Hanna Poddig, Autorin und Klimaaktivistin, im Gespräch über Extinction Rebellion

»Mir wird da wirklich schlecht«

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Interview Von

In anderen sozialen Bewegungen gab es ja auch ein deutlich ungehorsameres und konfrontativeres Verhältnis zur Polizei. Wie ist das bei XR?
Die Berliner Polizei hat sich vor kurzem sehr darüber gewundert, dass sich Teilnehmerinnen und Teilnehmer von XR bei ihr für den friedlichen Einsatz bedankt haben. Sie haben der Polizei offenbar gesagt, dass auch Friedlichsein eine Waffe sein könne. Die Polizei kam sich wohl ein bisschen verarscht vor. Das kann ich mir auch vorstellen, weil die Polizei gar nicht weiß, wie sie mit so einer Reaktion umgehen soll. Das Ganze hätte also subversiv sein können, wenn es strategisch gewesen wäre, das war es aber eben nicht. Und damit verkennt XR strukturelle Gewalt und auch tatsächliche Gewalt. Denn man kann sich nicht für eine friedliche Räumung bedanken, bevor man nicht mit den Menschen gesprochen hat, die geräumt wurden. Diese haben nämlich zum Teil etwas ganz anderes berichtet. Ich bin skeptisch, was diese Gruppe angeht.

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Was macht Sie skeptisch?
Ich erkenne bei ihr eine fehlende ­Abgrenzung nach rechts, eine Offenheit nach rechts sogar. In ihrer Selbstdefinition heißt es: »We don’t think it is help-ful to set this up as a fight between the ›left‹ and the ›right‹, we have an enormous challenge before us, we believe we need to lay down our differences and find our common ground.« Wenn man also rechts und links ablehnt, um dann im nächsten Satz von einer gemeinsamen Basis zu sprechen, dann wird mir wirklich schlecht. Leute müssen sich nicht zuordnen, aber ich fordere selbstverständlich eine antirassistische Positionierung, ansonsten habe ich keine Lust, mit XR gemeinsam auf die Straße zu gehen. Außerdem teile ich auch den Fatalismus nicht. So zu tun, als gäbe es ein kleines Zeitfenster, um die Welt zu retten, ist vollkommen falsch und bietet ein Einfallstor für autoritäre Lösungen. XR fordert ja auch einen Notstand. Es gibt also offenbar keine historische Auseinandersetzung mit dem Notstand als Konzept.

Kann also ziviler Ungehorsam als Instrument von rechts ebenso wie von links verwendet werden?
Grundsätzlich ja. Dennoch tun sich rechte Bewegungen schwerer mit dem Ungehorsam, weil in ihrer Überzeugung Gehorsam eine Tugend ist. Deshalb sind zum Beispiel die »Identitäre Bewegung« und ihre Aktionsformen auch innerhalb der Rechten umstritten. Aber es scheint mir eher die Ausnahme.

Ist Ungehorsam mehr als eine politische Aktionsform?
Es gibt sicherlich Gruppen, die zivilen Ungehorsam als Mittel zum Zweck ansehen. Sie betrachten eine politische Situation und überlegen sich strategisch eine kluge Herangehensweise, diese Situation zu verändern. Der Begriff erfährt aber auch gerade einen derartigen Boom, dass immer alles ziviler Ungehorsam genannt werden muss, weil das eben die neue Form der hippen Demo ist. Wenn ich heutzutage einfach eine Demonstration ankündige, dann kommt kein Mensch mehr. Wenn ich will, dass Leute kommen, muss ich sagen: Es ist ziviler Ungehorsam – egal, ob es das ist oder nicht. Nur mit diesem Label kann man die Dynamik abgreifen.


Hanna Poddig ist Autorin und Umweltschützerin. Sie engagiert sich seit über 20 Jahren für den Klimaschutz und gegen Atomkraft und wirkte bei zahlreichen Blockaden und Besetzungen mit. In ihrem Buch »Klimakämpfe. Wir sind die fucking Zukunft« erklärt sie den Unterschied zwischen appellativen und revolutionären Ansätzen des Ungehorsams.