Small Talk mit Clémentine Dreyfus vom Kollektiv »Collages Féminicides« über häusliche Gewalt in Frankreich

»Unsere Wut auf den Staat ist groß«

Eine Kommission des französischen Parlaments, die prüfte, ob das Strafrecht um den Begriff des ­Femizids ergänzt werden sollte, lehnte das kürzlich ab. Der ­Begriff sei »unnütz« und »kontraproduktiv«. Die Jungle World hat darüber mit Clémentine Dreyfus gesprochen. Sie gehört dem Kollektiv »Collages Fémi­nicides« an, das seit August 2019 in Frankreich mit Straßen­plakaten auf häusliche Gewalt und Femizide aufmerksam macht und mittlerweile eine breite feministische Bewegung ausgelöst hat.

Was sagt die Entscheidung der Kommission über die politische Situation in Frankreich aus?

Sie zeigt erneut, wie unglaublich instrumentell die französische Politik mit den Forderungen von sozialen Bewegungen umgeht. Jeden dritten Tag wird in Frankreich eine Frau von ihrem Partner ermordet. Bis vor kurzem gab es weder eine staatlich organisierte Dokumentation noch eine Strategie, wie gegen diese Femizide vorzugehen sei. Wir denken, dass die Untersuchungskommission vor allem ein Versuch war, die feministische Bewegung in Frankreich kurz­zeitig zum Schweigen zu bringen. Unsere Kampagne, die insgesamt ein großer Erfolg wurde, konnte aber auch durch die leeren Versprechen der Regierung nicht gestoppt werden. Allein in Paris wurden mehr als 15 000 Collagen plakatiert.

Seit mehreren Wochen gibt es in Frankreich strenge Ausgangsbeschränkungen. Wie wirkt sich das auf die Situation von Frauen aus?

Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt gegen Frauen ist seit Beginn der Quarantäne in ganz Frankreich um mehr als 30 Prozent gestiegen, zugleich ging die Zahl der Anrufe bei der Beratungsstelle für häusliche ­Gewalt um fünf Sechstel zurück. Dies erklärt sich vor allem dadurch, dass derzeit viele Betroffene ihre Wohnungen nicht mehr verlassen können und folglich ihren Partnern täglich ausgesetzt sind. Dadurch wird es für die Betroffenen zugleich viel schwieriger, die telefonische Beratung in Anspruch zu nehmen.

Wie lässt sich Ihre Kampagne unter diesen Umständen fortführen?

Rauszugehen und weiter zu plakatieren, ist unter den derzeitigen Umständen nicht möglich. Von Anfang an ging für uns die Sicherheit der Mitmenschen vor – auch wenn unsere Wut auf den französischen Staat momentan sehr groß ist. So entstanden aber in den vergangenen Wochen viele neue Ausdrucksformen unseres Protests.

Die jüngsten Maßnahmen des Staates zur Eindämmung der häuslichen Gewalt werden kritisiert. Was denken Sie darüber?

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Einige der Maßnahmen, wie die Beratung in Läden oder die Nothilfe in Apotheken (die bei Nennung ­eines Codeworts die Behörden benachrichtigen, Anm. d. Red.), sind durchaus sinnvoll. Kritisiert wird vor ­allem die vor kurzem eingerichtete Telefon-Hotline für Täter. Dort können sich Männer melden, die ­gegen ihre Partnerinnen gewalttätig sind. Sie sollen dann beraten und getrennt von ihren Partnerinnen und Familien untergebracht werden. Diese Idee ist natürlich total verrückt.

Man muss dazu sagen, dass die Telefonberatung für Betroffene von häuslicher Gewalt die ersten beiden Wochen der Ausgangssperre abgestellt und nicht erreichbar war. Das ist der eigentliche Skandal. Hinzu kommt, dass bereits im September 2019, als der Druck auf die Regierung durch unsere Kampagne stieg, der Staat den feministischen Organisationen mehr Geld versprochen hatte – Geld, das dringend gebraucht wird und seit Monaten fehlt, um die feministische Arbeit zu organisieren. Auf die versprochenen finanziellen Hilfen warten wir jedoch immer noch. Dass die Regierung stattdessen nun eine Hotline und die Unterbringung für Täter finanziert, ist wirklich unverständlich.