Ein Gespräch mit dem Naturfreunde-Bildungsreferenten Yannick Passeick über rechtsextreme Infiltration in der Umweltbewegung

»Man schielt neidisch auf die Erfolge der Linken«

Yannick Passeick ist Bildungsreferent der Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz (FARN). Diese ist ein Projekt der Naturfreunde Deutschlands und der Naturfreundejugend Deutschlands und macht seit 2017 Präventionsarbeit gegen Rechtsextremismus mit dem Schwerpunkt Natur- und Umweltschutz.
Interview Von

Was macht die Fachstelle Radikalisierungsprävention und Engagement im Naturschutz?

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Unsere Präventions- und politische Bildungsarbeit richtet sich vor allem an Jugendliche und junge Erwachsene. Wir bilden dabei Multiplikatoren aus und wollen für die Überschneidung von Natur- und Umweltschutzgedanken mit völkischen, rassistischen und biologistischen Ideen sensibilisieren.

Gab es einen konkreten Anlass, ein solches Projekt zu beginnen?

Nein, es war mehr eine gesellschaftliche Beobachtung des Erstarkens extrem rechter Kräfte auch im Bereich Natur- und Umweltschutz, etwa in Form der antisemitischen Anastasia-Bewegung und der Versuche von AfD-Mitgliedern, sich in Bürgerinitiativen gegen Windkraftanlagen zu engagieren und dort anzudocken, indem sie etwa behaupten, Windkraftanlagen seien für Vogel- und Insektensterben verantwortlich. Diese Argumentation spielt den Natur- gegen den Umweltschutz aus.

Aber ist die AfD bislang nicht vor allem als antigrüne Partei der Braunkohleförderung und der Atomkraft bekannt?

Es gibt bei der AfD zwei durchaus gegenläufige Strömungen. Ganz offiziell versteht sich die AfD als Naturschutzpartei im Sinne Alexander von Humboldts. So formuliert es Alexander Gauland und so steht es auch in diversen Veröffentlichungen der Arbeitskreise zu Umwelt- und Energiepolitik. Gleichzeitig leugnet die Partei den menschengemachten Klimawandel und gibt sich dezidiert antiökologisch, was ihre Positionen zu erneuerbaren Energien, Kohlekraftwerken, Fahrverboten, Emissionsgrenzwerten und Dieselverbrauch angeht.

Eine zweite Strategie findet man vor allem beim völkischen Flügel der Partei. Es handelt sich dabei um klassische rechte Ideologien, bei denen es nicht ganz klar ist, ob der Klimawandel wirklich geleugnet wird. Meist hält man sich diesbezüglich eher etwas bedeckt. Das gilt für das Umfeld um Björn Höcke. Da werden klassische rechte Ökologiekonzepte propagiert, die sich schon viel ökologischer anhören. Es geht auch um Wachstumskritik und regionale Wirtschaftskreisläufe. Da ist man auch viel näher an der altbekannten Parole der extremen Rechten, Umweltschutz sei »Heimatschutz«. Auch im Umfeld der Neuen Rechten um Felix Menzel, den Chefredakteur der Blauen Narzisse, Philip Stein vom Projekt »Ein Prozent für unser Land« oder Götz Kubitschek macht man sich exemplarisch Gedanken, wie eine Wachstumskritik zu einer Regionalisierung von Wirtschaftsräumen führen kann. Sie behaupten, diese Regionalisierung stärke die »Identität des Volkes«. Felix Menzel sagt, der Kauf regionaler Produkte sei ein patriotischer Akt.

Die Postwachstumstheorie ist auch in Teilen der Linken beliebt. Besteht hier ein Querfrontpotential?

Wachstumskritik kann unterschiedliche Motive haben. Es kommt dabei ganz darauf an, worauf man damit hinaus möchte. Also besteht bei einer oberflächlichen Wachstumskritik durchaus Querfrontpotential. Bei der extremen Rechten geht es bei genauerer Betrachtung schnell um antisemitische Bezüge, wenn Wachstum mit Kapitalismus und einer »jüdischen Finanzelite« verbunden wird.

Im vergangenen Jahr hat die Umweltbewegung in Form von Fridays for Future enormen Zulauf erhalten. Bereits in den Jahren davor gab es erfolgreiche Aktionen der Kampagne Ende Gelände. Sind nicht derzeit linke Kräfte in der Umwelt- und Klimabewegung eindeutig die stärkeren?

Diese Bewegung ist insgesamt eher dem linken Spektrum zuzuordnen. Auch die jüngsten Wahlerfolge der Grünen stehen in diesem Zusammenhang. Aber durch die Popularität, die das Thema Klimapolitik unter anderem Fridays for Future und Ende Gelände zu verdanken hat, ist auch in rechten Kreisen einiges in Bewegung gekommen. Man setzt sich dort inzwischen damit wieder stärker auseinander. Und die Mobilisierung von so vielen jungen Menschen macht auch auf der rechten Seite Eindruck. Man schielt neidisch auf die Erfolge der linken Umweltbewegungen.

Gibt es derzeit eine rechte Strategie, die Umweltbewegung zu infiltrieren?

Es lässt sich beobachten, dass Teile der extremen Rechten überlegen, wie sie auf die Umweltbewegung Einfluss nehmen könnten. Nach den Wahlen zum europäischen Parlament voriges Jahr kam aus der Jungen Alternative (JA) die Forderung, doch bitte die Leugnung des Klimawandels sein zu lassen. Damit erreiche man junge Menschen einfach nicht. Außerdem ­könne man mit dieser Position in der Umweltbewegung auf Dauer nicht Fuß fassen.

Wo sehen Sie in der Umweltbewegung das größte Potential für den Einfluss rechter Ideen?

Bei Fridays for Future oder Ende Gelände sehe ich diese Gefahr nicht. Beide Bewegungen orientieren sich klar am Konzept der Klimagerechtigkeit, das schwer von rechts zu besetzen ist. Der Gedanke einer globalen Solidarität richtet sich schließlich geradezu diametral gegen ein völkisch-rechtes Weltbild. Wenn man sich die Bewegungen ansieht, die es gerade so gibt, dann ist sicherlich Extinction Rebellion die Gruppe, wo das Einfalltor für solche Ideen am größten ist. Aber auch dort hat man sich zumindest in der Außendarstellung bemüht, sich von den verschwörungsideologischen und den Holocaust relativierenden Äußerungen innerhalb der Bewegung zu distanzieren.

Wie ist denn Ihre Erfahrung mit der Präventionsarbeit?

Wenn wir Mulitplikatorinnen und Multiplikatoren ausbilden, die mit jungen Menschen im ländlichen Raum zu tun haben, ob in Umweltschutzverbänden, in der Jugendhilfe oder der Sozialarbeit, erleben wir häufig Überraschung und sogar einen Moment der Überwältigung. Das Wissen über die Verbindungen des historischen Naturschutzes mit faschistischen oder völkischen Ideen, die es bis heute noch gibt, ist oft gering. Es ist für viele eine Überraschung, dass Natur- und Umweltschutz nicht zwangsläufig irgendwie links, jung, alternativ und weltoffen ist. Dann ist aber auch in diesen Workshops, die wir mit den Leuten machen, sehr viel Interesse dafür da. Und immer wenn die Leute darüber etwas erfahren, wollen sie sich weiter damit beschäftigen und auch die eigenen Denk- und Ausdrucksweisen kritisch reflektieren.

Sie bieten unter anderem einen Workshop zum deutschen Wald an. Worum geht es da?

Bei diesem Workshop geht es um romantische Vorstellungen und den Mythos eines deutschen Waldes, der seit der Romantik bis heute in der Umweltbewegung, aber auch in der extremen Rechten, eine große Rolle gespielt hat. Dem stellen wir dann forstwirtschaftliche Erkenntnisse gegenüber. Einerseits klären wir über die ideologische Vereinnahmung auf, andererseits stellen wir dem eine nüchterne ökologische Analyse gegenüber, was daran Blödsinn oder ungenau ist. Wir bieten diesen Workshop noch nicht lange an. Er ist aber beliebt, gerade bei Leuten, die im Bereich der Waldpädagogik oder im weitesten Sinne in der Forstwirtschaft arbeiten.