Alice Coachman war die erste afroamerikanische Olympia-Siegerin

Nähen, Platz warten, Gold gewinnen

Die erste afroamerikanische Olympiasiegerin war Alice Coachman. Sie siegte 1948 im Hochsprung.

1948: Bei den ersten Olympischen Sommerspielen nach dem Zweiten Weltkrieg in London schreibt die US-amerikanische Leichtathletin Alice Coachman Geschichte. Sie schlägt im Hochsprung die britische Favoritin Dorothy Tyler, stellt mit 1,68 Meter einen neuen Weltrekord auf und wird die erste Afroamerikanerin, die olympisches Gold gewinnt. Der Korrespondent der New York Times telegraphiert in die USA, die vielen Fans von Tyler seien sehr enttäuscht und eine gewisse Frau Coachman habe einen Rekord aufgestellt. Kein Wort verliert er über Coachmans Medaille. 66 Jahre später, als Coachman mit 90 verstirbt, würdigt die New York Times die Athletin mit einem großen Nachruf.

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Alice Marie Coachman wurde am 9. November 1923 in Albany, Georgia, als fünftes von zehn Kindern geboren. Schon als kleines Mädchen entdeckte sie ihre Liebe zur körperlichen Bewegung, vor allem zum Laufen und Springen. Ihre Eltern, strenggläubige Baptisten, hatten kaum Geld, also rannte Coachman barfuß. Sie bastelte sich aus Holzbrettern und Seilen ihre ersten improvisierten Hochsprunglatten und fand es toll, immer höher und höher zu springen. Öffentliche Sportplätze durfte sie nicht benutzen, da sie schwarz war; dazu kam, dass Sport treibende Frauen nicht überall willkommen waren.

In der Highschool wurde ihr Talent nur aus Zufall erkannt, als Harry Lash, der Trainer der Jungenmannschaft, eines späten Nachmittags sah, wie das Mädchen alleine auf dem Sportplatz der Schule übte. Lash begann, Coachman zu trainieren, und meldete sie zu ihren ersten Wettbewerben an. An vielen Sportveranstaltungen in Georgia durfte sie allerdings wegen der rassistischen Segregationspolitik nicht teilnehmen.

Mit 14 Jahren gewann Coachman ihren ersten Titel bei der bundesweiten Meisterschaft der Amateur ­Athletic Union, sie siegte beim Hochsprung und im 50-Meter-Sprint. Zwei Jahre später später wurde die Tuskegee University, damals eines der größten Leistungszentren für Frauenleichtathletik, auf sie aufmerksam und bot ihr ein Stipendium an. Für Afroamerikaner ihrer Generation war das vergleichbar mit einem Lottogewinn, zunächst aber musste Coachman noch ihre konservativen Eltern davon überzeugen, dass Hochleistungssport nicht »unweiblich« sei; die Möglichkeit, auf diesem Weg kostenlos eine gute Ausbildung zu erhalten, gab dann schließlich den Ausschlag. Das war nicht selbstverständlich, Coachman erinnerte sich noch als Seniorin daran, wie vehement ihre Eltern Sport, Bewegung und Spaß abgelehnt hatten. Mit elf sei sie von der Mutter verprügelt worden, weil diese sie beim Tanzen erwischt habe; »ich bin nun fast 74 und kann die Schläge immer noch spüren«, sagte Coachman. Das Studium erwies sich als hart: Das Lernen und der Sport bestimmten den Tagesablauf, zudem musste Coachman, wie alle Stipendiaten, arbeiten. Ihr Job war es, die Trainingsplätze in Ordnung zu halten und Schuluniformen zu nähen, in der Prep School hatte sie das Fach Schneiderei erfolgreich absolviert.

Coachman war in den folgenden Jahren bei vielen US-amerikanischen Wettkämpfen erfolgreich, ihren ersten Landesrekord sprang sie noch barfuß. Zwischen 1939 und 1948 gewann sie sämtliche US-Meistertitel im Hochsprung unter freiem Himmel und qualifizierte sich entsprechend problemlos für die Sommerspiele 1948 in London. Dort lief es zunächst nicht gut für die US-Amerikanerinnen. Als Coachman sich am 7. August für den Hochsprung aufwärmte, hatte noch keine US-Sportlerin eine Medaille gewonnen. Dann ging alles ganz schnell: Die 24jährige lief an, federte sich vom Boden ab, übersprang im ersten Versuch die Marke von 1,68 Meter, stellte damit einen neuen Weltrekord für Frauen auf und gewann die Goldmedaille. Erst als sie zur Siegerehrung auf das Podest gestiegen sei, erinnerte sie sich später in einem Interview, sei ihr bewusst geworden, was sie geschafft habe. »Ich ging da rauf, sie spielten die amerikanische Nationalhymne und es war wundervoll«, so Coachman.

Dem Sieg bei den Olympischen Spielen folgten Ehrungen, die nicht nur für eine junge schwarze Frau aus der US-amerikanischen Provinz eine sehr große Sache gewesen sein müssen. Niemand geringerer als König George IV., Vater der derzeitigen britischen Königin, überreichte ihr die Goldmedaille und lud sie zu einer Fahrt auf der königlichen Yacht ein. Wieder zu Hause, empfing US-Präsident Harry S. Truman die Athletin im Weißen Haus. Aus dem ganzen Land trafen Glückwunschkarten und Telegramme ein. Der Jazz-Pianist Count Basie richtete Coachman zu Ehren eine große Party aus, und in Georgia wurde sogar eine Autoparade abgehalten, bei der die Goldmedaillengewinnerin von Atlanta nach Albany gefahren wurde.

Zurück in ihrer Herkunftsstadt holte jedoch die Realität des Rassismus die Sportlerin ein. Als sie im Rathaus von Albany geehrt werden sollte, musste sie den für Schwarze reservierten Eingang nehmen. Auf dem Podium weigerte sich der Bürgermeister, ihr die Hand zu schütteln. Späte Gerechtigkeit gibt es aber: Der Name des Bürgermeisters ist inzwischen vergessen, Alice Coachmans Name steht in den Geschichtsbüchern.

Viele Jahre nach ihrem Olympiasieg erzählte die Sportlerin, sie habe damals eine Menge Geschenke von Weißen bekommen – anonym, weil diese vermeiden wollten, dass Freunde und Nachbarn das mitbekämen. Dem National Visionary Leadership Project, einer Nichtregierungsorga­nisation, die schwarze Talente fördert, erzählte sie später, es sei schon »ein schlechtes Gefühl« gewesen, »olympisches Gold zu gewinnen und nicht einmal einen Handschlag vom eigenen Bürgermeister zu bekommen«.

Zur Überraschung vieler Sportfans beendete Coachman ihre Karriere kurz nach dem Triumph in London. Sie schloss ihr Studium ab und wurde Lehrerin. Zudem gründete sie eine Stiftung zur Förderung junger Leichtathletinnen, die Alice Coachman Track and Field Foundation, die nicht nur Nachwuchstalente unterstützte, sondern auch Sportlerinnen beim Übergang in ein Leben nach der Sportkarriere half.

Als Coachman im Rathaus von Albany geehrt werden sollte, musste sie den für Schwarze reservierten Eingang nehmen. Auf dem Podium weigerte sich der Bürgermeister, ihr die Hand zu schütteln.

Ein Sportstar blieb sie trotzdem: 1952 wurde sie als erste schwarze Frau Werbeträgerin für Coca Cola, gemeinsam mit dem Olympiasieger Jessie Owens. Coachman wurde in nicht weniger als acht halls of fame für Leichtathleten aufgenommen, bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 wurde sie als eine der 100 besten Olympionikinnen aller Zeiten geehrt. Und selbst in Albany ehrte man sie schließlich, eine Straße und eine Schule sind nach ihr benannt.

Alice Coachman verstarb am 14. Juli 2014 im Alter von 90 Jahren an einem Schlaganfall. Kurz vor ihrem Tod sagte sie, sie habe sich – neben dem Rassismus – eigentlich nur über eine Sache geärgert: dass viele Menschen dachten, die Läuferin Wilma Rudolph sei die erste Afroame­rikanerin gewesen, die eine olym­pische Goldmedaille errungen habe. Der Mythos war entstanden, weil die Olympischen Spiele von Rom im Jahr 1960, bei denen Rudolph in allen drei Kurzstreckendisziplinen gesiegt hatte, die ersten gewesen waren, die Millionen US-Amerikaner im Fernsehen verfolgt hatten.

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