Josef Reichholf, Evolutionsbiologe, im Gespräch über Forstwirtschaft, Naturbilder und die Romantisierung des Waldes

»Die Sehnsucht nach der heilen Welt«

Josef Reichholf ist Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe. In den siebziger Jahren war er mit Bernhard Grzimek und anderen an der Gründung der „Gruppe Ökologie“ beteiligt, aus der später der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland hervorging. Mit der ­»Jungle World« sprach er über den Zustand des deutschen Waldes, die Wildnis und das Bedürfnis nach ­einer heilen Natur.
Interview Von

Nach den jüngsten Dürresommern ist erneut von einem Waldsterben die Rede. Wie ernst ist die Lage für den deutschen Wald tatsächlich?

Das ist regional sehr verschieden, denn es hat ja nicht überall gleich wenig geregnet. Die Dürre war insbesondere in Nord- und Ostdeutschland sehr aus­geprägt. In Südostbayern war es relativ unproblematisch. Natürlich gab es auch hier ein Niederschlagsdefizit, aber es war nicht annähernd so krass wie in Nordostdeutschland.

Wie schlimm wäre es aus ökologischer Sicht, wenn in Deutschland einige Waldflächen verschwänden?

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Gar nicht so schlimm, denn das wären ja in der Regel gepflanzte Forste, die sehr wenig Naturnähe zeigen. Wenn auf diesen Flächen dann langfristig und vernünftig mit Mischwaldbeständen aufgeforstet würde, dann käme ­genau das zustande, was Naturschützer und Ökologen seit Jahrzehnten fordern.

Die Menschen mit ausgeprägt romantischen Vorstellungen vom Wald
kommen vermutlich selbst am wenigsten hinein.

Ist der bestehende Wald also eher eine Kulturlandschaft?

So ist es. Der Wald ist das, was boden- und klimabedingt in einem bestimmten Gebiet von Natur aus als Baumbestand aufwächst. Der Forst ist das, was gepflanzt wird. Die Bäume sind dort zumeist standortfremd und müssen mit erheblichem Aufwand gepflegt werden. Damit entspricht der Forst dem, das wir in der Kulturlandschaft Feld und Flur nennen. Felder und Wiesen kann man ja nicht sich selbst überlassen. Sie würden zuwachsen und zu Wald werden. So ist es auch beim Forst. Die gepflanzten Baumbestände brauchen Pflege und Durchforstung, damit sie das Wachstumsziel erreichen, nämlich schlagbare Bäume, die Bauholz oder anderes Nutzholz liefern. Ein Wald wächst für sich und optimiert das Wachstum für sich alleine. Da braucht man nicht einzugreifen.

Die Bundesregierung hat beschlossen, dass bis 2020 fünf Prozent des Waldes als »Wildnis« sich selbst überlassen werden sollen. Inwiefern ist ein wilder Wald besser als ein von Menschen gestalteter?

Er ist auf jeden Fall besser. Das Prinzip sollte für alle staatseigenen Forste gelten. Bei Maßnahmen gegen den Klimawandel geht es auch darum,  möglichst viel CO2 zu binden. Das geht am besten, wenn man die Wälder so wachsen lässt, wie sie selbst wachsen. Lokale Holzentnahmen schließt das nicht aus, aber die Tendenz müsste darauf gerichtet sein, möglichst viel Wald einfach wachsen zu lassen, damit viel Kohlendioxid gebunden wird.

Das bedeutet dann Aufforstung?

Nicht zwangsläufig. Wo Nadelwald­mono­kulturen zusammenbrechen, weil die Borkenkäfer die Fichten schädigen, wächst natürlicher Wald ganz von selbst nach, wie etwa im Nationalpark Bay­erischer Wald. Das bringt in der Gesamtwuchsleistung mehr als gepflanzte Bäume, die ja möglichst konkurrenzarm aufwachsen sollen, damit sie später gute Erträge bringen. Ein wild aufwachsender Wald nutzt die Möglichkeiten des Wachstums optimal. Ein gepflanzter kann das nie so umfassend, obwohl die einzelnen Bäume besser wachsen. Die Pflanzung  wird wieder ein Forst und kein natürlicher Wald.

Aber im Wald gibt es ja nicht nur Bäume.

Freilich sollte es im Wald jede Menge anderer Pflanzen und eine Vielzahl an Tieren geben. Aber in der modernen Forstwirtschaft verhält es sich wie in der Landwirtschaft: Tiere stören. Das so­genannte Wild, Hirsche, Rehe und auch Wildschweine, wird im Wald als Schädling bekämpft, weil es gegen die Interessen der Forstwirtschaft wirkt. Die Tiere verbeißen Jungbäume und wühlen den Boden auf. Das ist völlig natürlich, nur nicht das, was die Forstwirtschaft anstrebt. Deshalb werden diese Tiere als Forstschädlinge deklariert und so extrem bejagt, dass Menschen Wildtiere im Forst fast nicht mehr zu Gesicht bekommen. Sogar die Forststraßenränder werden jedes Jahr im Frühsommer gemäht, gerade dann wenn dort Blumen blühen, Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge fliegen. Ihnen wird dieser kleine ­schmale Lebensraum mit einem Schlag vernichtet, weil der Wald ein forstliches Betriebsgelände ist. Dagegen sollte man sich zur Wehr setzen, denn der Staatswald gehört uns allen und nicht den Forstverwaltungen.

Dabei nimmt die Waldfläche weltweit eher zu als ab.

Das ist zwar richtig, aber mit Waldfläche sind auch Aufforstungen gemeint, ­besonders in Ländern wie China. Die Primärwälder schrumpfen hingegen stark, weil sie gerodet werden für den Anbau von Futtermitteln für Stallvieh in Europa und für die Anlage von Ölpalmplantagen. Was seit Jahrzehnten in Brasilien etwa geschieht, ist verheerend und lässt sich nicht ausgleichen damit, dass in China Bäume gepflanzt werden. Im Hinblick auf die CO2-Bindung und den Artenreichtum können Forste nicht mithalten. Was mit der Vernichtung der Tropenwälder an Arten verloren geht, zählt ungleich mehr und ist weitaus gewichtiger, als das, was mit Pflanzungen in neuen Wäldern geschaffen wird. Auch unsere gepflanzten Forste sind bei weitem nicht so ­artenreich und so üppig im Gesamtwuchs wie echte Naturwälder mit Großtieren.

Rührt die deutsche Liebe zum Wald also von der falschen Vorstellung von Ökologie als Schutz eines funktionierenden Kreislaufs?

Schön wäre es, gäbe es diese Waldliebe. Vermutlich drückt sich da eher die Sehnsucht nach einer heilen Welt aus. Der Wald wird romantisiert, wie das Vergangene oft verklärt wird. Das ist dann die gute alte Zeit. Der Wald steht für das Gute, das den Kontrast zum Großstadtdschungel liefert. Dabei gibt es im Großstadtdschungel der Parks und großer Gärten mehr freilebende Tiere und eine größere Artenvielfalt an Pflanzen als auf gleich großen Forstflächen. Bäume in der Stadt dürfen alt werden und Höhlen bekommen. Vielfach gibt es Baumschutzverordnungen. Die Menschen mit ausgeprägt roman­tischen Vorstellungen vom Wald kommen vermutlich selbst am wenigsten hinein. Wer in den Forst geht, wird realistisch und betrachtet die Lage, wie sie wirklich ist.

Natur- und Umweltschutz sind in aller Munde, die Menschen kaufen die »Landlust« und Bioprodukte und wollen die Erde retten. Zugleich nimmt die Naturentfremdung ra­pide zu und die Artenkenntnis der Menschen nimmt ebenso rapide ab. Wie erklärt sich dieser Widerspruch?

Er ist Ausdruck der immer geringer werdenden Kenntnis. Je weniger man selbst weiß und erlebt, desto stärker wird das verklärt, was man sich wünscht und vorstellt. Die Sehnsucht treibt die Menschen im Urlaub in die unberührte Ferne, wo man sich dann aber wieder mit den Massen trifft.

 

Josef Reichholf
Josef Reichholf