Ein Gespräch mit Ute Kalender, Genderwissenschaftlerin, und Aljoscha Weskott, Filmemacher und freier Autor, über die möglichen Folgen einer Tracing-App:

»Es gibt viele Menschen, die keine digitale Spur hinterlassen können oder wollen«

Die Einführung einer Tracing-App in Deutschland ist umstritten. Neben datenrechlichen Bedenken kann Tracing ganz andere Probleme nach sich ziehen.
Interview Von

Eine Tracing-App mit dezentraler Softwarearchitektur wird in Deutschland voraussichtlich nicht vor Mitte Juni zur Verfügung stehen. Covid-19-Infektionsketten sollen durch die freiwillige Nutzung der App transparent und somit unterbrechbar werden. Was ist aus den Erfahrungen anderer Länder über solche Apps bekannt?

Weskott: Derzeit ist die App stark an die Erfahrungen der chinesischen Politik geknüpft, die entlang sehr starrer Demarkationslinien diskutiert werden. In China wird ein digitaler health code benötigt, um am öffentlichen Leben teilzunehmen. Die App verwendet einfache Visualisierungen: Leuchtet ein grünes Signal auf, darf sich das Subjekt frei bewegen. Bei Gelb ist eine einwöchige, bei Rot eine zweiwöchige Quarantäne Pflicht. Dadurch werden Infektionsketten unterbrochen. Ich denke nicht, dass die Pandemie ein Testlabor für den permanenten Ausnahmezustand ist. Dennoch tauchen in Verbindung mit der App auch Szenarien auf, die nun real werden könnten. Gilles Deleuze zitiert in seinem Aufsatz über die Kontrollgesellschaften (»Postskriptum über die Kontrollgesellschaften«, 1990, Anm. d. Red.) einen dystopischen Entwurf Félix Guattaris, der in der Epidemie an vielen Orten Wirklichkeit geworden ist. Guattari stellte sich eine Stadt vor, in der jeder seine Wohnung, seine Straße oder sein Viertel nur mit einer elektronischen Karte verlassen kann, durch die sich Schranken öffnen und schließen. Diese Karte könnte, so Guattari, auch zu bestimmten Stunden ungültig sein. Was zählen würde, wäre der Computer, der die erlaubte oder unerlaubte Position jedes Einzelnen erfasst.

»Für Geflüchtete müsste aus der Nutzung der Tracing-App ein unwider­ruflicher Zugang zu Rechten, Ressourcen und Privilegien folgen.« Ute Kalender

Wird die Freiwilligkeit der Benutzung einer solchen App nicht mehr gegeben sein, wenn die Anwendung öffentlich sichtbar ist oder zu einer Zugangsbedingung für Privilegien wird?

Weskott: Das ist zu befürchten. Freiwilligkeit ist ein schwieriger Begriff, in dem oftmals der Wunsch nach so etwas wie dem gläsernen Körper mitschwingt, weil das freiheitsliebende liberale Subjekt doch nichts zu verbergen habe. Mir scheint es in Anlehnung an den Medienphilosophen Erich Hörl sinnvoll, von einer »environmentalen Kontrollkultur« zu sprechen. Nicht Überwachung, sondern Erfassung wäre dann der disziplinartechnische Grundbegriff. Das Leitproblem wäre das Management dieser Erfassung durch digitale Medien und Apps.

Diese Erfassung würde über Smartphones laufen, auf denen Betriebssysteme von Google und Apple installiert sind. Ist es überhaupt möglich, die Daten zu schützen? Wäre es etwa denkbar, dass Google eine Datenbank aufbauen könnte?

Kalender: Das ist definitiv ein Problem. Apple und Google liefern die Infrastruktur für eine mögliche deutsche App. Ich bin skeptisch, ob die Daten langfristig geschützt werden können. Vor allem wenn wir an die Geschichte der deutschen Datensammlung denken – an antisemitisch motivierte Volkszählungen und die sogenannten Judenakten. Auch wenn die AfD momentan geschwächt zu sein scheint: Die Daten so vieler Menschen könnten in Zukunft für niederträchtige Zwecke genutzt werden.

Körperbezogene Daten vulnerabler Gruppen wurden in der Vergangenheit häufig gesammelt, ohne diesen direkt Nutzen zu bringen. Besteht diese Gefahr auch bei der App?

Kalender: Auch in Deutschland haben während der Kolonialzeit Naturliebhaber, Botaniker und Anthropologen aus Menschenkörpern, Flora und Fauna der Kolonien Daten extrahiert, um ihre dubiosen Theorien zu entwickeln. Wenn es darum geht, ob Menschen bereit sind, die App zu nutzen, ist das auch eine Frage der Bereitschaft zur Solidarität. Studien zeigen, dass besonders häufig ältere Frauen dazu bereit sind, körperbezogene Daten zur Verfügung zu stellen. Für Geflüchtete müsste aus der Nutzung ein unwiderruflicher Zugang zu Rechten, Ressourcen und Privilegien folgen. Schließlich müsste ärmeren Bevölkerungsgruppen digitale Teilhabe durch langfristige Ausstattungen garantiert werden. Dazu könnten jedem umsonst digitale Endgeräte zur Verfügung gestellt werden.

Welche Auswirkungen könnte die App auf rassistische Projektionen haben?

Kalender: Das Problem der App ist, dass sie nur funktionieren kann, wenn möglichst viele Menschen sie nutzen und ihre Daten übermitteln. Nun gibt es aber etliche Menschen, die keine digitale Spur hinterlassen können oder wollen. Geflüchtete oder Illegalisierte wollen möglicherweise nicht digital erfasst werden. Sie haben begründete Vorbehalte, bei Covid-19-Symptomen Einrichtungen der regulären Gesundheitsversorgung aufzusuchen. Obdachlose oder Arme können sich Geräte für digitale Medien und die nötige Infrastruktur des Öfteren nicht leisten. Diese digitale Unsichtbarkeit kann fehlinterpretiert werden als etwas, das die sogenannte allgemeine Gesundheit gefährdet.

Das Netzwerk »Big Data from the Global South« hat darauf hingewiesen, dass Bilder von Menschen, die in Krankenhäusern behandelt werden, in der Regel weiß codiert sind, während Bilder von Migrierenden rassifiziert und ethnisiert sind. Das könnte dazu führen, dass sich der Irrglaube einer Immunität gegen das Virus bei schwarzen Menschen und people of color verbreitet.

Die Tracing-App wird zu einem »technogenen Faszinosum« (Petra Gehring), weil sie das Unsichtbare sichtbar macht, in den Körpern und in den Machtbeziehungen. Welche anderen Machtverhältnisse geraten dabei vielleicht aus dem Blick?

Kalender: Für Kritiker der App macht sie die Machtverhältnisse sichtbar, die uns umgeben. Ihnen gilt die App als dingliche Manifestation einer Kontrollgesellschaft.

Weskott: Darin liegt die Ambivalenz der Erfassung durch die App, in der sich Environmentalität als Machtform, Medienform und Wissensform zeigt. Nach Hörl geht es nicht mehr um das Ideal einer umfassend disziplinarischen Gesellschaft, sondern um eine Optimierung der Systeme von Unterschieden. Die Differenzierung von krank und gesund könnte ein sehr starker Parameter dieser environmentalen Kontrollkultur werden und den Status des Infiziertseins beziehungsweise Nichtinfiziertseins und des damit einhergehenden Verhaltens zum Maßstab machen.

Die Faszination der App hat also ihre negativen Seiten?

Kalender: Die Coronakrise muss zuvorderst als eine Krise der Sorge und Versorgung eingestuft werden. Feministische Sorgetheoretikerinnen haben unterstrichen, dass Sorgearbeiten zu den wesentlichsten Arbeiten gehören, um die Coronakrise zu bewältigen. Die Faszination einer solchen App könnte die Unsichtbarkeit feminisierter Arbeiten weiter festigen. Sie könnte auch dazu führen, dass viel Geld in ihre Entwicklung investiert wird und andere Forschungsbereiche außer Acht gelassen werden.

Käthe von Bose (die Leiterin des Lehrbereichs Geschlechtersoziologie an der Universität Potsdam, Anm. d. Red.) weist in ihren Forschungen darauf hin, dass Hygienearbeiten zu den wesentlichen Tätigkeiten basaler Gesundheitspflege gehören und diese prekärsten Arbeiten in den Krankenhäusern meist von Migrantinnen ­geleistet werden. Über einmalige Boni, peinliches Klatschen und Schokoladengaben hinaus ist es schwer genug, für Pflegekräfte langfristig deutlich mehr Lohn durchzusetzen. Für Hygienearbeiterinnen scheint das fast unmöglich.

Trotz Pandemie wird die notwendige Sorgearbeit nicht finanziell aufgewertet. Wie sieht es mit der Verteilung der Sorgearbeit in den Haushalten aus?

Kalender: Die Coronakrise hat dazu geführt, dass Privilegierte mittels digitaler Medien mehr Anteile entlohnter Arbeit in die Haushalte verlegen mussten. Daraus folgt aber keine zwangsläufige Kollektivierung. Das Ungleichgewicht bleibt wahrscheinlich bestehen oder verstärkt sich – egal ob Wohngemeinschaft, heterosexuelle Kleinfamilie oder queere Familie. Wahrscheinlich wird die Person am meisten entlohnte Arbeit verrichten, die einen Job oder die besseren Verträge hat, die sich stärker damit identifiziert oder die schlicht besonders egoman und aggressiv ist.

Die Idealisierung der Offline-Welt als Ort der wahren, warmen, sorgenden Begegnung konnte im Grunde nur von jenen geäußert werden, denen der öffentliche Raum schon immer freundlich gesinnt war. Queere Menschen oder Menschen mit Atemproblemen mussten lange vor der Pandemie auf den digitalen Raum ausweichen, um sich zu verbinden, zu überleben und sich politisch zu organisieren. Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn wir in der Coronakrise von Sorge und Digitalisierung sprechen.
 

Die von der Bundesregierung in Auftrag gegebene dezentrale Tracing-App soll mit Hilfe der Funktechnologie Bluetooth Low Energy (BLE) aufzeichnen, wer sich in der Nähe der Nutzer aufhält. Meldet sich eine Person als infiziert, sollen alle Kontaktpersonen benachrichtigt werden, die die App nutzen. Bei dezentralen Tracing-Apps werden die Kontakte pseudonymisiert auf den Handys der Nutzer gespeichert. Bei den zentralisierten Tracing-Apps, die unter anderem in Frankreich, Polen und Tschechien geplant sind, werden die ebenfalls pseudonymisierten Kontaktdaten der Nutzer auf zentralen Servern gespeichert. Das Portal netzpolitik.org schreibt, dieser Ansatz mache »das ganze Netzwerk an Kontakten einer Person zentral einsehbar und erlaubt damit womöglich großflächige Überwachung«.

Anzeige