Ein Jahr nach dem Nazimord in Charlottesville

Auch Lite ist Right

Ein Jahr nach den rechtsextremen Ausschreitungen im US-amerika­nischen Charlottesville, bei denen eine linke Gegendemonstrantin getötet wurde, steht es schlecht um die Alt-Right. Ihrem gemäßigteren Flügel, genannt Alt-Lite, hat die öffentliche Empörung über den Mordfall jedoch nicht geschadet.

Ein Jahr nach den Ereignissen in Charlottesville tut sich die US-amerikanische Alt-Right schwer damit, ihre vormalige Bedeutung wiede rzuerlangen. Im August 2017 war ein Mann mit seinem Auto in eine Gruppe antifaschistischer Demonstranten gerast, die gegen einen rechtsextremen Aufmarsch in der Stadt im US-Bundesstaat Virginia demonstriert hatten, und hatte eine Frau getötet und über 30 weitere Personen verletzt. Mittlerweile wurde der Tatverdächtige, ein Sympathisant der Naziorganisation Vanguard America, wegen Mordes und mehrfacher Hassverbrechen angeklagt. Nur eine Handvoll sogenannter weißer Nationalisten kamen am Jahrestag der Geschehnisse zu einer Demonstration nach Washington, D.C. Das lässt zwar nur bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Stärke der Bewegung zu. Aber die heftigen öffentlichen Reaktionen haben der Alt-Right deutlich geschadet. Allerdings ist der gemäßigtere Flügel der Bewegung, die sogenannte Alt-Lite, in weitaus besserer Verfassung. Seine politische Ausrichtung gilt als  zeitgemäß und er verfügt über Stärke auf der Straße.

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Der Aufstieg der Alt-Right verlief 2016 überaus schnell. Gegen Ende des Jahres begann die Spaltung in zwei Flügel: Der eine, die eigentliche Alt-Right, entstammt der seit langem bestehenden Bewegung der weißen Nationalisten. Neu waren lediglich Anführer, Organisationsformen, Ästhetik und soziale Basis. Die Alt-Lite teilt mit der Alt-Right zwar Organisationsformen und viele politische Ansichten, geht jedoch nicht so weit, einen Staat für Weiße zu fordern und offen Antisemitismus zu verbreiten. Sie hat auch nichtweiße, homosexuelle und jüdische Anhänger.

Der Alt-Right gelang es, die Bewegung der weißen Nationalisten wiederzubeleben, die sich lange in der Krise befunden hatte. Eine Reihe von Demonstrationen und Zusammenstößen im Frühjahr 2017, die von der Alt-Lite angeführt und von der Alt-Right unterstützt worden waren, gipfelten am 12. August 2017 in der Demonstration mit dem Slogan »Unite the Right« in Charlottesville. Dort dominierten weiße Nationalisten das Geschehen und die Liste der vorgesehenen Redner bestand aus dem Who’s Who der Alt-Right. Nach Zusammenstößen mit Antifaschisten untersagte die Polizei den rechtsextremen Aufzug und zerstreute die Menge. Der Tag endete mit der tödlichen Autofahrt.

Von Vorteil ist für die Alt-Lite, dass sie Verbindungen zum weißen Nationalismus meidet.

Der Mord rief eine Welle öffentlicher Abscheu hervor. Die Alt-Right und auch einige Mitglieder der Alt-Lite verloren viele Zugänge zu digitalen Plattformen, also bei sozialen Medien, Webhostern, Finanzdienstleistern – und sogar Profile bei Dating-Apps. Eine rechtsextreme Demonstration, die eine Woche nach den Geschehnissen in Char­lottes­ville in Boston stattfand, zog 40 000 Gegendemonstranten an. Stephen Bannon und Sebastian Gorka, diejenigen Mitglieder aus der Regierung Trump, die der Alt-Right am nächsten standen, mussten kurze Zeit später das Weiße Haus verlassen.

Die Alt-Right hatte sich zuvor bereits in einigen Punkten von Trump distanziert. Sie lehnte die Bombardierung eines Luftwaffenstützpunkts der syrischen Regierungstruppen im April 2017 ebenso ab wie Trumps Unterstützung für Israel. Die Wirtschafts- und Sozialpolitik des Präsidenten stand ebenfalls im Widerspruch zu den Vorstellungen vieler prominenter Figuren der Alt-Right, die einen Wohlfahrtsstaat befürworten – zumindest für Weiße.

Im März dieses Jahres war die Bewegung am Tiefpunkt angelangt. Die Traditionalist Worker Party, die einzige Organisation, die es in gleichbleibendem Maß vermocht hatte, Unterstützer auf die Straße zu bringen, zerbrach an Streitigkeiten in der Führung. Die ohnehin auf viel Widerstand stoßende Vortragsreihe des Alt-Right-Anführers Richard Spencer an Universitäten wurde nach einem desaströsen Auftritt in Michigan abgebrochen. Zudem wurden weitere Mitglieder der Alt-Right, vor allem Teilnehmer des Aufmarschs in Charlottesville, identifiziert und von ihren Arbeitgebern entlassen. Übrig blieben lediglich zwei Gruppen, Patriot Front und Identity Evropa, die sich jedoch mittlerweile auf Spontandemonstrationen beschränken. Eine Reihe weißer Nationalisten trat im Frühling zu den Vorwahlen an, die meisten unterlagen deutlich.

Dieser Niedergang hatte keine Auswirkungen auf Trump und seine Anhänger aus dem Mainstream. Die Alt-Lite verlor zunächst ihre Mobilisierungsfähigkeit. Aber Joey Gibson, dem Gründer der Gruppe Patriot Prayer, gelang es, die Aufmärsche in den westlichen Staaten wiederzubeleben. Die Proud Boys, die Schläger der Alt-Lite, konnten den Kollaps ihrer Gruppe nach Charlottesville vermeiden und verzeichnen mittlerweile einen Mitgliederzuwachs. Von Vorteil ist für die Alt-Lite, dass sie Verbindungen zum weißen Nationalismus meidet. Anders als die Alt-Right unterstützt sie vorbehaltlos Trump, seine Steuer-, Sozial- und Wirtschaftspolitik und Israel. So können sich Anhänger der Alt-Lite öffentlich als ganz gewöhnliche Anhänger des Präsidenten darstellen. Etwa 400 von ihnen, darunter Mitglieder von Milizen, nahmen am 4. August an einer Demonstration von Patriot Prayer in Portland, Oregon, teil; viele trugen Schutzkleidung und Schilde.

Der Veranstalter der Demonstration in Charlottesville, Jason Kessler, war auch für die Kundgebung in Washington, D.C., am 12. August verantwortlich. 20 Rechtsextremen standen ungefähr 1 000 Gegendemonstranten gegenüber. Diejenigen, die das als Sieg der Linken betrachten, übersehen jedoch, dass sich Kessler mit fast allen Rednern und Gruppen überworfen hat, die im Jahr zuvor nach Charlottesville gekommen waren.

Es ist ungewiss, in welche Richtung sich die Alt-Right entwickeln wird. Sie hat eine neue Generation an den weißen Nationalismus herangeführt und diesen verjüngt. Aber ihre politische Kraft scheint auf die Alt-Lite übergegangen zu sein, die offener vorgehen kann. Öffentliche Aufklärungsarbeit über ihr Personal zeigt meist keine Wirkung. Lediglich als die Gewalttaten von Alt-Lite-Anhängern zunahmen, reagierten auch Menschen außerhalb der radikalen Linken.

Trump schürt fortlaufend rassistische Ressentiments, unter anderem mit seinen Aussagen und Dekreten in der Einwanderungspolitik. Zweifellos wird er weiter – mit konkreten Schritten oder doch mindestens rhetorisch ­– dafür eintreten eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu errichten.

Mittlerweile verbreiten auch große Medien und Politiker in einem bislang ungekannten Ausmaß eine Stimmung, die weißen Nationalisten gefallen dürfte. Am 8. August verfiel Laura Ingraham, eine Moderatorin des Senders Fox News, in eine Hasstirade, in der sie behauptete, das Amerika, »das wir kennen und lieben, existiert nicht mehr«, weil den Amerikanern die Einwanderung aufgezwungen werde. So sieht es derzeit danach aus, dass die Alt-Right zusammenbricht, während ihre Hauptargumente in abgeschwächter Form vom rechten Mainstream übernommen werden.