Die antisemitische Demonstration zum »al-Quds-Tag« war dieses Jahr stark besucht

Zulauf beim al-Quds-Tag

Raucherecke Von

Samstag in Berlin. Ein Mann steht auf dem Lautsprecherwagen bei der al-Quds-­Demonstration und verliest die von der Versammlungsbehörde auferlegten Regeln: keine extremistischen Symbole, keine Hizbollah-Fahnen und keine Anfeindungen gegen Juden. Man lehne Antisemitismus ab und trage nur Kritik am Staat Israel vor. Danach stimmt er eine Parole an, die Umstehenden grölen mit: »Judenhass – ihre Masche, unser Geld – ihre Tasche.« Auf die Idee, dass dieses Bild vom lügenden und gierigen Juden anti­semitisch sein könnte, kommen die Teilnehmer wohl nicht. Auch der antisemitische Topos vom Kindermörder wird bedient: Ein Mann trägt ein Schild, auf dem geschrieben steht, dass Israel zwei Kinder pro Tag töte. Neben ihm zeigt ein anderer Mann ein Plakat, demzufolge Israel drei Kinder pro Tag töte. Woher die verschiedenen Zahlen kommen, wissen beide nicht. Das sei aber auch nicht wichtig. Wichtig sei nur, dass Israel systematisch Kinder ermorde, lassen sie wissen.

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»Al-Quds« ist die arabische Bezeichnung für Jerusalem. Der al-Quds-Tag wurde 1979 vom iranischen Revolutionsführer Ayatollah Khomeini ausgerufen. In diesem Jahr konnte die Berliner al-Quds-Demonstration deutlichen Zulauf verzeichnen. Nach Polizeiangaben nahmen 1 600 Personen teil, etwa doppelt so viele wie im Vorjahr.

Um zu zeigen, dass man auch wirklich nichts gegen Juden habe, wurden auch in diesem Jahr Vertreter der antizionistischen jüdischen Sekte Neturei Karta aus London eingeflogen. Sie halten die Shoah für eine Strafe Gottes, lehnen den Staat Israel ab und laufen weltweit bei antisemitischen Demonstration in der ersten Reihe mit, damit die anderen Teilnehmer sagen können, sie hätten ja nichts gegen Juden. Fragen der Jungle World wollen die Neturei-­Karta-Rabbis nicht beantworten. Das sei Arbeit und am Sabbat arbeite man nicht. An der al-Quds-Demonstration teilzunehmen und dabei mit dem Verschwörungstheoretiker und Erdoğan-Fan Martin Lejeune zu plaudern, zählt offenbar nicht als Arbeit. Lejeune ­sinniert bei der Veranstaltung darüber, dass es für ihn als Moslem eine Ehre wäre, als Märtyrer zu sterben.

Vor dem Aufbruch postiert sich auf der Demonstrationsroute eine Gruppe von etwa 30 israelsolidarischen Linken vor einem Sandwichladen. Während sie warten, nutzen sie ausgiebig das Angebot, die Getränke kostenlos nachzufüllen. Als die Demonstration an ihnen vorbeiläuft, halten die Mitglieder der Gruppe Israel-Fahnen vor ihre Gesichter und rufen: »Free Gaza from Hamas.« Der ­Demonstrationszug antwortet mit: »Free, free, Palestine«. Die Polizei hält beide Seiten auseinander. Später wird einer der Gegen­demonstranten nach eigenen Angaben aus den Reihen der al-Quds-Demonstration mit einem Stein beworfen, der ihn nur knapp verfehlt. Insgesamt protestieren nur wenige Hundert Menschen gegen die israelfeindliche Demonstration.

Die meisten Teilnehmer, auch jene mit Palästina- und Libanon-Flaggen, sprechen sehr gut deutsch. Viele haben auch Deutschland-Fahnen dabei und rufen die Parole: »Deutschland, Deutschland – sei nicht feige, tanze nicht nach ihrer Pfeife.« Einige Jugendliche verschenken Schilder mit Deutschland- und Palästina-Fahne, dazu der Spruch »Nie wieder«. Die Schildverteiler sind der Überzeugung, dass die Palästinenser wegen der Gründung Israels die wahren ­Opfer des Nationalsozialismus seien. Den Holocaust finden sie schon schlimm, aber man müsse doch auf das »Leiden der Palästinenser« schauen. So relativiert man unter dem Motto »Nie wieder« den Holocaust. Aber Antisemiten wollen sie natürlich alle nicht sein.