Gabriele Dietzes einseitige Vorwürfe an Feministinnen und Homosexuelle

Gewohnte Kampfbegriffe

Die Genderforscherin Gabriele Dietze wendet sich in ihrem neuen Buch gegen eine angebliche mit der Verteidigung sexueller Freiheit argumentierende »Migrationsabwehr«. Eine solche betreiben ihrer Meinung nach neben Rechten vor allem Homosexuelle und Feministinnen.

Seit etwa 15 Jahren stehen die Publikationen der Berliner Genderforscherin Gabriele Dietze exemplarisch für sämtliche Tendenzen, für welche die deutschsprachigen Gender Studies mittlerweile berüchtigt sind: viel Jargon und wenig Analyse; eine realitätsferne, oft widersprüchliche Scheinkomplexität; eine grundbiedere Rede von »Sexuellem«, das de facto gar nicht interessiert; ein altbackener Antiimperialismus und, damit korrespondierend, ein absolutes Desinteresse an deutschen Zuständen; vorgestanzte Häme gegen Alice Schwarzer und ihre Zeitschrift Emma; ein eklatanter Widerwille, das islamische Patriarchat als solches zu benennen; vollständige Blindheit für Antisemitismus, Rassismus und Sexismus unter Migranten; schließlich eine despektierliche Fixierung auf migrantisch-feministische Autorinnen, die all dies kritisieren.

»Ethnosexistische« Feministinnen werden zur Zielscheibe: Ihnen sagt Dietze nach, im Einklang mit dem »Mainstream-Feminismus« zu behaupten, dass die Emanzipation im Westen vollendet sei.

Fundament dieses abgeriegelten Weltbilds ist eine unterkomplexe Analogie: Nach dem Ende des Kalten Kriegs sei im Westen der Islam als Feindbild an die Stelle getreten, die der sogenannte Ostblock früher besetzt habe. Dieser ahistorische Kurzschluss ignoriert die jihadistischen Bestrebungen seit der »Islamischen Revolution« im Iran geflissentlich. Dass der Grund für die rege Publizistik zum Islam zu einem guten Teil in den seit 1979 global zu verzeichnenden terroristischen Taten und der wegen des Internets höheren Sichtbarkeit gesetzlich abgesegneter Menschenrechtsverletzungen in islamischen Ländern liegen könnte, ist dem sich mit Repräsentationskritik begnügenden Denken unvorstellbar. Es nutzt die gewohnten Kampfbegriffe – allen voran »Islamophobie«.

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All dies macht Dietzes Texte konventionell und vorhersehbar, deswegen aber keinesfalls belanglos. An ihnen lässt sich musterhaft darlegen, wie gendertheoretische Abhandlungen gegen sämtliche emanzipatorischen Einwände verbarrikadiert werden, die in den vergangenen Jahren vorgetragen wurden. So bezieht sich Dietze beispielsweise seit langem auf die professionelle Antizionistin Jasbir Puar, deren pseudowissenschaftliche, Selbstmordattentate glorifizierende Pamphlete »israelkritische« und »gendersensible« deutsche Akademikerinnen mittlerweile goutieren wie Rechtsreaktionäre die Schriften Ernst Jüngers.

Das ist keineswegs politischer Naivität geschuldet, sondern hat System. Bei Dietze verfällt jedwede Kritik am Islam und ihren gewaltsamen wie hochmoralischen Ausprägungen einem Verdikt: Als Einspruchsinstanz gegen den Westen darf diese Religion keinesfalls geschwächt werden, noch nicht einmal durch wissenschaftliche Bestandsaufnahmen. Die Ethnologin Susanne Schröter hat ebenjenes akademische und meist herkunftsdeutsche Milieu deshalb einmal zu Recht als Ansammlung moderner »Orientalistinnen« bezeichnet.

In der Tradition deutschromantischer Kollektivprojektionen auf das Morgenland steht auch Dietzes jüngstes Buch »Sexueller Exzeptionalismus«. Zentrales Argument ist hier, dass westliche Freiheiten, insbesondere sexuelle zur »Migrationsabwehr« benutzt würden – vorrangig vom Viergespann Feminismus, Neue Rechte, Identitäre und Rechtspopulismus, das die »Annahme einer generellen sexuellen Rückständigkeit und Gefährlichkeit« von Migrantinnen und Migranten teile, wie der Klappentext verlautbart. Unter »Migranten« versteht Dietze hier ein muslimisches, in traditionellen, heterosexuellen Familienzusammenhängen lebendes Kollektiv. Dessen vermeintlichen Ausschluss durch Staat, Medien und Gesellschaft versucht sie anhand begrifflicher Eigenkreationen wie »Ethnosexismus« und »sexueller Exzeptionalismus« nachzuweisen.

»Ethnosexismus« äußere sich in »Gefährdungsnarrativen«, die ethnisch »markierte« Menschen wegen ihrer als rückständig aufgefassten Sexualität oder Sexualordnung rassistisch diskriminierten. Dietze nutzt dieses Konstrukt, um die Geschehnisse in der Silvesternacht 2015/2016 auf der Domplatte in Köln in ihrem Sinn zu deuten: Migrationsfeindlichkeit, »antimuslimischer Rassismus« und die »Behauptung sexueller Gefährdung weißer einheimischer Frauen« hätten diskursiv eine »ethnosexistische Konstellation« gebildet.

In auffälliger Übereinstimmung mit dem 2017 erschienenen Essay »Unterscheiden und herrschen« von Sabine Hark und Paula-Irene Villa, in dem die Autorinnen anhand der Geschehnisse in Köln »ambivalente Verflechtungen von Rassismus, Sexismus und Feminismus« festzustellen meinten, bilanziert Dietze, dass »ungeklärt« sei, was auf der Dom­platte passiert ist. Wie ihre Kolleginnen hält auch sie es nicht für notwendig, sich eingehender mit dem Polizeibericht, der Auswertung des Kriminalpsychologen Rudolf Egg oder dem Abschlussbericht des Landtags von Nordrhein-Westfalen zu beschäftigen. Ihre Quelle ist ein Artikel auf Spiegel Online, demzufolge aus 661 Strafanzeigen gegen vorwiegend migrantische Männer wegen sexueller Übergriffe nur drei Verurteilungen erfolgt seien. Hier wäre es das Mindeste gewesen, als feministische Problemstellung aufzugreifen, dass Opfer sexueller Übergriffe die Beweislast tragen, aber meist nur über In­dizien verfügen.

Als »sexuellen Exzeptionalismus« wiederum bezeichnet Dietze ein »Überlegenheitsnarrativ«, das »Migrationsabwehr« gegen muslimische Einwanderer mit progressiven abendländischen »Sexualpolitiken« und Selbstbildern verknüpfe. Er habe sich von »liberalen Kreisen und dem Schwarzer’schen Feminismus (…) nach rechts ausgebreitet und hat sich dort zu einem zentralen Argumentationsmuster entwickelt.« Konsequenterweise nennt die Genderforscherin jenen Feminismus, der wie Emma mit Selbstverständlichkeit den politischen Islam thematisiert, im Anschluss an Sara Farris »Femonationalismus«. Dieser ethnisiere eine imaginierte fremde Frauenfeindlichkeit. Das Konzept ist Jasbir Puars »Homonationalismus« entlehnt, der, wie Dietze ausführt, »für eine Neigung (sic!) gewisser homosexueller Gruppen und Individuen« stehe, »den okzidentalen Staats- und Machtapparat als Schutzagentur gegen ›fremde‹ Schwulenfeindlichkeit zu begreifen«. Die von Dietze auffällig oft »Homosexuelle« Genannten folgten einer »hidden agenda« und bliesen zum Angriff, etwa im Hamburger Stadtteil St. Georg: Angeblich gentrifizierten dort Massen weißer, wohlhabender Schwuler das Viertel, verdrängten gezielt muslimische Migranten, provozierten damit, »offen homosexuell« zu sein, und verschafften sich durch Presse und Parteipolitik Unterstützung.

Zentral ist hierbei die Annahme der Autorin, dass der gesellschaftliche »Rechtsruck« das größte Problem dieser Tage sei. In mehreren Unterkapiteln widmet sie sich der Alt-Right sowie der AfD. Allerdings dient ihr der Aufstieg der Neuen Rechten dazu, potentielle Opfer rechtsextremer Äußerungen und Gewalt jeglicher Kritik zu entziehen, weil alles andere den rechten Diskurs und ­damit den »Rechtsruck« befeuern könne. Daher werden etwa »ethno­sexistische« Feministinnen zur Zielscheibe: Ihnen sagt Dietze nach, im Einklang mit dem Schwar­zer’schen »Mainstream-Feminismus« und zur Abwehr von Muslimen zu behaupten, die Emanzipation sei im Westen vollendet. Dieses Postulat ist unhaltbar. Bislang ist keine Strömung bekannt geworden, die die Ziele des Feminismus als erfüllt ansieht, und jede Emma-Ausgabe widerlegt diese These aufs Neue. Selbst unter Rechtsextremen, die gegen das »Genderdiktat« wettern, dürfte sich niemand finden, der dies behauptet. Überhaupt ist das einzige Lager, das derzeit den Namen »Mainstream« verdient, dasjenige Dietzes, das Konzepten wie »Diversität«, »Intersektio­nalität« oder »Queer« anhängt, die längst ihren Weg in Gesetzgebung, Kulturbetrieb, Wirtschaftssprache und Pädagogik gefunden haben.

Dietzes Publikationshistorie reicht bis in die Sponti-Jahre zurück, weswegen in besonderem Maße auffällt, dass sie dem deutschen Rechtsex­tremismus noch nie eine Analyse gewidmet hat. Ohnehin macht die neumodische und hastige Aufregung über die AfD, den »Rechtspopulismus« und den »Trumpismus« in Kreisen der Gender Studies den Eindruck, als ob damit die jahrzehntelange Ignoranz über die hiesige Rea­lität – über die NPD, DVU und die Republikaner, die Wehrsportgruppe Hoffmann, in Ostdeutschland marodierende Schlägerbanden und den NSU – wettgemacht werden solle. Diese Thematisierung setzte erst ein, nachdem der »Antigenderismus« Thema der Rechtsreaktionären geworden ist, was vermuten lässt, dass sie weniger einer konzisen Gesellschaftsanalyse als einer narzisstischen Regung entsprungen ist. Dass Dietzes Schrift mit der Ansage endet, Voraussetzungen für »einen breiten Widerstand« zu schaffen, unterstreicht zudem, wie sie sich engagierte Wissenschaft vorstellt. Allianzen folgen dem Wort: Am 17. Januar störten identitäre Linke gemeinsam mit dem politischen Islam nahestehenden Personen eine Diskussionsveranstaltung in Frankfurt am Main, die Verschleierung und Sittsamkeit zum Thema hatte. Handgreiflichkeiten lösten einen Polizeieinsatz aus.

Drei Tage zuvor hatte der Tagesspiegel gemeldet, der Salafismus habe in Deutschland einen Rekord verzeichnet. Mittlerweile sollen 12 000 Personen diesem Milieu angehören, dreimal so viele wie zu ­Beginn des »Arabischen Frühlings« 2011. Folgt man Dietze, darf schon die bloße Nachricht als sinistre »Migrationsabwehr« abgetan werden. Antisemitismus, antiwestlicher Eifer, jihadistischer Fanatismus, Homo­sexuellenfeindlichkeit, Misogynie und repressiv perfektionierte Zwei­geschlechtlichkeit des salafistischen Milieus sind der Genderforschung bislang herzlich egal. Die Genderforschung scheint gegenwärtig wenig anderes im Sinn zu haben, als Skepsis als Rassismus zu verunglimpfen. Den desolaten Zustand ihres akademischen Refugiums kaschiert sie derweil, indem sie ihre neueren Publikationen prophylaktisch zum »Essay« herabstuft. Aus guten Gründen: Andernfalls könnten Zweifelnde, die von staatlich finanzierten Professorinnen ­erwarten, etwas zum Wissensstand beizutragen, schneller auf die Idee kommen, dass diese wegen mangelnden Problembewusstseins, fehlender Sprach- und Religionskenntnisse, unstrukturierter Schreibweise, unsortierter Begriffe und Analysen, inhaltlich redundanter bis vollkommen abwesender Quellenarbeit sowie grober Auslassungen relevanter ­Sujets zwecks gesinnungsadäquater Argumentation gar nichts zum Thema beitragen können.

Gabriele Dietze: Sexueller Exzeptionalismus. Überlegenheitsnarrative in Migrationsabwehr und Rechtspopulismus. Transcript-Verlag, Bielefeld 2019, 222 Seiten, 19,99 Euro