Iranische Verbündete greifen Israel mit Raketen an

Iranische Machtdemonstration

Der jüngste Schlagabtausch zwischen Israel und den Islamisten im Gaza-Streifen zeigt, wie der Iran die Region zu destabilisieren versucht.

Alles wie gehabt, könnte man meinen. Israel wird aus dem Gaza-Streifen beschossen und seine Armee reagiert mit Angriffen auf die militärische Infrastruktur von Hamas und Islamischem Jihad – so auch am ersten Maiwochenende, als fast 700 Raketen niedergingen. So abrupt wie der Schlagabtausch begann, so schnell endete er auch wieder. Nach 41 Stunden trat dank ägyptischer Vermittlung ein Waffenstillstand in Kraft. Israel erweitert die Fischereizone vor Gaza wieder von sechs auf 15  Seemeilen, erhöht das Volumen des erlaubten Warenverkehrs und sorgt dafür, dass Hilfsgelder aus Katar in die Küsten­enklave fließen können. Die Gegen­leistung der Islamisten: keine weiteren Raketen – für den Moment jedenfalls. Wirklich Neues hat sich durch die Übereinkunft für keinen der Akteure ergeben. Weder erhielt Israel Garantien von den Islamisten, noch ändert sich etwas Nennenswertes für den Gaza-Streifen, der weiterhin auf die soziale und wirtschaftliche Implosion zusteuert.

Die Hizbollah und der Islamische Jihad könnten als Handlanger des Iran gegen Israel agieren.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich die Choreographie des Geschehens also nur wenig von den vorangegangenen Auseinandersetzungen im November 2018 und März 2019. Doch zum einen war der Beschuss aus dem Gaza-Streifen so intensiv wie selten zuvor, weil die palästinensischen Orga­nisationen versucht hatten, mit Salven von über 100 Raketen innerhalb einer Stunde das Abwehrsystem Iron Dome zu überwinden. Zum anderen war es diesmal der Islamische Jihad, der die Kämpfe auslöste. Einer seiner Scharfschützen hatte der israelischen Armee zufolge im Grenzgebiet zwei israelische Soldaten verletzt. Auf diese Weise wollte die Terrororganisation zeigen, dass sie in der Lage ist, die Situation jederzeit zu eskalieren. Zugleich positionierte sich der Islamische Jihad damit als die radikale Alternative im Kampf gegen Israel. Seit September 2018 hat die Gruppe mit Ziad Nakhale einen neuen Generalsekretär, und der will seinen Geldgebern in Teheran beweisen, dass er jeden Dollar wert ist.
»Nakhale ist nun die zentrale Figur im Islamischen Jihad«, sagt der ehemalige israelische Brigadegeneral Alon Eviatar der Nachrichtenagentur Jewish News Syndicate (JNS). »Er ist ein loyaler Verbündeter des Iran und gehört praktisch den Mullahs.

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Genau deswegen wird er der Hamas das Leben schwer machen.« Bislang waren die Beziehungen zwischen den beiden Islamistenorganisationen durch Kooperation und gelegentliche Spannungen gekennzeichnet. Auch die regierende Hamas hat regelmäßig Finanzhilfen aus dem Iran erhalten, doch sie steht in der Tradition der sunnitischen Muslimbruderschaft, weshalb ihr Verhältnis zu den schiitischen Mullahs eher ambi­valent ist. Außerdem will sie den Konflikt mit Israel lieber auf kleiner Flamme halten, um die israelische Regierung zu Konzessionen zwingen. Ihre Anführer wissen nur zu genau, dass sie einen größeren Waffengang nicht ­lange durchstehen könnten. Der Islamische Jihad hin­gegen kennt solche Vorbehalte nicht und agiert weitaus kompromissloser, weswegen er Eviatar zufolge »zum Feuerzeug an der Tankstelle« wird. Obwohl es sich beim Islamischen Jihad ebenfalls um eine sunnitische Gruppierung handelt, haben sich seine Gründer von Anfang an den Idealen der Islamischen Revolution verschrieben.

Zum Beweis der neuen Schlagkraft des Islamischen Jihad gab es im Mai eine Premiere. Ihre Milizen feuerte erstmals aus dem Iran gelieferte Badr-3-­Raketen auf Israel, die statt 40 Kilo wie beim Vorgängermodell gleich 250 Kilo tödlichen Schrapnells beinhalten. »Was in Gaza geschah, war nur eine Generalprobe für die große unvermeidliche Schlacht«, verkündete Nakhala kürzlich auf der Nachrichtensplattform al-­Mayadeen, die der Hizbollah nahesteht. Wohlwissend, dass der Iran an seiner Seite steht, drohte er, dass alle Versuche, seine Organisation zu bedrängen, in einen handfesten Krieg münden würden. Und so zeigt sich, dass der 41-Stundenkonflikt indirekt auch eine Machtdemonstration des Iran war.

»Der ständige Druck, der vom Gaza-Streifen und seiner kollabierenden ­zivilen Infrastruktur ausgeht, wird gerade durch die Geschehnisse an zwei weiteren Fronten verstärkt«, sagte der Sicherheitsexperte Amos Harel in der israelischen Tageszeitung Haaretz. »Dabei geht es um die Westbank sowie die wachsenden Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran.« Der lang angekündigte »Deal des Jahrhunderts«, der Friedensplan von US-Präsident Donald Trump, dürfte unter den Palästinensern für reichlich Unmut sorgen, was wiederum zu einer handfesten Krise der Palästinensischen Autonomiebehörde mit ihrem greisen Präsidenten Mahmoud Abbas führen kann und damit auch zu einer für Israel. Eine solche Situation wäre womöglich für den Iran eine große Verlockung, mit Hilfe der Hizbollah im Norden und des Islamischen Jihads im Süden die Lage weiter zu destabilisieren.

Nachdem der US-Sicherheitsberater John Bolton den Iran davor gewarnt hat, Verbündete der USA, also auch ­Israel anzugreifen, und die USA den Flugzeugträger »Abraham Lincoln« und seine Bomber vom Typ B-52 in Stellung gebracht hat, steigt die Spannung in der Region. »Vielleicht wissen die Amerikaner etwas über geheime Pläne der Iraner, oder aber dieser Schritt soll die Schwächen von Trump übertünchen, die er gegenüber Russland und Nordkorea gezeigt hat«, sagt ­Harel.

Sollte die Lage sich zuspitzen, droht Israel womöglich weiteres Ungemach. Erst am Sonntag warnte der Energie­minister Yuval Steinitz (Likud), dass es bald gefählich werden könnte. »Ich würde derzeit nichts ausschließen«, sagte er dem Onlinedienst Ynet. »Der Iran könnte Raketen auf Israel abschießen.« Das könnte direkt geschehen, oder die Hizbollah und der Islamische Jihad könnten als Handlanger des Iran agieren. Doch auch die Entwicklung im Iran ist ungewiss. Harel bleibt skeptisch: »Der Druck im Iran selbst, die Panik und die internen Debatten, sind so stark, dass man schwer einschätzen kann, wo genau sich das alles entladen wird.« Ob sich dieser Druck an Israel ent­laden könnte, das wird sich in den kommenden Wochen zeigen.

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