Aus der Vorbemerkung des Sammelbandes »Freiheit ist keine Metapher«

Am Abgrund der Freiheit

Der Sammelband »Freiheit ist keine Metapher« versammelt 39 Autorinnen und Autoren, die den Gender- und Queerfeminismus sowie die antirassistische Bewegung für ihre emanzipationsfeindlichen und reaktionären Vorstellungen von Kultur und Religion kritisieren.

Silvia Bovenschen hat einmal bemerkt, dass vermutlich jede Bewegung im Zuge fortschreitender Popularisierung ihre eigene Karikatur hervorbringt. Der Genderfeminismus, der Antirassismus und der Queerfeminismus sind ebendies: Karikaturen geschlechter-, migrations- und sexualpolitischer Emanzipationsregungen. Der Sammelband »Freiheit ist keine Metapher« nimmt diesen pessimistischen Befund zum Ausgangspunkt, um über den Verrat an der Mündigkeit nachzudenken, der mittlerweile vollumfänglich dort anzutreffen ist, wo Analysen zu Antisemitismus, Migration, Rassismus und Religionskritik gefragt wären.

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Der bewusst didaktische Titel, der auf eine Autorin dieses Bandes, Fathiyeh Naghibzadeh, zurückgeht, ist dabei Programm. Die Beiträge erinnern an eine Idee, deren Erosion durch die drei vorgenannten Phänomene beschleunigt wird. Angeblich in Geschlechterfragen sensible Akademikerinnen, die nach Euphemismen für Genitalverstümmelung suchen; mit einem vorangestellten »anti-« eingeleitete rassistische Postulate über einen intrinsischen Zusammenhang von Hautfarbe und gesellschaftlicher »Positionierung«; Queer-Aktivistinnen, die religiöse Folklore selbst dann für einen Ausdruck gesellschaftlicher Vielfalt halten, wenn Frauen unter dieser vollständig zum Verschwinden gebracht werden – was noch in den neunziger Jahren belacht, vielleicht auch für wahnhaft erklärt worden wäre, ist längst kein schlechter Scherz mehr. Mittlerweile ist die Satire zur Realität geworden, moralisch zusammengehalten von »Bekenntnisfuror«: das larmoyant vor sich hergetragene Leiden an der Welt, das gegenwärtig in akademischen wie aktivistischen Kreisen bevorzugt auf den Namen »Selbstreflexivität« hört.

Den Feminismus halte sie für eine Frage der Intelligenz, bemerkte Silvia Bovenschen einst. Es ist Zeit, sich diesem Diktum anzuschließen.

Zwanzig Jahre nach Gründung des migrationspolitischen Zusammenschlusses Kanak Attak, der sich explizit gegen die Frage nach Pass, Herkunft und kultureller Identität gewandt hatte, ist es so, als ob es diesen Einspruch nie gegeben hätte: »Sprechorte« sind das Gebot der Stunde, das Einfordern von Akzeptanz noch für die absurdesten Identitätsentwürfe sowie eine rigide Sphärentrennung, der zufolge Deutsche höchstens »Allies« von »POCs« seien können, aber niemals egalitäre Partnerinnen und Partner mit demselben politischen Anliegen. Das unentwegte Austarieren von »Opferhierarchien« ist längst synonym dafür, politisch zu sein; derweil gilt heute noch der Gebrauch falscher Personalpronomen als »gewaltvoll«.

Was die damit einhergehende endemische Apologie physischer Gewalt auch deshalb zu einem solch dringlichen Problem macht, ist, dass sich in unmittelbarer Nähe zu besagten Phänomenen mit steter Regelmäßigkeit Antisemitismus findet. Dieser wiederum ist konstitutiv für den Jihadismus, zu dem in ebenjenen Kreisen vor allem geschwiegen wird. Dieser Konsens muss gestört werden.

»Dass es einen Unterschied gibt zwischen einer Religion und ihrem Fundamentalismus, sollte uns nicht davon abhalten, in aller Gelassenheit und ohne uns zu ereifern die Querverbindungen zwischen beiden zu untersuchen«, schrieb Julia Kristeva nach den Anschlägen vom 11. September 2001: »Denn in Gedanken an ein paar Zeilen einer dieser Lehren lässt ein Terrorist ein Flugzeug explodieren, nicht in Gedanken an eine Sonate von Mozart, einen Vers von Shakespeare oder ein Gemälde von Picasso!«

Doch während der Jihadismus wahrscheinlich das zweigeschlechtliche Identitätsangebot der Gegenwart schlechthin ist und damit a priori die Aufmerksamkeit eines Forschungszweigs erregen müsste, der vorgibt, sich mit ebenjener »Zweigeschlechtlichkeit«, der »heterosexuellen Matrix« und »Normativität« zu befassen, haben deutsche Genderforscherinnen andere Prioritäten gesetzt: Von all dem unbeeindruckt, sind sie damit befasst, »in Differenz über Differenz nachzudenken und zwischen Differenzen zu differenzieren«, wie Sabine Hark und Paula-Irene Villa es einmal ausdrückten.

Die Gender Studies seien dem »Nichtanerkannten und Prekären« verpflichtet, behauptete die Fachgesellschaft Geschlechterstudien in einer 2014 veröffentlichten Erklärung. Dieses Gelöbnis kollidiert mit der Realität. Die Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam (FFGI), Susanne Schröter, hat im Gespräch mit der FAZ hervorgehoben, dass der Geschlechterforschung der Bezug zur Wirklichkeit verloren gegangen sei. Diesem Urteil kann nur beigepflichtet werden – obschon es keine Neuigkeit ist: Schließlich waren es Studierende der Berliner Gender Studies (Thomas Maul, Fathiyeh Naghibzadeh, Philippe Witzmann), die schon in den 2000er-Jahren umfänglich auf exakt diese Fehlentwicklung in Wissenschaft und Aktivismus hingewiesen haben. Ihre bisweilen harsche, aber notwendige Kritik wurde nicht nur jahrelang ignoriert, sondern mit einem Verdikt belegt: Wer schon einmal einen wissenschaftlichen Text zu publizieren versucht hat, der sich auf Thomas Mauls singuläre Studie »Sex, Djihad und Despotie« bezieht, wird mit Sicherheit von schrillen, alarmistischen Reaktionen zu berichten wissen. Die irrationalen Zurückweisungen sprechen für sich: Abgewehrt wird nicht ein Autor mit missliebiger Meinung, sondern die Möglichkeit von Kritik und letztlich auch die Realität.

Den Feminismus halte sie für eine Frage der Intelligenz, bemerkte Silvia Bovenschen einst. Es ist Zeit, sich diesem Diktum anzuschließen. Denn die Geschlechterforschung »muss sehen, dass sie auch wieder Resultate liefert, die zur Konfliktlösung beitragen«, so Susanne Schröter weiter. Weil davon auszugehen ist, dass sich Genderfeminismus, Antirassismus und Queerfeminismus aus ihren selbstverschuldeten Sackgassen nicht hinausmanövrieren können, ist »Freiheit ist keine Metapher« als eigenständiger Beitrag zu ebenjener Konfliktlösung zu verstehen.