Zur zweiten Auflage des Nazi-Festivals »Schild und Schwert« kamen weniger Gäste als erwartet

Die alten Bekannten von Blood and Honour

In der ostsächsischen Kleinstadt Ostritz trafen sich am Wochenende rund 700 Neonazis auf einem Rechtsrockfestival.

Drei neonazistische Großveranstaltungen in einem Jahr – diese Bilanz kann das sächsische Ostritz vorweisen. Am Wochenende fand dort zum zweiten Mal in diesem Jahr das Festival »Schild und Schwert« statt. Erst vor drei ­Wochen hatten 700 Neonazis aus verschiedenen europäischen Ländern dem Kampfsporttreffen »Kampf der Nibelungen« in dem kleinen Ort an der Neiße mit seinen knapp 2 700 Einwohnern beigewohnt. Die Veranstaltung im Oktober hatte insbesondere rechtsextreme Hooligans angezogen. Deren Plattform »GruppaOF« hatte neben einschlägigen Bekleidungsfirmen wie Greifvogel Wear, Sport frei und der russischen Kampfsportmarke White Rex zu den Sponsoren gehört. Das rechtsextreme Kampfsportmilieu propagiert mit diesen Veranstaltungen eine martialische völkische Ideologie. »Alle Tage waren es Kämpfer, die ihre Sippe, ihren Stamm, ihre Heimat ­verteidigt haben«, schreiben etwa die ­Organisatoren von »Schild und Schwert« auf ihrer Website.

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Ostritz hatte es in diesem Jahr zum 20. April, dem Geburtstag Adolf Hitlers, erstmals in die Schlagzeilen geschafft. An dem Tag kamen ungefähr 1 500 Neonazis in den Ort, um am ersten »Schild und Schwert«-Festival teilzunehmen. Der Initiative »Rechts rockt nicht« zufolge, die in Ostritz antifaschistische Proteste organisiert, ist die »Etablierung des Hotels ›Neißeblick‹ als Veranstaltungsort der Naziszene« spätestens seit jenem Wochenende abgeschlossen.

Dass am Ende nur etwa 700 Neonazis nach Ostritz anreisten, dürfte angesichts der kommerziellen Interessen der Veranstalter ein herber Schlag gewesen sein.

Bereits seit den neunziger Jahren veranstalten Nazis in Ostsachsen viele Konzerte. Bis zum Frühjahr 2005 ­erfreute sich die Diskothek »Wodan« in Mücka überregionaler Beliebtheit. Nahezu im Wochentakt fanden dort Konzerte mit bundesweit bekannten Rechtsrock-Bands statt. Einige Jahre später etablierte sich die Gaststätte »Zur deutschen Eiche« im ostsächsischen Rothenburg als feste Adresse für regelmäßig stattfindende Konzerte. 2010 nahmen annähernd 2 000 Neonazis am Pressefest der NPD-Zeitung Deutsche Stimme am Quitzdorfer Stausee bei Niesky teil. Sie feierten unter anderem zur Musik der Band Lunikoff-Verschwörung, die auch beim jüngsten Festival in Ostritz zum Lineup zählte. Grund für die rasche Folge rechtsext­remer Veranstaltungen in Ostritz ist nicht nur das gut organisierte Neo­nazimilieu in der Region, sondern auch die Verfügbarkeit einer geeigneten ­Immobilie samt zugehörigem Grundstück. Der Eigentümer des Hotels »Neißeblick«, Hans-Peter Fischer, unterhält seit den achtziger Jahren gute Kontakte zu verschiedenen rechtsextremen Gruppen. Er war 1999 Vorsitzender eines hessischen Kreisverbands der Republikaner.

Die Bands, die beim Festival »Schild und Schwert« auftraten, stammen überwiegend aus der neonazistischen Organisation »Blood and Honour« und deren Umfeld. Das Netzwerk war in den vergangenen 25 Jahren nicht nur für die Produktion und den Vertrieb von Rechtsrock und die Organisation zahlreicher Konzerte verantwortlich, sondern hat auch Verbindungen zum Rechtsterrorismus. Uwe Menzel, der mit seinem Bandprojekt Uwocaust am Wochenende in Ostritz auftrat, war ein Vertrauter des V-Manns des Landesverfassungsschutzes Brandenburg, Carsten Szczepanski. Dieser wiederum galt zum Zeitpunkt des Untertauchens der späteren NSU-Mitglieder Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe als einer der Mitwisser im engsten Umfeld der Terroristen. Sein damaliger V-Mann-Führer, Gordian Meyer-Plath, ist mittlerweile der Präsident des sächsischen Landesamts für Verfassungsschutz. Der Veranstalter des »Schild und Schwert«-Festivals, der thüringische NPD-Kader Thorsten Heise, zählt den ver­urteilten NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben zu seinem Bekanntenkreis. Trotz des Verbots von »Blood and ­Honour«, das hierzulande seit dem Jahr 2 000 formell besteht, war die Veranstaltung in Ostritz also ein Treffen altbekannter Mitglieder der Organisation.

Auf einer sogenannten »Straße der Bewegung«, aufgebaut aus Gartenpavillons und Tapeziertischen, präsentierten sich auf dem Festival neben dem NPD-Materialdienst und der Klein­partei »Die Rechte« auch das rechtsextreme Magazin Nationaler Sozialismus heute, das sächsische Rechtsrock-Label »Front Records« sowie die Bekleidungsmarken Ansgar Aryan und Erik and Sons. An den Ständen reichte das Angebot von Musik über Waffenattrappen bis hin zu T-Shirts mit der Aufschrift »Hknkrz«. Selbst für einen eigens zusammenkopierten Rechtsrat­geber für Neonazis, in dem unter anderem erklärt wird, was zu tun ist, wenn man gegen seinen Willen fotografiert wird, waren in Ostritz fünf Euro zu entrichten. Dass am Ende lediglich etwa 700 Neonazis anreisten, also deutlich weniger als erwartet, dürfte gerade ­angesichts der kommerziellen Interessen, die der Veranstalter Heise und ­andere anwesende rechtsextreme Geschäftsleute verfolgen, ein herber Schlag gewesen sein. Trotzdem kündigte Heise für 2019 weitere Veranstaltungen auf dem Gelände an.

»Wir werden weiter dran bleiben«, resümiert Sascha Elser von »Rechts rockt nicht« im Gespräch mit der Jungle World. Kritik übt die Initiative an den regionalen Behörden, die es den Neonazis erneut ermöglichten, ihre kommerzielle Musikveranstaltung nach dem Versammlungsrecht schützen zu lassen. »Sich von Nazis mit absurden Versammlungsanmeldungen vorführen zu lassen, zeigt, dass noch einige Arbeit in den Behörden geleistet werden muss«, sagte Elser. »Damit sich dort was bewegt, braucht es weiterhin politischen Druck.«

Bereits am Freitagabend voriger Woche hatte der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ein sogenanntes Friedensfest in Ostritz mit einer Rede eröffnet. Angesichts der offenen NS-Verherrlichung auf dem Festival »Schild und Schwert« war es ihm nicht schwergefallen, sich deutlich zu distanzieren. »Rassismus endet immer tödlich und deshalb ist es richtig, dass wir alle gemeinsam dem Rassismus den Kampf ansagen«, hatte der Politiker unter anderem gesagt und damit in dem voll besetzten Bierzelt auf dem Marktplatz für Jubel gesorgt. Für einen kleinen Ort in Sachsen war das durchaus eine ungewöhnliche Szene. Der Anmelder des »Friedensfestes«, Michael Schlitt, stellte klar, dass man »hier den Neonazis freiwillig keinen Meter« überlasse. Tatsächlich schlossen sich auch zahlreiche Menschen aus der Region einer satirischen antifaschistischen Demonstration unter dem Motto »Schild, Hund, Schwert« am Samstag an und folgten Parolen wie »Dancen statt Grenzen«. Rund 200 Menschen protestierten anschließend in Hör-und Sichtweite der anreisenden Neonazis.