Die FDP diskutiert über den Säkularismus und den Islam

Der Islam wird liberal

Die FDP-Bundestagsfraktion hat in der vergangenen Woche zu einer Podiumsdiskussion zum Thema »Der Islam in der säkularen Gesellschaft« geladen. Heikle Themen wurden jedoch ausgespart.

Riem Spielhaus hatte eine undankbare Aufgabe. Die Professorin für Islamwissenschaft von der Georg-August-Universität Göttingen sollte eine Einführung zum Thema »Konfliktfaktor Islam?« liefern – in 15 Minuten. In dieser knappen Zeit lief zwangsläufig einiges schief. Kaum zu entziffernde Schaubilder sollten dem Publikum wohl einen Anschein von Wissenschaftlichkeit vermitteln. Doch spätestens Sätze wie »Die Zahlen müssen Sie nicht genau kennen« hinterließen einen unfreiwillig komischen Eindruck.

Anzeige

An Publikum mangelte es nicht. Die Abgeordnetenlobby im Berliner Reichstagsgebäude war gut gefüllt. Etwa 80 Personen nahmen vergangene Woche an der Podiumsdiskussion der FDP-Bundestagsfraktion zum Thema »Der Islam in der säkularen Gesellschaft« teil. Die an Spielhaus’ Einführung anschließende Podiumsdiskus­sion nutzten vor allem Kritiker der konservativen Islamverbände wie Eren ­Güvercin von der Alhambra-Gesellschaft und Lamya Kaddor vom Liberal-Islamischen Bund. Sie kritisierten die von Vertretern konservativer Organisationen gepflegte Selbstdarstellung als Opfer, die jedoch ohne die jahrzehntelange Ablehnung der Mehrheitsgesellschaft auch nicht gänzlich zu verstehen sei. So hätten »insbesondere türkeistämmige Verbände eine Reethnisierung« vorangetrieben, was mit der umfangreichen »Diasporarbeit« der türkischen Regierung zu tun habe, aber auch mit der »eigenen geistigen Ausrichtung« der Verbände, wieder­holte Güvercin die Kritik im Gespräch mit der Jungle World. Das von den ­Verbänden gepredigte »nationalistisch-identitäre Weltbild« stehe dem Angebot eines positiven Selbstbilds entgegen, wie es die Alhambra-Gesellschaft insbesondere den hier geborenen und aufgewachsenen jungen Muslimen mache. Bei Güvercins Vereinigung handelt es sich nach eigenen Angaben um »einen Zusammenschluss von Musliminnen und Muslimen, die sich als originärer Teil der europäischen Geschichte und ihrer jeweiligen europäischen Heimatgesellschaft verstehen«.

Insbesondere »türkeistämmige Islamverbände« hätten eine »Reethnisierung« vorangetrieben, sagte Eren Güvercin von der Alhambra-Gesellschaft

Die Kritik richtete sich vor allem an den Vertreter des Dachverbands »Islam­rat für die Bundesrepublik Deutschland« auf dem Podium, Burhan Kesici. Das ehemalige Mitglied der FDP sagte der Jungle World: »Muslime werden immer noch als Fremde betrachtet.« Er selbst definiere sich seit einigen Jahren wieder als Türke, Auslöser für diese »Rückbesinnung auf die Herkunft der Vorfahren« sei die fremdenfeindliche Stimmung hierzulande.

Nicht zur Sprache kam auf dem Podium, dass Kesici als Verwaltungsrats­vorsitzender der Islamischen Föderation Berlin (IFB) tätig war, zu der Vereine wie die Neuköllner Begegnungsstätte (NBS) und das Teiba-Kulturzentrum ­gehören, die dem Milieu der Muslimbrüder zugerechnet werden. Dem ­Verfassungsschutz zufolge soll die IFB darüber hinaus auch Verbindungen zur islamistischen Bewegung Millî Gö­rüş haben. Zurzeit ist Kesici Mitglied des Beirats für islamischen Religionsunterricht in Nordrhein-Westfalen. ­Neben ihm saß der Direktor des Instituts für Islamische Theologie an der Universität Osnabrück und Vorsitzende des Avicenna-Studienwerks, Bülent Uçar. Die beiden Männer waren sich zumindest in einem Punkt mit dem rest­lichen Podium einig: Einen wie auch immer gearteten »deutschen Islam« gebe es nicht. Muslime seien selbstverständlich Teil der deutschen Gesellschaft; das Unterfangen, einen eigenständigen ­Islam in Deutschland zu installieren, hielten alle Beteiligten für suspekt.

Dass Güvercin und Kaddor Kritik an den großen Islamverbänden vorbrachten, war zu erwarten. Auffällig war hingegen: Kritische Nachfragen aus dem Publikum und von den Veranstaltern waren an diesem Abend selten. Dabei hätte die Tätigkeit mancher Diskussions­teilnehmer auf dem Podium durchaus Anlass geboten. Die Autorin Sineb El Mas­rar beschreibt in ihrem Buch »Emanzipation im Islam – Eine Abrechnung mit ihren Feinden«, dass die ­Bewerber für ein Stipendium beim Avicenna-Studienwerk, dem Uçar vorsitzt, ausgefragt würden, wie es um ihre Religiosität stehe und »wie intensiv ihr Engagement in diversen muslimischen Islamverbänden« sei. El Masrar vermutet mit Blick auf die »federführenden Entscheider« des Studienwerks, dass »eine verbandsnahe Generation gefördert werden soll«. Solche Probleme wurden an diesem Abend jedoch nicht diskutiert, es blieb eher ruhig.

»Die Veranstaltung war die erste dieser Art im Deutschen Bundestag in dieser Legislaturperiode«, sagte Stephan Thomae, der stellvertretende Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, nach der Podiumsdiskussion. Aus der Debatte und den anschließenden Gesprächen wolle die Fraktion »viele gute Gedanken für die Zukunft« mitnehmen. Die Veranstaltung sei »nur der Auftakt eines verbesserten Austauschs«. Vielleicht werden die unangenehmen Themen ja nach der bedächtigen Kennenlernphase angesprochen.