Kamel Mohanna, Arzt und Gründer der Hilfsorganisation Amel Association International, im Gespräch über Flüchtlinge im Libanon und die Folgen des Syrien-Kriegs

»Der ›Islamische Staat‹ von morgen entsteht hier«

Mit einer Gruppe von Ärzten, Lehrern, Journalisten und Intellektuellen gründete Kamel Mohanna nach dem israelischen Angriff auf die Fatah im Südlibanon (1978) die Amel Association. Die NGO hat ein umfangreiches Netzwerk von Apotheken, Kliniken, me­dizinischen Zentren und ein Team von mehr als 800 Freiwilligen aufgebaut. Gegen­wärtig unterstützt sie vor allem Kriegsflüchtlinge aus Syrien. Neben seiner humanitären Betätigung arbeitete Mohanna als Kinderarzt und lehrte als Professor an der Libanesischen Universität in Beirut.
Interview Von

Nach Angaben des UNHCR hat der Libanon derzeit bezogen auf seine Einwohnerzahl die höchste Zahl an Flüchtlingen weltweit. Ist das nicht eine immense soziale Herausforderung?
Ja, das ist es. 70 Prozent der Flüchtlinge leben unter der Armutsgrenze. Außerdem leben aber auch ein gutes Viertel der Libanesen unter der Armutsgrenze. Etwa sieben Prozent davon leben sogar in extremer Armut. Während des internationalen Flüchtlingsgipfels in Istanbul habe ich vorgeschlagen, dass Europa zehn Prozent der Flüchtlinge nehmen solle. Seit zwei Jahren diskutieren sie darüber und nichts ist passiert. Es gibt keine internationale Solidarität. Seit acht Jahren leben wir nun im Libanon mit den Flüchtlingen. Wir erzählen uns im Libanon einen Witz. Es scheint, Adam und Eva seien aus dem Libanon gewesen. Wissen Sie warum?

»Anfangs gelang es uns, die Grundversorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Inzwischen fehlt es aber an Geld. Es gibt derzeit etwa 1 400 informelle Lager im Libanon. Arsal ist eine Stadt an der Grenze zu Syrien. Dort gibt es ein Zentrum meiner Hilfsorganisation Amel. 35 000 Libanesen leben dort – und 125 000 Flüchtlinge. Stellen Sie sich einmal vor, eine Stadt wie Berlin hätte etwa auf einmal vier Mal so viel Einwohner.«

Nein, warum?
Weil sie ohne Wasser und Strom von gestohlenen Äpfeln lebten – und dachten, sie seien im Paradies. Es gibt eine Kultur der Gastfreundschaft hier, die kaum ihresgleichen kennt und auf die wir stolz sein können. Aber die derzeitige Situation ist drastisch. Im Libanon haben wir nach Angaben des UNHCR etwa eine Millionen Flüchtlinge aus Syrien. Nach Angaben der Regierung sind es sogar eineinhalb Millionen. Ich habe den damaligen französischen Präsidenten François Hollande und den jetzigen Präsidenten Emmanuel Macron auf die 6 000 Flüchtlinge in Calais angesprochen. Seit zwei Jahren diskutiert man in Frankreich darüber. Es gibt 65 Millionen Franzosen. Dagegen nur fünf Millionen Libanesen. Können Sie sich vorstellen, was los wäre, wenn 20 Millionen Menschen nach Frankreich kämen?

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Wir hätten Marine Le Pen an der Macht?
Wir haben im Libanon diese Flüchtlinge im Geist der Solidarität aufgenommen, während Europa seine Grenzen – mit wenigen Ausnahmen – geschlossen hat. Dass Deutschland in gewissem Maße eine Ausnahme dargestellt hat, schätze ich sehr. Aber überall haben Fremdenfeindlichkeit und der Hass auf Muslime zugenommen. Ich sprach ja bereits unsere Kultur der Gastfreundschaft an. Während des Bürgerkriegs im Libanon sind 200 000 Menschen von hier nach Syrien geflohen. Während des israelischen Angriffs 2006 sind 260 000 Menschen aus dem Li­banon nach Syrien geflohen. Vor der Krise lebten etwa 300 000 Arbeits­migranten aus Syrien im Libanon. Sie haben uns anfangs geholfen und die ersten Flüchtlinge bei sich aufgenommen. Aber seit acht Jahren sind die Flüchtlinge jetzt hier. Das ist eine riesige Verantwortung. Es leben hier 400 000 Palästinenser, außerdem Irakis und Sudanesen. Dazu kommen noch 250 000 ausländische Hausangestellte. Der Libanon ist ein Ort der Flucht und der Migration.

Die Europäer sehen sich derzeit offenbar nicht in einer solchen Rolle.
Das Verrückte ist doch, dass es eine Kultur der Solidarität in Europa in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durchaus einmal gab. Nach Frankreich flohen im Ersten Weltkrieg eine Mil­lionen Belgier. Wegen des Spanischen Bürgerkriegs flohen eine halbe Millionen Menschen nach Frankreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg flohen fünf Millionen Menschen aus Polen und der Tschechoslowakei nach Deutschland. Zwölf Millionen Menschen aus ganz Europa wanderten in die USA aus. Ich spreche darüber regelmäßig in Europa und die Menschen sind immer sehr angetan. Ich denke, die Kultur der Solidarität ist eigentlich da. Es ist eine Frage der Regierungspolitik.

Kultur der Solidarität hin oder her – wie geht man im Libanon mit der Situation um?
Anfangs gelang es uns, die Grundversorgung der Flüchtlinge zu organisieren. Inzwischen fehlt es aber an Geld. Es gibt derzeit etwa 1 400 informelle Lager im Libanon. Arsal ist eine Stadt an der Grenze zu Syrien. Dort gibt es ein Zentrum meiner Hilfsorganisation Amel. 35 000 Libanesen leben dort – und 125 000 Flüchtlinge. Stellen Sie sich einmal vor, eine Stadt wie Berlin hätte etwa auf einmal vier Mal so viel Einwohner.

Warum fehlt es inzwischen an Geld?
In der NGO-Szene spricht man von ­donor fatigue, der »Ermüdung« der internationalen Geldgeber. Sie wollen ihre Mittel wieder anderswo einsetzen. Das größte Problem sind inzwischen die Krankenhäuser. Das UNHCR bietet eine private Krankenversorgung für Flüchtlinge. Die deckt 75 Prozent der Behandlungskosten. In der libanesischen Gesundheitsversorgung ist es nicht leicht, einen Krankenhausplatz zu bekommen. Die meisten Flüchtlinge können die restlichen 25 Prozent einer Behandlung nicht selbst bezahlen. Das ist das Hauptproblem. Im Libanon gibt es 30 000 Häftlinge in den Gefängnissen. Von denen sind ein Drittel aus Syrien.  Aber es gibt auch ein Verbrechen, das an der jungen Generation aus Syrien begangen wird, es betrifft die Bildung. Im Libanon leben etwa 500 000 Syrer im schulfähigen Alter. Von denen gehen gerade einmal 200 000 zur Schule. Man muss über die Zukunft dieser 300 000 Jugendlichen nachdenken, die nicht zur Schule gehen. Hier entsteht der »Islamische Staat« von morgen.

Wie wirkt sich die »donor fatigue« aus?
Die erforderlichen Summen kommen nicht zusammen, so fehlte dem UNHCR 2018 ein Drittel der eingeplanten 463 Millionen Dollar. Ein weiteres Problem ist aber, wohin das Geld am Ende fließt. Etwa 60 Prozent des Geldes geht nicht etwa in den Bau von Flüchtlingscamps oder direkt in deren Versorgung, sondern fließt an die Administration. Das betrifft vor allem die internationalen Hilfsorganisationen, die in dem Bereich tätig sind. Eine kleine Armee, bestehend aus deren Personal, ist hier tätig. Es ist eine Art Wohltätigkeitsbusiness entstanden. Das Geld wird völlig falsch verwendet. Es sollte die Leute direkt erreichen, und das würde besser funktionieren, wenn beispielsweise lokale NGOs finanziert würden statt internationalen. Ich spreche hier von dem Geld für die oft für hiesige Verhältnisse hohen Gehälter, die bezahlt werden, aber auch für die Flüge. Es gibt NGOs vor Ort mit langjähriger Erfahrung, die das Geld gut brauchen könnten, an deren Stelle dann eine gut vernetzte internationale NGO kommt. Der Guardian hat neulich vermeldet, dass nur zwei Prozent des Geldes an lokale NGOs geht. Während des Gipfels in der Türkei 2016 gab es die Empfehlung, 25 Prozent den lokalen NGOs zu geben.

Sie haben eine solche NGO gegründet. Wie unterscheidet sich ihre ­Arbeit von der internationaler Hilfsorganisationen?
Amel arbeitet derzeit viel zur syrischen Flüchtlingsfrage und hat eine spezielle Perspektive. Das Besondere an Amel ist, dass es keine konfessionelle Organisation ist. Das politische System im Libanon ist extrem konfessionell geprägt. Amel wurde 1979 gegründet, nach dem ersten israelischen Angriff auf den Süden Libanons. Zuvor hatte ich eine NGO gegründet, die in den palästinensischen Flüchtlingslagern arbeitete. Während des sogenannten ersten Libanonkriegs – wir sprechen im Libanon von der zweiten israelischen Invasion – und der Belagerung West- und Süd-Beiruts betrieben wir landesweit drei Feldhospitäler, 27 Zentren, 30 mobile Kliniken und 50 Krankenwagen.

Und heute?
Heute betreibt Amel 24 Zentren, sechs mobile Kliniken und zwei mobile Bildungseinheiten für Schulen in den syrischen Flüchtlingscamps. Heute ar­beitet Amel außerdem international – daher heißen wir inzwischen nicht mehr Amel Association, sondern Amel Association International. Wir haben jeweils eine Abteilung in Frankreich, in der Schweiz und in den USA. Wir haben 800 Vollzeitmitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Unsere Philosophie ist es, Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, Nationalität oder Religion zu helfen. Wir stellen uns den Herausforderungen der arabischen Welt, die es gegenwärtig zu überwinden gilt. Es gibt hier keine Kultur der Kritik – wenn wir mit der Meinung eines anderen nicht einverstanden sind, entmenschlichen wir ihn. Und es gibt etwas, was ich den »Bossismus« nenne. Überall haben wir einen Boss. In Vereinigungen, in der Familie, in den politischen Parteien, im Privatsektor und oft auch im Staat. Wir haben eine Kultur, die Welt an einem Tag verändern zu wollen. Wenn das nicht gelingt, lässt man alles stehen und liegen und kritisiert nur noch alles. Wir versuchen, dieser Haltung Optimismus entgegenzusetzen und konstruktiv zu denken. Wir versuchen, den Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Außerdem glauben wir an eine Kultur der Rechte, der Meinungsfreiheit, der Hilfe, der Bildung. Ohne all das kann es keine Demokratie geben.

Gibt es derzeit überhaupt Anlass zu Optimismus in der arabischen Welt?
Ja, den gibt es. Das klingt für Sie vielleicht überraschend. Aber es ist die neue Generation, die mir dazu Anlass gibt – und vor allem sind es die jungen Frauen. Was 2011 in Tunesien und Ägypten passiert ist, war eine Revolution. Was wir mit dem »Islamischen Staat« erlebt haben, ist die Gegenrevolution. Ich denke, wenn die besiegt ist, wird ein Säkularisierungsprozess einsetzen wie in der Türkei zur Zeit Atatürks. Es wird natürlich ein langer Prozess sein. Aber bis die Ziele der Fran­zösischen Revolution einigermaßen verwirklicht waren, hat es auch mehr als 100 Jahre gedauert.

Das ist viel Zeit. Was müsste in der derzeitigen Situation passieren?
Wir hatten wirklich auf eine frühere politische Lösung des Konflikts gehofft. Was in Syrien geschieht, ist ein globaler Krieg. Jede Macht der Welt scheint ein Interesse dort zu haben und unterstützt irgendwen gegen jemand anderes. Vorige Woche hatte ich Besuch von einer US-amerikanischen Delegation von der medizinischen Fakultät der University of Michigan. Denen habe ich erklärt: Je mehr man darüber weiß, desto weniger versteht man das alles.