Terror und Normalität vor den US-Midterm-Wahlen

Der Terror der Äquidistanz

Im laufenden Midterm-Wahlkampf wird ständig das Bild von der »Polarisierung« der US-Gesellschaft bemüht. Der Begriff führt in die Irre – man sollte die Dinge lieber beim Namen nennen.
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Erst die Rohrbombenserie, dann der Terroranschlag auf die Tree of Life Synagoge in einem liberalen und weltoffenen Stadtteil von Pittsburgh mit dem freundlichen Namen Squirrel Hill, ein Ort, in dem Schilder in Vorgärten Fremde auf Spanisch, Arabisch und Englisch willkommen heißen. Im gegenwärtigen Amerika ist das ein Statement, wenn auch nicht gerade ein besonders mutiges in einem dieser manchmal schon surreal wirkenden progressiven bubbles wie Berkeley, Ann Arbor oder eben Squirrel Hill – Orte, deren politisches Anderssein nicht nur heraussticht, sondern das man sich auch leisten können muss. Wären die USA etwas mehr wie Squirrel Hill, wäre es nicht nur ein weniger rassistischer, »besserer Ort«, wie der Blogger Steven Singer als Reaktion auf den Anschlag schrieb, es wäre auch kein Ort schreiend ungerechter Besitz- und Einkommensunterschiede, es gäbe keine extreme Armut und Polizisten wären Freunde und Helfer statt potentielle Todesschützen. Zur Erinnerung: Im Juni erschoss in einem weniger beschaulichen Viertel im Osten von Pittsburgh ein frischgebackener Streifenpolizist den unbewaffnet flüchtenden 17jährigen Schwarzen Antwon Rose Jr. Ein Umstand, der irgendwie genauso wenig überraschte wie der Angriff auf die Synagoge.

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Man ist kaum noch fähig, sich über die Ereignisse zu entsetzen. Von einer »Schießerei« in einer Synagoge berichteten die meisten Medien. Zögerlich folgte die Bezeichnung hate crime. Dass die Jerusalem Post den Angriff umgehend »Terror« nannte, stach heraus.

Die Banalisierung von Terrorakten dieser Art hat eine unübersehbare Tradition in den USA. Immer wenn er an Schulen stattfindet, aber eben auch wenn er sich gegen Gotteshäuser richtet, in denen Minderheiten ihre Religion ausüben, wie beispielsweise gegen eine von Schwarzen besuchte Kirche in Charleston im Juni 2015, wird der Terrorismus verbrämt. Wenn in den USA weiße Männer Terrorakte verüben, ist selten sofort von Terror die Rede. In Europa ist das übrigens nicht anders. Sie seien Einzeltäter und geistig verwirrt – als »krank« bezeichnete US-Präsident Donald Trump in einer Stellungnahme den weißen Nationalisten und Todesschützen von Pittsburgh. Antisemitismus sei schrecklich, so Trump sinngemäß, es sei unverständlich, dass es ihn überhaupt noch gebe, man müsse endlich lernen, ihn zu verstehen.

Der Unterschied zu früheren Terrorakten dieser Art besteht darin, dass es in der Zeit vor Trump normal war, sie als kaum erklärbare Unfälle und Ausreißer zu rationalisieren. Seit Trump die politische Debatte der USA-beherrscht – also seit jenem Präsidentschaftswahlkampf von 2015/2016, der wohl einer der krawalligsten war, an den sich irgendwer in den USA erinnern kann, erst recht aber seit jenen fast zwei Jahren seiner Präsidentschaft, in der alles, was schlecht und abgründig ist an Amerika, stärker und alles, was gut und vernünftig ist, umkämpfter geworden ist –, wundert einen sowieso nichts mehr. Ausgerechnet Trump will sich nicht erklären können, wie es zu den Morden von Pittsburgh und den kurz zuvor versandten Rohrbomben kam? Es klingt wie Hohn.

Es überrascht niemanden mehr wirklich, wenn ein Mann, wie man ihn sonst eher in schlechten US-Fernsehshows antrifft, Briefbomben an Menschen verschickt, denen Trump regelmäßig vorwirft, sie hätten sich verschworen, Amerika zu zerstören, indem sie Migranten, die eigentlich sogar Terroristen seien, in Massen ins Land holen. Leute, die vormals für den fragwürdigen Unterhaltungswert besagter Fernsehshows gesorgt hätten, zieht es regelmäßig in Massen zu Trumps Auftritten. Die Midterm-Wahlen erklärt Trump zu einem Plebiszit über seine Präsidentschaft und über die Zukunft der USA. Niemand, der sich nicht in der Bunkermentalität des Trumpismus eingeigelt hat, bezweifelt im Ernst, dass Trumps Tiraden, sekundiert von seinen Getreuen und dem Sender Fox News, den mutmaßlichen Briefbombenabsender und fanatischen Trump-Anhänger Cesar Sayok ebenso zur Tat ermutigt haben wie den antisemitischen Mörder von Pittsburgh, dem Trump lediglich nicht konsequent und antisemitisch genug ist.

Falsch und geradezu zynisch ist die in dieser Situation mantrahaft wiederholte Rede von der »Polarisierung« der US-Gesellschaft. Als stünden sich zwei gleichwertige Pole gegenüber, hier das überdrehte konservative Milieu, dort das übermäßig politisch korrekte Progressive. Für ein friedliches Miteinander müssten sie nur irgendwie wieder an einer imaginierten Mitte, dem vielfach beschworenen middle ground, zusammenkommen. Das ist Unsinn, wie die Schriftstellerin Tayari Jones zwei Tage vor dem Terrorakt von Pittsburgh auf der Internetseite des Time Magazin schrieb. Der Unterschied ist nämlich so simpel wie drastisch: Leute vom einen Pol greifen regelmäßig zur Waffe, verletzen und töten Menschen, die ihnen missliebig erscheinen, während die von anderen Seite Sandwiches mit Tofu belegen und gegen den Klimawandel protestieren. Einen middle ground könne es, so Jones, bei Menschenfeindlichkeit und Rassismus nicht geben. Welchen middle ground hätte man bezüglich der Sklaverei einnehmen können?

Ein bisschen Zwangs­arbeit vielleicht als Kompromiss? Was Jones sonderbarerweise verschweigt: Selbstverständlich gab es einen solchen Kompromiss bereits. Er hielt Jahrzehnte lang und hieß Segregation. Die ist in den USA kaum überwunden, sondern besteht in einer weniger offenen, aber nicht minder effektiven Form weiter. Der middle ground ist genau jener faule Kompromiss, der Terror gegen Schwarze, Juden, Schwule und Lesben, Abtreibungskliniken oder multiethnische Mitschüler als Taten verwirrter Einzeltäter deklariert, die nicht damit klar kämen, nicht mehr automatisch besser gestellt zu sein als der Rest.