Frauen im Homeoffice

Nie wieder Feierabend

Lässt sich durch Homeoffice Familie und Beruf vereinbaren? Die »Jungle World« hat mit drei Frauen gesprochen, die von zu Hause aus arbeiten.

Lachend zieht Anne die Augenbrauen hoch, während sie ihre Tochter vom Küchentisch hebt. »Die Kleine ist sehr lebendig, klettert überall hoch, und es ist wirklich anstrengend, aber auch sehr schön.« Lia ist ein Jahr alt und das zweite Kind von Anne und Marco. Ihr sechsjähriger Sohn Elias geht bereits zur Schule. Er hat seine Wasserpistolen ausgepackt und spielt im Kinderzimmer. Damit Anne Arbeit, Haushalt und Kinder verbinden kann, arbeitet sie oft von zu Hause aus. Die 40jährige Psychoanalytikerin behandelt ihre Patienten in einer Neuköllner Gemeinschaftspraxis. Nach den Sitzungen fährt sie nach Hause, um dort den Papierkram zu erledigen. »Früher saß ich oft noch mit den Kollegen in der Küche und habe geredet. Meine Berichte habe ich am Nachmittag in der Praxis geschrieben, jetzt muss ich meistens schnell wieder nach Hause.« Dennoch hat das Arbeiten daheim auch Vorteile. Für Anne ist es die einzige Möglichkeit, überhaupt zu arbeiten, solange ihre Tochter noch keinen Kitaplatz hat.

»Es ist gar nicht so einfach, das Chaos in der Wohnung zu ignorieren und dabei zu arbeiten.«

Auch Annes Partner arbeitet von zu Hause aus. Er ist Webentwickler. Abschalten ist da in den eigenen vier Wänden besonders schwierig. »Wenn wir zu Hause sind, arbeitet eigentlich immer einer von uns beiden, auch am Wochenende. Nur wenn wir einen Ausflug machen oder gemeinsam ein­kaufen gehen, verbringen wir als Familie Zeit miteinander«, berichtet Anne. Doch die Zeit zu Hause verbringt sie nicht nur mit Arbeit. Vor allem kümmert sie sich um den Haushalt. »Es ist gar nicht so einfach, das Chaos in der Wohnung zu ignorieren und dabei zu arbeiten. Ich mache das dann oft ­nebenbei und momentan sind diese Aufgaben bei uns auch nicht sehr ­gerecht verteilt«, sagt Anne. Wenn ihre Tochter vormittags eine Zeitlang ­alleine spielt, setzt sich Anne an den Schreibtisch und beginnt zu arbeiten. Besonders konzentriert sei sie dabei oft nicht, räumt sie ein.

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Dass Männer und Frauen ihre flexiblen Arbeitsmodelle meist unterschiedlich nutzen, hat kürzlich eine Studie der Soziologin Yvonne Lott von der Hans-Böckler-Stiftung gezeigt. Der Gender Care Gap, also der relative ­Unterschied bei der täglich von Männern und von Frauen für Care-Arbeit verwendeten Zeit, ist demnach unter den Beschäftigten im Homeoffice ­besonders groß. Mütter investieren pro Arbeitswoche knapp drei Stunden mehr in die Kinderbetreuung, wenn sie von zu Hause aus arbeiten. Väter nutzen der Studie zufolge das Homeoffice ausschließlich, um deutlich ­länger zu arbeiten. Mütter im Home­office arbeiten im Durchschnitt auch ­etwas über eine Stunde mehr als Mütter ohne Homeoffice, Väter machen im Homeoffice im Durchschnitt fast sechs Überstunden pro Woche. Lott kommt zu dem Schluss: »Frauen und Männer nutzen Flexibilität für unterschiedliche Zwecke. Gründe für die geschlechts­spezifische Bedeutung von Flexibilität sind vor allem die traditionellen ­Geschlechterbilder in der Gesellschaft und die höchst ungleiche Verteilung von Sorgearbeit in Deutschland.«

»Wenn ich Pause mache, würde ich mich im Büro mit Kollegen unterhalten. Zu Hause fange ich an zu putzen oder bereite das Abendessen vor.«

Auch Martina arbeitet im Homeoffice. Sie betritt ihr Büro an der Universität Tübingen nur, wenn es nicht anders geht. »Ich habe wenige Lehrverpflichtungen und muss kaum präsent sein, weil meine Arbeit hauptsächlich in der Forschung besteht.« Mit ihrem Partner und ihren ein und vier Jahre alten Kindern lebt sie in einer gemeinsamen Wohnung. Die acht Stunden, die sie täglich arbeitet, verbringt sie in der ­Regel am heimischen Schreibtisch. »Wenn ich mal eine Pause mache, würde ich im Büro einen Kaffee kochen, Mittagessen gehen oder mich mit Kollegen unterhalten. Zu Hause fange ich dann schon eher mal an zu putzen, zu waschen oder ich bereite das Abendessen vor.« Auch sie betrachtet die Entgrenzung ­ihrer Arbeit kritisch: Lesen beim Mittagessen, Interviews auswerten bei der Hausarbeit. »Das ist wirklich alles sehr fließend, vieles mache ich parallel.« Auf der anderen Seite verschaffe ihr das Homeoffice aber auch Freiheiten, auf die sie ungern verzichten möchte: »Ich hab heute nicht geduscht und ­trage einen Jogginganzug. Das könnte ich mir an der Uni nicht leisten. Ich müsste dann jeden Morgen noch mal eine halbe Stunde mehr dafür auf­wenden, mich akzeptabel in Schale zu schmeißen«, sagt Martina lachend.

Die Nachteile der Flexibilität: 41 Prozent der Angestellten im Homeoffice klagen über Stress – unter den Kollegen im Büro sind es nur 25 Prozent. Auch nachts können Heimarbeitende schlechter abschalten: 42 Prozent leiden an Schlafstörungen, bei den Büroarbeitenden sind es lediglich 29 Prozent. Das zeigt die Studie »Arbeiten jederzeit und überall: Auswirkungen auf die Arbeitswelt« der International Labour Organisation (ILO).

Trotzdem liegt das Homeoffice im Trend. Etwa jeder achte Beschäftigte in Deutschland arbeitet zumindest gelegentlich vom heimischen Schreibtisch aus. Auch Katrin hat sich vor gut einem Jahr dafür entschieden. Die Juristin arbeitet bei der Berliner Verwaltung und tauscht an einem Tag in der Woche das Büro mit dem heimischen Sofa. »Erlaubt ist das eigentlich nicht«, sagt sie schmunzelnd. Das Arbeiten von zu Hause aus müsse nämlich auch gewissen Standards entsprechen, zum Beispiel was die Sicherheit oder die Gesundheit am Arbeitsplatz zu Hause angehe. »Aber wenn ich lange Texte zu lesen habe, mache ich es mir auch mal bequem, lege die Beine hoch und trinke einen Tee.« Für Katrin hat das Home­office einen sehr konkreten Vorteil: »Anstatt wie an meinen anderen Arbeitstagen um fünf Uhr aufzustehen, kann ich an meinem Heimarbeitstag eine Stunde länger schlafen«, erzählt sie. Tatsächlich war für sie nicht die Betreuung ihrer beiden Kinder, sondern der wegfallende Zeitaufwand für den Arbeitsweg ausschlaggebend. Auch der ­Arbeitgeber fördert flexible Modelle. Katrin schätzt, dass rund ein Drittel ­ihrer Kolleginnen und Kollegen einen Tag pro Woche im Homeoffice verbringen. »Dadurch wird bei uns viel Rücksicht genommen auf Kolleginnen und Kollegen, die nicht im Büro sind. Wir machen zum Beispiel häufig Telefonkonferenzen und koordinieren unsere Präsenztermine miteinander.«

Katrin fällt die Abgrenzung zur reproduktiven Arbeit zu Hause leicht: »Ich schmeiße schon mal eine Maschine Wäsche an, aber wenn ich arbeite, dann tue ich auch wirklich sonst nichts ­anderes.« Jeden Tag von zu Hause aus arbeiten würde sie allerdings nicht wollen. Das soziale Leben im Büro schätzt sie sehr. »Und außerdem mag ich meine Kollegen auch viel zu gerne«, lacht Katrin.

Melanie Arntz ist stellvertretende Leiterin des Forschungsbereichs »Arbeitsmärkte und Personalmanagement« am Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW). Sie hat in ihrer aktuellen Studie herausgefunden, dass die Arbeitsplatzzufriedenheit im Homeoffice sogar steigen kann. Dies gilt allerdings in der Regel nicht für Mütter. Zufriedener sind, das zeigen die von ihr ausgewerteten Daten, vor allem Männer ohne Kinder.

Dennoch kündigt das ZEW seine Studie optimistisch an: »Homeoffice fördert Karrieren von Müttern«, heißt es auf der Website des ­Instituts. Tatsächlich erhöht sich bei Müttern im Homeoffice die Arbeitszeit. »Das kann natürlich vorteilhaft sein. Aber der Stundenlohn steigt, ­anders als bei Männern im Homeoffice, nicht an.« Der Jungle World sagte ­Arntz, woran das liegen könnte: »Frauen verhandeln ihre Löhne oft weniger hart als Männer, aber der Arbeitgeber unterstellt Männern auch andere Motive für die Tätigkeit im Homeoffice. Bei Frauen nimmt man an, sie entschieden sich aus privaten und familiären Gründen dafür. Bei Männern unterstellt man dagegen, dass sie sich noch mehr einbringen wollen und für ihren Arbeitgeber flexibel zur Verfügung stehen möchten.« Für den Aufstieg von Frauen in der Firma dürfte das Homeoffice also eher hinderlich sein.

Martina sieht diesen Aspekt deutlich: »Nicht am Arbeitsplatz präsent zu sein, hat Nachteile. Man knüpft viel weniger Kontakte oder bekommt von Projekten nichts mit, bei denen man einsteigen könnte«, räumt sie ein. Ihren Anschlussvertrag hat sie auch nicht im Homeoffice ergattert. Dafür war sie zwischen der Geburt des ersten und zweiten Kindes mehrere Monate vor Ort in der Universität.

Das Homeoffice scheint für viele Frauen eine Möglichkeit zu sein, Hindernisse in ihrem Arbeitsalltag durch ­Flexibilität zu umgehen. Eine Strategie zur Vereinbarkeit für Familie und Beruf ist es dennoch nicht. Für Frauen bedeutet die Heimarbeit in der Regel noch immer eine Doppelbelastung ohne bessere Bezahlung. Die Care-Arbeit nimmt dabei eher zu und der Gender Care Gap bei Paaren vergrößert sich zu Ungunsten der Frauen. Nicht zuletzt steht eine Retraditionalisierung von Rollenbildern zu befürchten, wenn Lohn- und Fürsorgearbeit am selben Ort verrichtet werden.
* Alle Namen der im Homeoffice Arbeitenden von der Redaktion geändert.

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