In Zeiten der Pandemie erfreut sich der Murmelsport großer Beliebtheit

The Show Must Roll On

Murmelwettbewerbe haben das Zeug, zur Sportattraktion des Jahres zu werden.

Wir befinden uns im Jahr Covid-19. Alle Sportereignisse sind abgesagt. Alle Sportereignisse? Nein! Ein von virenresistenten Athleten ausgetragener Nischensport entwickelt sich zur Publikumsattraktion des Jahres. Dass sich kleine kugelförmige Objekte wunderbar als Spielzeug eignen, dürften schon Steinzeitmenschen entdeckt haben, denen die gerade gesammelten Nüsse auf dem Höhlenboden weggekullert waren. In späteren Zeiten stellte man Murmeln dann auch selbst aus Steinen, Ton oder Glas her, wie Funde aus antiken Zivilisationen vom Indus-Tal über Mesopotamien bis Ägypten belegen. Nach welchen Regeln seinerzeit gemurmelt wurde, ist nicht überliefert; aus dem 16. Jahrhundert ist aber immerhin dank Pieter Bruegel dem Älteren und seinem Gemälde »Die Kinderspiele« bekannt, dass es auch damals schon darum ging, mit Murmeln ein Ziel zu treffen.

»Ich kann nicht glauben, dass ich das bis zum Ende angeguckt habe. Der Mangel an Live-Sport setzt mir eindeutig zu. Entzugserscheinungen.« Gary Lineker, englisches Fußballidol, über Murmelrennen

Wettrennen mit Kullerdingern sind sogar aus wesentlich früherer Zeit belegt: Im Berliner Bode-Museum ist ein aus Marmor gearbeitetes Kugelspiel – heutzutage würde man Murmelbahn sagen – aus Byzanz zu bewundern. Verziert mit Motiven aus den damals ebenfalls beliebten Pferderennen, diente es als eine Art Spielautomat, an dem man Geld darauf setzte, welche von vier verschiedenfarbigen Kugeln wohl am schnellsten im Ziel ankommen würde. Im sechsten Jahrhundert wurden Glücksspiele und damit auch das Wettmurmeln im byzantinischen Reich allerdings verboten, so dass die Geschichte der Murmelbahn an dieser Stelle vorläufig abreißt oder zumindest fürderhin nur schlecht dokumentiert ist.

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Das Zielmurmeln auf der Straße hielt sich hingegen als Brauch durch die Jahrhunderte. Die bunten Glaskugeln, wie man sie heute kennt, kamen dabei recht spät auf, als Glasbläser aus dem thüringischen Lauscha Mitte des 19. Jahrhunderts ein Verfahren entwickelten, das eigentlich dazu diente, erschwingliche Augenprothesen herzustellen, die bis dahin meist aus Halbedelsteinen angefertigt worden waren. Die Nachfrage nach Murmeln erwies sich höher als die nach Glasaugen; die schmucken Spielzeuge entwickelten sich schnell zum Verkaufsschlager und wurden in alle Welt exportiert, vor allem in die USA. Eine weitere Quelle für Kügelchen tat sich einige Jahrzehnte später auf, als das sogenannte Knickerwasser – Limonade in Flaschen mit Kugelverschluss – in Mode kam. »Da die Flaschen häufig von Kindern zerschlagen wurden, um an die Glasmurmel heranzukommen, sind relativ wenige Exemplare erhalten geblieben und Knickerflaschen sind seltene Sammlerobjekte«, berichtet Wikipedia.

Dass das Straßenmurmeln heutzutage fast verschwunden ist, dürfte weniger am Aufkommen von Kronkorken und Bügelverschlüssen liegen als an der Erfindung der »autogerechten Stadt«. Dafür haben Erwachsene das Spiel für sich entdeckt, was offenbar nicht ohne Vereinsmeierei und andere unschöne Begleiterscheinungen möglich ist. »Nach der Deutschen Nationalhymne konnte bei bestem Wetter in die Deutsche Meisterschaft gestartet werden«, berichtet der 1. Södeler Klickerverein, der sich als Titelverteidiger und Rekordmeister auch 2019 gegen die Konkurrenz mit Namen wie SV Murmel 011 oder Saxonia Globesnippers durchsetzen konnte. Das deutsche Vereinsmurmeln, dessen Schlachtruf »Murmel, murmel, roll, roll« lautet, stellt mit dem 1. MC Erzgebirge auch den amtierenden Weltmeister nach den Regeln des Englischen Ringspiels, der eigentlich alljährlich an Ostern im kleinen Ort Tinsley Green nahe London ermittelt wird. Den Titel wird die Mannschaft aus dem Erzgebirge noch mindestens bis 2021 tragen, denn das diesjährige Turnier wurde wegen der Coronakrise abgesagt.

Murmelrennnen hingegen erfordern keine größeren Zusammenkünfte von Menschen, kommen auch ohne den Bierernst des Vereinsmurmelns aus und erleben derzeit einen Boom wie vermutlich seit der Zeit der byzantinischen Spielhöllen nicht mehr. Bis vor kurzem war diese Entwicklung nicht absehbar und der Youtube-Kanal »Jelle’s Marble Runs« lediglich einer eher kleinen, aber enthusiastischen Fangemeinde bekannt. Doch dann wurden alle anderen Sportereignisse abgesagt, die Leute verkrochen sich ins Internet und ein etwa zweiminütiges Video, in dem sich 33 Murmeln eine Verfolgungsjagd durch einen Sandparcours liefern, wurde zum Twitter-Hit. Das ist auch der Fußballlegende Gary Lineker zu verdanken, wenngleich aus dem Kommentar, mit dem der ehemalige Kultkicker das Video weiterverbreitete, gewisse Umgewöhnungsschwierigkeiten sprechen: »Ich kann nicht glauben, dass ich das bis zum Ende angeguckt habe. Der Mangel an Live-Sport setzt mir eindeutig zu. Entzugserscheinungen.«

Womöglich ist er dafür mittlerweile süchtig nach Murmelsport, schließlich ist der Clip, in dem sich drei Murmeln namens Comet, Reflector und Deep Ocean einen erbitterten Kampf um den Spitzenplatz liefern, eine perfekte Einstiegsdroge in die von den Niederländern Jelle und Dion Bakker veranstalteten Sportereignisse. Denn die Sandmurmelrallye – von der das erwähnte Rennen wiederum nur einen Durchgang darstellt – ist nur eines von diversen regelmäßig stattfindenden Turnieren, die inzwischen auch vom Sportsender ESPN, der BBC und zahlreichen anderen Medien entdeckt wurden, denen es zurzeit an sportlichen Ereignissen mangelt.

Der vielseitigste Wettbewerb dabei ist die Marble League, ehemals Marblelympics, aus namensrechtlichen Gründen im vergangenen Jahr umbenannt. Hier treten 16 Teams aus jeweils vier Murmeln auf ausgeklügelten Parcours in Disziplinen wie Staffellauf, Karambolage, Gelände- und Unterwasserrennen an. Erweitert wird das Repertoire durch Winterspiele, in denen sich die Mannschaften mit Namen wie Team Galactic, Crazy Cat’s Eyes oder O’Rangers beispielsweise im Bobrennen und Curling messen.

All das ist technisch wie dramaturgisch ebenso perfekt wie liebevoll in Szene gesetzt, auch was das Drumherum angeht: Das garantiert virenresistente Publikum auf den Lego-Rängen jubelt oder buht, es gibt Platzstürme und Zwischenfälle mit Flitzern. Frisch in Erinnerung dürfte den Fans der Aufreger der letztjährigen Spiele sein, als Tide, der Trainer des glücklosen Gastgeberteams Oceanics, noch während des Turniers vor laufender Kamera gefeuert wurde.

Das Geschehen in und neben den Wettkämpfen wäre natürlich nur halb so fesselnd ohne einen entsprechenden Kommentar. Den liefert Greg Woods aus Iowa, der sein Handwerk im High-School- und Universitätssport gelernt hat. Wie der Zufall es will, ist er außerdem studierter Epidemiologe und nutzte seine plötzliche Prominenz dazu, sich in einem Blogbeitrag den Aufrufen anzuschließen, verdammt noch mal zu Hause zu bleiben. Woods’ Berichterstattung mit Analysen der »Strategie« der Murmelathleten und Hintergrundgeschichten zu den einzelnen Teams ist so professionell und mitreißend, dass man fürchten muss, irgendein großer Fernsehsender könnte ihn abwerben, wenn es irgendwann wieder gewöhnliche Sportevents zu kommentieren gibt.

Da es bis dahin allerdings noch eine Weile dauern dürfte, trifft es sich gut, dass die Bakker-Brüder in diesem Frühjahr mit der Marbula One einen neuen Wettbewerb ins Leben gerufen haben. Angelehnt an die Formel 1, die ihre Namensrechte großzügiger auslegt als das IOC, werden wöchentlich Rennen auf wechselnden Rundkursen ausgetragen. Die insgesamt acht Durchgänge konnten problemlos gefilmt werden, so dass wenigstens ein Sportereignis in diesem Jahr planmäßig zu Ende geführt werden kann. Die letzte Runde ist vor ihrer Verewigung auf Youtube noch »live« bei Jelle’s Marble Runs zu sehen: das Streaming des Qualifyings am Samstag, dem 4. April, das Hauptrennen einen Tag später, jeweils um 21 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit.

Die nächste Marble League soll in den Sommermonaten stattfinden; dass die Coronakrise dem in die Quere kommt, ist zumindest unwahrscheinlicher als die Absage der Olympischen Spiele. Sportfans und -journalisten sollten sich also schon einmal von dem Gedanken an Marathonläufe und Dopingskandale verabschieden und sich stattdessen mit den Regeln des Trichterrennens und Blöckeschubsens vertraut machen – und den Machern von Jelle’s Marble Runs eine robuste Gesundheit wünschen.