Rechtes Gedenken in Thüringen

Gedenken mit Holocaustleugnern

Der geschichtsrevisionistische Verein Gedächtnisstätte unterhält im thüringischen Guthmannshausen einen Gedenkort. Rechtsextreme Funktionäre zählen zu den regelmäßigen Gästen. Bis vor kurzem warb auch der Bund der Vertriebenen für die Gedächtnisstätte.

Ob NPD-Kinderfeste mit Hüpfburg und Schminkstand oder große Rechtsrockfestivals – in Thüringen wird für Rechtsextreme einiges geboten. Meist sorgen größere Veranstaltungen wie die Konzerte in Themar, zu denen in den vergangenen Jahren mehrere Tausend Neonazis anreisten, für öffentliche Aufmerksamkeit. Doch das Milieu kommt auch bei zahlreichen kleinen Veranstaltungen zusammen. Die Liederabende des Vereins »Volksgemeinschaft ­Erfurt e.V.«, die regelmäßigen Lesertreffen der Zeitschrift Recht und Wahrheit, herausgegeben von dem langjährigen rechtsextremen Funktionär und Anführer der Reichsbürgergruppe »Neue Ordnung«, Meinolf Schönborn, und die Sonnenwendfeiern und Tagungen der »Artgemeinschaft – Germanische Glaubensgemeinschaft wesensgemäßer Lebensgestaltung e.V.« beispielsweise werden bundesweit nur selten öffentlich beachtet.

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Auch der Verein Gedächtnis­stätte e.V. hielt Treffen auf seinem Gelände in der Gemeinde Guthmannshausen in den vergangenen Jahren ohne größere ­öffentliche Aufmerksamkeit ab. Das Land Thüringen verkaufte das Grundstück, ein ehemaliges Rittergut, vor sieben Jahren an eine Frau aus völkisch-geschichtsrevisionistischen Kreisen; dem Landesverfassungsschutz waren die politischen Verbindungen der Käuferin bekannt, er schritt jedoch nicht ein. Das Anwesen hat eine Nutzfläche von mehr als 1 000 Quadratmetern.

Auf dem Anwesen des Vereins Gedächtnisstätte in Guthmanns­hausen treffen sich regelmäßig Neonazis und andere Rechts­extreme.

Dort befindet sich neben einer Gedenkstätte für »die Toten, Geschundenen und Geplagten der jüngeren Geschichte unseres Volkes« beziehungsweise »für die Abermillionen zivilen deutschen Kriegsopfer« ein für Tagungen bestens geeignetes Herrenhaus. Der Verein wurde 1992 unter anderem von der bundesweit bekannten Holocaustleugnerin Ursula Haverbeck gegründet. Dem niedersächsischen Verfassungsschutz zufolge gehört der Verein zu einem »Netzwerk von Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten, die das ­nationalsozialistische Deutschland von Schuld reinwaschen« wollen.

Zunächst hatte sich der Verein im sächsischen Borna niedergelassen. Nachdem aber seine politischen Absichten bekannt geworden waren und ­öffentliche Proteste stattgefunden hatten, gab er den Standort in Sachsen auf und wurde im westlichen Nachbarland Thüringen fündig. Seit 2011 ­finden auf dem Gelände in Guthmanns­hausen Veranstaltungen mit bekannten Vertretern der extremen Rechten statt. Eine der ersten Referentinnen, die nach dem Kauf des Anwesens in den Räumlichkeiten auftrat, war Haverbeck.

Vor einem Monat endete die beschauliche Ruhe, in der Gedächtnisstätte e.V. bislang gearbeitet hatte. Die Mitteldeutsche Zeitung berichtete über die Verbindungen des Bundes der Vertriebenen (BdV) zur »zweifelhaften Gedenkstätte«, Focus griff den Bericht auf und machte die Angelegenheit bundesweit bekannt. Jahrelang hatte der BdV demnach auf seiner Website den von Holocaustleugnern und Geschichtsrevisionisten gegründeten Versammlungsort in einer Liste mit anderen zum Teil vom Vertriebenenverband selbst geführten Gedenkorten genannt.

Zwar schreibt der Verein Gedächtnisstätte auf seiner Homepage, dass er »offenen Wesens«, »überparteilich und überkonfessionell ausgerichtet« sei und »gemäß der Grundlagen des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland« arbeite. Den Funktionären des BdV hätte dennoch auffallen können, was für eine Gedenkstätte sie bewarben. Auf dem Anwesen in Guthmanns­hausen treffen sich regelmäßig Neonazis und andere Rechts­extreme. Der ehemalige NPD-Bundesvorsitzende und derzeitige NPD-Europaabgeordnete Udo Voigt hielt dort Lesungen ab und feierte mehrfach mit dem »Freundeskreis Udo Voigt« Sommerfeste. An diesen Veranstaltungen nahmen in der Vergangenheit Personen aus unterschiedlichen Organisationen der extremen Rechten teil: Alexander Kurth und Enrico Biczysko von der Kleinpartei »Die Rechte«, David Köckert vom Pegida-Ableger Thügida und der rechtsextreme Liedermacher Frank Rennicke, der Mitglied der NPD ist. Nach Angaben der antifaschistischen Website »Thüringen rechtsaußen« zählten auch Redner und Referenten aus dem Ausland zu Voigts Gästen in Guthmannshausen, etwa der Vorsitzende des Bündnisses rechtsextremer europäischer Parteien, »Alliance for Peace and Freedom«, Roberto Fiore.

Zum jüngsten Sommerfest Voigts auf dem Gelände der sogenannten Gedächtnisstätte kamen Anfang Juli ­Angaben der NPD zufolge etwa 350 Gäste. Als »ganz besonderen Höhepunkt« erwähnt Voigt auf seiner Homepage den Auftritt Abdallah Melaouhis, des letzten Pflegers des ehemaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß. Dessen Rede sei »allen Anwesenden unter die Haut« gegangen. Zum Dank habe Voigt Melaouhi »eine repräsentative Gedenktafel zur Erinnerung« überreicht.

Die nächste größere Veranstaltung in Guthmannshausen steht kurz bevor. Die Gedächtnisstätte plant für den 4. und 5. August ihr eigenes Sommerfest. Proteste sind bislang nicht angekündigt. Der BdV hat den thüringischen Verein zwar mittlerweile aus seinem Online-Verzeichnis entfernt. Als Rednerin auf dem Sommerfest kündigt die Gedächtnisstätte jedoch weiterhin Gerlinde Groß an, die Vorsitzende des Kreisverbands Frankfurt am Main der »Landsmannschaft der Ost- und Westpreußen«, die zum BdV gehört.

Mit einem Bücherstand nahm in der Vergangenheit häufig auch Nadine Heise an Veranstaltungen in Guthmannshausen teil. Sie betreibt den Nordlandverlag und ist die Ehefrau von Thorsten Heise. Der Landesvorsitzende der NPD Thüringen ist selbst ein emsiger Veranstalter, vor allem im Bereich des Rechtsrock. Recherchen der Mobilen Beratung für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zufolge spielte die Dortmunder Band »Oidoxie« am 10. Februar in der Landesgeschäftsstelle der NPD in Eisenach. Das Treffen war der antifaschistischen Recherchegruppe Exif zufolge ein »Solidaritätsabend« für André Eminger, einen verurteilten Unterstützer des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Heise selbst steht nach einer Vernehmung durch das Bundeskriminalamt im Dezember 2012 auf einer Liste des Amtes von ­Personen »mit nachgewiesenen Kontakten zu Tätern oder Beschuldigten« des NSU.

Am 25. August soll das Rechtsrock-Konzert »Rock gegen Überfremdung III« in Thüringen stattfinden. Die Ver­anstalter haben Bands wie »Gigi und die Braunen Stadtmusikanten«, »Die Lunikoff Verschwörung« und »Fortress« angekündigt. Eine Verbindung zum ­NSU-Umfeld könnte auch bei »Gigi und die Braunen Stadtmusikanten« bestehen. Sie veröffentlichten bereits 2010, also vor dem öffentlichen Bekanntwerden des NSU, das Lied »Dönerkiller«, in dem die Band die rechtsterroristische Mordserie bejubelte. Zudem berichtete der MDR in der vergangenen Woche über Hinweise, dass der nach seiner Verurteilung im NSU-Prozess freigelassene Ralf Wohlleben »möglicherweise am 25. August bei einem großen Neonazifestival« auftritt.