Begeisterung für »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden«

Endstation Fiktion

Aritz Morenos Langfilmdebüt »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« mutet einem eine Menge ekliger Bilder zu. Wer diese aushält, wird mit einem fiebrigen Thriller samt vexierbildhafter Metaerzählung über das Wesen des Erzählens selbst belohnt.

»Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« ist kein Titel, der auf Anhieb rasantes Kinovergnügen vermuten lässt. Der Hinweis auf den Bereich des Anrüchigen und Undurchsichtigen ist aber auf jeden Fall berechtigt. Mit deutlichen Anleihen bei der traumartigen Logik des surrealistisch inspirierten Kinos in der Nachfolge Luis Buñuels und insbesondere dessen Meisterwerks »Das Gespenst der Freiheit« (1974) unternimmt der spanische Regisseur Aritz Moreno in seinem Langfilmdebüt eine wahre tour de force durch unterschiedliche kinematographische Genres. Aus Krankengeschichten entwickelt er Thriller-Miniaturen, springt immer wieder ins tiefschwarz Komödiantische und kommt über den Umweg der Beziehungstragödie beim blanken Horror an. Basierend auf einem Roman des hierzulande kaum bekannten Autors Antonio Orejudo entsteht ein gewitztes Panorama der Gegenwart. Moreno begnügt sich nicht damit, die Wahrnehmung der abgründigen Realität auseinanderzunehmen und neu zu ordnen. Aus Mengen an Stoff, die andere zu mehreren abendfüllenden Dramen inspirieren könnten, extrahiert er wie nebenbei auch noch eine vexierbildhafte Metaerzählung über das Wesen des Erzählens selbst.

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Alles beginnt damit, dass die Verlegerin Helga Pato (Pilar Castro) nach Hause kommt und ihren Mann versunken in die Betrachtung seiner Exkremente vorfindet. Sie bringt ihn in eine weit entfernte Klinik und trifft auf der Rückfahrt im Zug auf einen Mitreisenden, der sich als Ángel Sanagustín (Ernesto Alterio) und als Psychiater aus eben der Anstalt vorstellt, in die sie ihren Mann untergebracht hat. Um die Fahrt kurzweiliger zu gestalten, bietet er an, aus einer Akte von Patientengeschichten vorzulesen, die er mit sich führt.

Schizophrene, erzählt er, neigten häufig dazu, immer wieder das eigene Leben zu schildern, allerdings jedes Mal anders. Ihre Persönlichkeit bestehe lediglich aus einer Abfolge sich überlappender Episoden, hinter ­denen kaum etwas zu finden sei, das sich als Individuum bezeichnen ­ließe. Paranoiker hingegen nähmen verstärkt Notiz von der Außenwelt.

Dann berichtet er von seinem ­ungewöhnlichsten Fall. Sein Patient Martín Urales de Úbeda (Luis Tosar) habe im Kosovo-Krieg als Angehöriger der Luftstreitkräfte verstörende Erfahrungen gemacht. Zufällig sei er einer Ärztin begegnet, die ein Kinderkrankenhaus unter den widrigsten Umständen erhalten wollte und sich dazu auf eine mächtige Geheimgesellschaft einlassen musste. Was sie Martín schließlich hierzu anvertraut habe, habe ihn – für den Zuschauer völlig nachvollziehbar – um den Verstand gebracht. Nach und nach wird die zuhörende Verlegerin in immer tiefere Schichten der Erzählung ­hineingezogen.

In drei Kapiteln mit unzähligen untergeordneten Episoden erschafft »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« ein sich verästelndes Gefüge von miteinander kommunizierenden Themen und Motiven und erzählt von Wahnvorstellungen, Persönlichkeitsveränderungen, dem Elend des Menschen in einer komplexen Welt und den seltsamsten Formen der Liebe. Deutlich erkennbare Inspirationen bei der Bebilderung des Unbewussten sind Paul Thomas Andersons Prinzip sich überschneidender, nur scheinbar vom Zufall beherrschter Handlungsstränge mit wahrhaft überraschendem Höhepunkt wie in »Magnolia« (1999), die nur oberflächlich aufgeräumten Welten Wes Andersons und das neuere koreanische Kino mit seiner ins alptraumhaft Physische projizierten Interpretation von Gesellschaft im Werk Park Chan-wooks (»Oldboy«, 2003) oder Bong Joon-hos (»Parasite«, 2019). Obwohl Morenos Film von verrückten Bild- und Erzählideen nur so strotzt, droht er doch an keiner Stelle auseinanderzufallen.

Immer wieder schafft es die Regie, das Tempo zu erhöhen, einen gerade durchlittenen Schock mit einer weiteren Volte zu konterkarieren und durch präzise Bilder absurd anmutende Einfälle wie in einem überzeichneten, aber immer höchst plastischen Traumerleben plausibel zu machen. Statt nach der Wahrhaftigkeit des Realismus strebt Moreno nach Glaubwürdigkeit und einer Überhöhung der Fiktionalität. »Alles ist Fiktion, wir sind selbst Fiktion«, sagt er in einem Interview. »Wir sind das, was wir anderen sagen, was wir sind. Alles um uns herum wird durch einen Filter geleitet, der es automatisch zur Fiktion macht. Wenn man sich dessen bewusst ist, kann man auf eine Weise damit umgehen.« Was als theorie- oder handlungsanleitende Einsicht in einer gebeutelten Gegenwart vielleicht etwas naiv klingt, erweist sich in der filmischen Durchführung, in der unterschiedliche Wahrheiten und Versatzstücke kontrapunktisch kunstvoll montiert und gegeneinander gesetzt werden, als alles andere denn einfach oder gar platt.

Mit einem ganzen Ensemble an originellen Figuren und nie nachlassender Spannung eröffnet »Die obskuren Geschichten eines Zugreisenden« die Hoffnung auf ein neues spanisches Filmwunder nach der Ära Pedro Almodóvars. Zuletzt gab es Ansätze dazu um die Jahrtausendwende mit den ersten größeren Filmen Julio Médems, insbesondere mit »Die Liebenden des Polarkreises« von 1998. Dessen Werk verlor sich dann allerdings in einer immer vordergründigen Fokussierung auf erotische Oberflächen und büßte beständig an erzählerischer Dichte ein. Nun empfiehlt sich Moreno mit seinem zwischen Verrücktheit und Brillanz mäanderndem Erstling als neuer Anwärter auf diesen nicht uninteressanten Platz im europäischen Kino.

Die obskuren Geschichten eines Zug­reisenden (Spanien 2019). Regie: Aritz­ ­Moreno. Drehbuch: Javier Gullón. ­Darsteller: Pilar Castro, Ernesto Alterio, Luis Tosar. Kinostart: 20. August