherheitskräfte in Russland dazu gebracht, verstärkt auf Sicherheit zu achten. In den vergangenen 18 Monaten kam es zu präventiver Arbeit durch Polizei und FSB. Sie haben bekannte Gruppen und Einzelpersonen zu Hause oder bei der Arbeit besucht und diese darauf hingewiesen, dass es schwerwiegende Konsequenzen haben würde, wenn sie Probleme machen. In einem Land wie Russland mit diesen ausgeprägten Sicherheits- und Geheimdienststrukturen ist das keine leere Drohung. Wir sprechen hier von Gefängnisstrafen.

Im Zuge der WM-Vorbereitungen wurden zudem Maßnahmen ergriffen, um gewisse Standards zu erfüllen.

Es wurden neue Stadien mit den technisch aktuellsten Videoüberwachungssystemen gebaut. Es wurde also in dieser Hinsicht einiges getan, um die Sicherheit zu garantieren.

Funktioniert das Konzept?
Es scheint zu funktionieren. Wir haben dieses Jahr kaum Gewalt in den russischen Stadien gesehen. Bei den Spielen englischer Vereine in Russland und russischer Vereine in England gab es keine Schwierigkeiten.

Es gab aber auch die Straßenschlachten zwischen Athletic Bilbao und Spartak Moskau (bei denen ein Polizist starb, Anm. d. Redaktion). Doch das war ein sehr spezieller Fall. Im Großen und Ganzen war es aber ruhig in Russlands Stadien.

Das heißt, Sie rechnen nicht mit hässlichen Bildern?
Das kommt darauf an, was man unter hässlichen Bildern versteht. Es ist unwahrscheinlich, dass wir high profile violence russischer Hooligans sehen wie 2016 in Marseille. Das heißt aber nicht, dass es nicht aus kleinen Gruppen heraus zu Unruhen kommen wird. Oder aber auch zu rassistischen Szenen.