Der Streit um die Exhumierung des spanischen Diktators Francisco Franco

Franco, der große Unbekannte

Der Streit um die Exhumierung des ehemaligen Diktators Francisco Franco zeigt, wie schwer sich Spanien bis heute mit der Aufarbeitung der Verbrechen des franquistischen Regimes tut.

Es ist ein grauer Tag in El Escorial, 50 Kilometer nordwestlich von Madrid. Schon von der Autobahn aus sichtbar, kündet das 152 Meter hohe Heilige Kreuz der Basilika vom »Tal der Gefallenen«. Die Gedenkstätte ist sehr umstritten, da die meisten der jährlich knapp 300 000 Besucher Anhänger der dort bestatteten spanischen Diktatoren sind: José Antonio Primo de Rivera, der die Falange gründete, und General Francisco Franco, der Spanien 40 Jahre lang autoritär und brutal regierte.

»Die antikommunistische Besessen­heit des PP zielt darauf, zu verdecken, dass er Teil einer Diktatur war.« Pablo Sánchez León, Historiker

Mehr als 20 000 Zwangsarbeiter schlugen die Basilika, die mit 263 Metern die längste Kirche weltweit sein soll, in den Felsen von Cuelgamuros. Die mit Plastikblumen geschmückten Grabplatten der Diktatoren liegen sich unter einer Kuppel und einem Christuskreuz gegenüber. Über den Durchgängen zu den Schreinen erinnert der Spruch »Gefallen für Gott und Spanien« an die 33 847 Toten des Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939), deren Gebeine hinter Marmorwänden ruhen. Bis heute wurden 21 317 von ihnen identifiziert. Viele waren Soldaten von Francos Truppen, viele waren Zwangsarbeiter, die beim Bau des Mausoleums um­kamen. Die restlichen Toten waren ­Republikaner, die beim Militärputsch 1936 ermordet und oft ohne Wissen der Familien in das Mausoleum verlegt wurden, um die vier Etagen hohen Schreine zu füllen.

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Pedro Fausto Canales ist 84 Jahre alt. Sein Vater, Valerico Jorge Canales, wurde 1936 in der Nähe seines Dorfes Pajares de Adaja mit weiteren Nachbarn erschossen und in ein Brunnenloch geworfen. Als Pedro 2004 in den Ruhestand ging, begann er, zum Tod seines Vaters zu recherchieren. Die heimliche Überführung der Gebeine seines Vaters in den fünfziger Jahren war in Dokumenten festgehalten, die Pedro später zum Tal der Gefallenen führten.

Hier zeigt er Fotos aus dem Register, die belegen, dass Fundort, ­Geschlecht und Personenzahl in der Kiste Nr. 198 mit den Daten der 1936 verschleppten Dorfbewohner übereinstimmen. Bei seiner Suche war Pedro auch auf die sterblichen Reste seines Onkels gestoßen, der in Francos Armee gekämpft hatte. Diese waren ebenfalls ohne Wissen der Familie ins Mausoleum gebracht worden. Pedro beantragte ­einen DNA-Test, um überprüfen zu lassen, ob es sich dabei um seine Familienangehörigen handelt, und diese gegebenenfalls würdig bestatten zu können. Im Juli entschied das Gericht: Der DNA-Test des Onkels wurde genehmigt, der des Vaters hingegen nicht, da dieser als »unbekannt« registriert war.

Geschichten wie die von Pedro gibt es in Spanien zu Tausenden. Rund 114 000 Opfer des Bürgerkriegs liegen noch in mehr als 2 500 Massengräbern.

Das Kriegsende brachte in Spanien keinen Frieden, sondern den Sieg der Franquisten, die von Hitler und Musso­lini unterstützt worden waren. Eine ­genaue Zahl der Opfer des Franco-Regimes gibt es bis heute nicht.

In »Franco lives on«, einem Buch über die franquistische Diktatur, das im Oktober erschienen ist, schreibt der katalanische Journalist Lluc Salelles, nach Kriegsende seien 280 000 spanische Bürgerinnen und Bürger von Francos Milizen verhaftet worden. Dank der schrittweisen Öffnung der Militärarchive weiß man mittlerweile, dass zwischen 1936 und 1943 rund 150 000 Menschen bei Vergeltungsaktionen ums Leben kamen.

Der Historiker Julian Casanova schätzt die Zahl der ermordeten »Roten« allein in der Nachkriegszeit auf rund 50 000. Nach Angaben des Historikers Javier Rodrigo vom Europäischen Hochschulinstitut in Florenz wurden bis 1942 in Spanien 104 Konzentrations- und Arbeits­lager betrieben. Strafkolonien und Zwangsarbeit gab es bis in die fünfziger Jahre. Bis zum Tod des Diktators 1975 wurde die Todesstrafe regelmäßig vollstreckt. Der bis 2017 tätige Leiter der Francisco-Franco-Stiftung, Jaime Alonso García, ist bekannt für seine schönfärberische Aussage im Jahr 2016: »Von den 36 000 Todesurteilen (die während der Diktatur gefällt wurden, Anm. d. Red.) wurden nur 23 000 vollstreckt. Und das nicht aus einer Laune heraus (...), denn es waren Verbrecher.« Aufgrund eines ­Amnestiegesetzes von 1977 sind die franquistischen Verbrechen nie aufge­arbeitet worden.

Im November dieses Jahres verurteilte der derzeit 266köpfige Senat mit 97 Ja-Stimmen und 136 Enthaltungen den Franquismus und verabschiedete ein Gesetz, das Stiftungen, die den Nazismus oder Faschismus verherrlichen, verbieten soll. Die rechten Parteien Partido Popular (PP) und Ciudadanos (Cs) vermieden mit ihren Enthaltungen eine klare Verurteilung des franquistischen Regimes. Der PP begründete seine Enthaltung damit, dass im Gesetz kein Verbot kommunistischer Stiftungen vorgesehen sei, obwohl die kommunistische Ideologie auch »sehr schädlich« sei.