Die Saudis scheitern im Jemen

Die Saudis scheitern im Jemen

Saudi-Arabien hat im Jemen einseitig einen Waffenstillstand ausgerufen, der jedoch bei den Houthi-Rebellen auf wenig Interesse stößt. Nun verlieren die Saudis auch noch ihre Verbündeten, die Separatisten im Süden des Landes.

Zuerst kam die Coronapandemie, dann eine Art Unabhängigkeitserklärung: Der Krieg im Jemen schlittert in die nächste Phase, eine Lösung ist nicht in Sicht, vor allem werden die Fronten noch unübersichtlicher. Anfang April verkündete Saudi-Arabien wegen der Coronakrise einen einseitigen Waffenstillstand, den es nun über den ganzen Ramadan bis zum 23. Mai ausgedehnt hat. Diese Friedensgeste ist allerdings weniger dem Appell des UN-General­sekretärs António Guterres zu verdanken als der dringlichen Suche der Saudis nach einem Ausweg aus einem verlorenen Krieg.

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Da kam das Virus gerade recht. Hätten humanitäre Gründe in diesem Krieg jemals etwas bedeutet, dann hätte Saudi-Arabien nicht jahrelang gezielt Zivilisten und zivile Infrastruktur im Jemen bombardiert – und dann würde sich in dem Land nicht, wie es die UN bereits 2018 einschätzten, die größte humanitäre Katastrophe der Gegenwart abspielen, ein Titel, um den stete Konkurrenz mit dem Desaster in Syrien besteht. Auch Seuchen haben die saudischen Strategen nie gestört, wie die anhaltende Bedrohung durch die Cholera gezeigt hat. Nach Einschätzung der UN-Hilfskoordinatorin für den Jemen, Lise Grande, ist mindestens die Hälfte der jemenitischen Bevölkerung in einem schlechten Gesundheitszustand, drei Viertel der Bevölkerung benötigen humanitäre Hilfe oder Schutz.

Eine Auswirkung auf den Krieg hatte diese Lage nur insofern, als die von den Saudis geführte und bezahlte Koalition, von der die international anerkannte jemenitische Regierung militärisch abhängig ist, in ihrer Selbstdarstellung mittlerweile ihr Vorgehen als eine Art humanitärer Mission verkauft. Die Realität des saudischen Luftkriegs im Jemen widerspricht dem; nach Angaben des Yemen Data Project wurde in den Wochen und Monaten vor dem einseitig verkündeten saudischen Waffenstillstand so viel bombardiert wie zuletzt Ende 2018.

Im Februar schossen die Houthis zum ersten Mal mit einer Boden-Luft-Rakete einen Tornado-Jet der saudischen Luftwaffe ab.

Saudi-Arabien war 2015 an der Seite der Vereinigten Arabischen Emirate in den Konflikt im Jemen militärisch eingetreten und hat dabei die Krieg­führung aus der Luft übernommen, während sich die Emirate auf den ­Bodenkampf konzentrierten. Dieser wurde mit Milizen, mit Resten der ­ehemaligen jemenitischen Armee, aber vor allem auch mit eingekauften Truppen und Söldnern – zum Beispiel aus dem Nordsudan – auf Rechnung der Golfmonarchien für die offizielle ­Regierung geführt. Die Koalition gegen die vom Iran unterstützten Houthis wies allerdings von vornherein deutliche Sollbruchstellen auf. Das verdeutlichten insbesondere die mehr als latenten Spannungen zwischen den süd­jemenitischen Separatisten und der offiziellen Regierung unter Präsident Abd Rabbuh Mansur Hadi. Erstere wurden von den Emiraten unterstützt, letztere von den Saudis.

Im Sommer 2019 zogen sich die Emirate aus dem Konflikt zurück und überließen den Saudis das Problem. Seitdem hat die saudische Koalition herbe Niederlagen erlitten. Der Vormarsch gegen die Houthi-Rebellen stagnierte, während diese mit ihrem vom Iran gelieferten Arsenal an Raketen und Drohnen immer mehr von sich reden machten. Sie schossen Raketen nach Saudi-Arabien, unter anderem auf Ölraffinerien, überquerten immer wieder die Grenze und lockten dort im September 2019 einen Militärkonvoi in einen Hinterhalt, wobei sie angeblich 500 saudische Soldaten töteten.

Die jemenitischen Verbündeten der Saudis wandten sich derweil gegen­einander. Die südjemenitischen Separatisten vertrieben im August die Kämpfer der Regierung aus der Ersatzhauptstadt Aden und drohten mit einer Unabhängigkeitserklärung. Ein Konflikt im Konflikt, der mit einer Ende 2019 in Riad unterzeichneten Vereinbarung nicht einmal im Ansatz gelöst wurde, wie sich nun zeigt. Am Wochenende haben die Separatisten vom »Southern Transitional Council« ihre »Selbstverwaltung« erklärt und sich von der offiziellen Regierung getrennt, ein Schritt, der de facto allerdings längst vollzogen war. Doch hat sich offenbar nur ein Teil der südjemenitischen Provinzen den Separatisten aus Aden angeschlossen, der Rest hält weiter zur Regierung. Darunter sind wichtige und große Gebiete wie der Hadhramaut mit seinen einst als Reisezielen berühmten Lehmhochhäusern und den südwestasiatisch angehauchten Sultanspalästen. Eine erneute Unabhängigkeit würde wohl eher auf eine Unabhängigkeit des südlichen Südjemen hinauslaufen. Zudem stehen im südlichen Landesteil weiterhin große Gebiete unter der ­Kontrolle von Jihadisten, etwa der regionalen al-Qaida-Fraktion. Waren die Konflikte im Jemen bislang schon unübersichtlich, so wird das Szenario nun noch komplizierter.

Die Houthi-Rebellen kontrollieren das Kerngebiet des Nordjemen mit der Hauptstadt Sanaa. Dort, im Nordosten, in der Provinz Marib mit der gleichnamigen Provinzhauptstadt, droht den Saudis und der offiziellen Regierung nun eine desaströse Niederlage – die wohl der Anlass war, sich auf die Coronakrise zu besinnen und einen Waffenstillstand anzubieten. Im Februar eroberten die Houthis die Hauptstadt der benachbarten Provinz al-Jawf, dabei schossen sie auch zum ersten Mal mit einer Boden-Luft-Rakete einen Tornado-Jet der bisher unverwundbaren saudischen Luftwaffe ab, des einzigen militärischen Trumpfs der Saudis. Auch wenn die Houthis bei Präsentationen gerne klar und deutlich »Made in ­Yemen« auf ihre Raketen schreiben – ein von der US-Marine mit Fotos dokumentierter Waffenfund auf einem Schmugglerschiff im Februar zeigte Kisten mit iranischen Raketen, selbst die Laptops für die Steuerung hatten eine Farsi-Tastatur; nach Angaben der US-Marine waren sie für die Houthis im Jemen bestimmt. Mit seinem vergleichsweise billigen Aufrüstungsprogramm für die Houthis war der Iran jedenfalls erfolgreich – während der milliardenschwere Wartungs- und Ausrüstungsvertrag, mit dem der britische Rüstungskonzern BAE Systems die saudische Luftwaffe mit Hilfe von über 6 000 Technikern an Ort und Stelle einsatzbereit hält, dem Königshaus bisher wenig genutzt hat.

Nun steht den Houthis der Weg nach Marib offen. In besseren Zeiten des »Glücklichen Arabien«, wie die Römer das Land nannten, war die Stadt als ­Residenz der legendären Königin von Saba mit dem antiken »Damm von ­Marib« ein Touristenziel, zugleich ist die vergleichsweise wohlhabende gleichnamige Provinz ein Zentrum der national wichtigen Erdöl- und Gasproduktion, hier steht auch das ehemals wichtigste Kraftwerk des Landes. Um die zwei Millionen Jemeniten haben hier – ­neben einer Bevölkerung von ursprünglich 350 000 Menschen – vor den Kämpfen dauerhaft Zuflucht gefunden. Die in wehrhaften Stämmen organisierte sunnitische Bevölkerung ist immer auf ihre Unabhängigkeit von der Hauptstadt bedacht gewesen und traditionell mit den Saudis verbunden. Im jemeni­tischen Bürgerkrieg der sechziger Jahre war Marib das Zentrum des Widerstands gegen die republikanische Regierung – ein Kampf, der auch von den Saudis finanziert wurde. Nun ist die Stadt die zentrale Bastion für die nominelle Regierung und die nordjeme­nitischen Gegner der Houthis. Sollte Marib fallen, würde das den dünn ­besiedelten Süden des Landes dem Zugriff der Houthis öffnen. Dass deren Kämpfer hier eine potentiell sehr verlustreiche Schlacht wagen werden, ist eher unwahrscheinlich; sie können aber mit Drohgebärden und Verhandlungen mit den lokalen Stämmen die Position der Saudis unterminieren. Die Houthis haben den Gouverneur bereits aufgefordert, die Stadt kampflos zu übergeben. Die regulären Armeeeinheiten sind offenbar wenig zuverlässig und von Konkurrenzdenken rivalisierender Kommandeure und Korruption geplagt, während die Sicherung Maribs vor allem von den Kämpfern der Stämme abhängt. Das Machtgeflecht in der Region ist sehr unübersichtlich und von historischen und religiösen Konflikten sowie persönlichen Animositäten geprägt.

Der Konflikt im Jemen wird kaum in absehbarer Zeit enden. Die Houthis sind derzeit im Vorteil und haben sich an dem Waffenstillstand der Saudis entsprechend wenig interessiert gezeigt. Die offizielle jemenitische Regierung sitzt derweil in Saudi-Arabien und droht bei einer Belastungsprobe zu zerfallen. Eine solche könnten etwa eine Verschlechterung des labilen Gesundheitszustands Präsident Hadis und die Frage nach einem Nachfolger auslösen. Der saudische Versuch, dem Konflikt zu entkommen, solange das noch kontrolliert möglich ist, scheint so verständlich wie illusorisch. Die »Autonomie« der von den Emiraten unterstützten Separatisten dürfte zu weiteren Auseinandersetzungen unter den Gegnern der Houthis führen. Saudische Tornados im Tiefflug sollen jüngst ihre Verbündeten im Süden davon abgehalten ­haben, das Feuer aufeinander zu eröffnen.