Wahrheit und Revolution bei Karl Marx

Buch, Zeitung, Partei

Der Band »Wahrheit und Revolution« fragt nach dem Wahrheitsverständnis von Karl Marx.

Joachim Bruhn hat stets und mit einigem Recht gegen eine akademischen Beschäftigung mit Marx polemisiert. Die wissenschaftliche Aufbereitung von »Das Kapital« zu konsumierbarem »Studentenfutter« treibe der Marx’schen Kritik den Kommunismus als ihr wesentliches Moment aus.

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Nun ist im Transcript-Verlag der Band »Wahrheit und Revolution« ­erschienen, der das genaue Gegenteil versucht: Er rückt »den Zusammenhang von Wahrheit und Revolution, von Ana­lyse und Urteil in der Marx’schen Gesellschaftskritik wieder in den Mittelpunkt« der Beschäftigung mit Marx. Mit der Verabschiedung von der »Revolutionsperspek­tive« sei »auch der Wahrheitsanspruch der Gesellschaftskritik selbst geschleift worden«, wie es in der ­Einleitung heißt. Der Band nimmt sich in drei Studien ausführlich der Dimensionen des Marx’schen Engagements an: der Wissenschaft (»Buch«), des Journalismus (»Zeitung«) und der Organisation (»Partei«).

Mit der Verabschiedung von der »Revolutions­perspektive« sei »auch der Wahrheitsanspruch der Gesellschaftskritik selbst geschleift worden«, heißt es in der Einleitung zu »Wahrheit und Revolution«.

Die erste Studie, »›Ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär‹. Wahrheit in Marx’ ­wissenschaftlicher Gesellschaftskritik« von Matthias Spekker, entfaltet die Grundthese des Bands, »dass ein inwendiger Zusammenhang zwischen Marx’ Perspektive auf eine kommunistische, revolutionäre Umwälzung, d. h. der praktischen Verwirklichung einer vernünftigen Gesellschaft, und seiner wissenschaftlichen Kritik der kapitalistischen Gesellschaftsform besteht«. Spekker will zeigen, dass die Hinweise auf die befreite Gesellschaft im »Kapital« nicht von einer »vermeintlich ethischen Motivation für seine wissenschaftliche Kritik, sondern vielmehr von deren epistemischer Grundlage« zeugen. Um seine These zu belegen, beginnt er bei Marx’ Frühwerk. An den »Ökonomisch-philosophischen Manuskripten« zeigt Spekker zum einen, wie Marx ausgehend von Feuerbachs Gattungsbegriff den Begriff des Kommunismus als »bewusst und innerhalb des ganzen Reichthums der bisherigen Entwicklung gewordene Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen« entwickelt. Und zum anderen, dass er durch die Kritik an Hegel zu einem Wahrheits- und Wissenschaftsbegriff gelangt, wonach die »Wahrheit des Kapitals seine revolutionäre Umwälzung durch den Kommunismus« sei und dessen Darstellung nur dann wissenschaftlich, wenn sie »begrifflich fassen kann, dass das Kapital sich selbst transzendiert«.

Hinsichtlich der »Deutschen Ideologie« argumentiert Spekker, Marx und Engels brächen hier nicht mit der Philosophie, sondern machten sie lediglich als Voraussetzung ihres Denkens unsichtbar. Ohne einen ­Begriff von vernünftiger Einheit, so Spekker, könnten sie gar nicht die Widersprüche konstatieren, die zum Kommunismus führen sollen. Deshalb kann er schließlich am »Kapital« darlegen, dass Marx den Standpunkt der Kritik der »Selbstzerrissenheit der Gattung« nicht verlassen, sondern radikalisiert habe: »Erst ausgehend von einem Begriff des menschlichen Gattungswesens als sukzessiver Selbsterzeugung durch Arbeit erkennt er die Kategorien der politischen Ökonomie als Formen, unter denen diese Selbster­zeugung« zwar als verkehrter, herrschaftsförmiger Prozess stattfinde, aber »dennoch so erst die Bedingungen der Möglichkeit dafür schafft, dass die Menschen ihre Verhältnisse einst mit Bewusstsein unter ihre kollektive Regie nehmen werden«.

Marx entwickle von der Spaltung der Gattung ausgehend die reale Möglichkeit ihrer Versöhnung, weshalb alle seine politökonomischen Kategorien – wie Spekker sich auf Herbert Marcuse und Alfred Schmidt beziehend schreibt – materialistisch darlegten, dass die bürgerliche Gesellschaft »noch nicht vernünftig« sei, gleichwohl aber die Bedingungen verwirklichter Vernunft produziere. So sei beispielsweise der Wert einerseits »die negative Vermittlungsform der in der antagonistisch gespaltenen Gattung negierten Gesellschaftlichkeit«, andererseits aufgrund der durch ihn in Gang gesetzten »Produktion um der Produktion willen« die, in Marx’ Worten, »materielle Basis einer höheren Gesellschaftsform, deren Grundprincip die volle und freie Entfaltung des Individuums ist«, weil die kapitale Produktivkraft die ­historischen Voraussetzungen allgemeinen Reichtums schaffe. Ebenso bringe der Begriff der abstrakten ­Arbeit einerseits die entqualifzierende ­Vergleichung der konkreten Arbeiten auf den Punkt. Andererseits benenne er die Tatsache, dass die menschliche Arbeit als das gemeinsame Vermögen der Gattung »im Wert erstmals den allgemeinen gesellschaftlichen Charakter« erhält, zwar in bloß abstrakter Form, derer aber die Menschheit als Bedingung ­bedarf, um selbstbewusstes Subjekt der Geschichte zu werden.

Schließlich sei insgesamt »die argumen­tative Struktur des ­›Kapital‹« vom Willen bestimmt, »wissenschaftlich« darzulegen, wie die Herrschaft des Kapitals als verkehrte Erscheinungsform des Reichtums die Bedingungen der Möglichkeit seiner »historischen Verwirklichung« produziert. Das Kapital bringt zugleich die Notwendigkeit wie die Möglichkeit seiner Abschaffung hervor.

Der Unterschied zu den Frühschriften liege darin, dass es Marx erst im »Kapital« gelinge, anhand des Produktivkraftparadigmas den speku­lativ gefassten Kommunismus als ­Voraussetzung der Kritik materialistisch, das heißt im Marx’schen Sinne wissenschaftlich einzuholen. Aber vom Frühwerk her begreife man die politökonomischen Kategorien in ihrer ganzen Bedeutung und die Begründung der Kritik im »Kapital«. Gleichzeitig aber werde, so Spekker zum Schluss, diese Begründung durch die Geschichte des Nationalsozialismus problematisch.

Marx’ journalistische Arbeit behandelt Anna-Sophie Schönfelder in der zweiten Studie, »Untergehende oder moderne Herrschaftsformen? Marx über Revolution und Restauration in Europa«. Sie zeigt in einer nahezu detektivischen Materialbearbeitung, dass Marx auch bei der Bewertung des politischen Zeitgeschehens während der Restauration nach 1848 sein Denken kontrafaktisch von der Möglichkeit der Revolution leiten ließ. In seinen journalistischen Texten bildete er, wie Schönfelder ausführt, die tatsächlichen politischen Kräfteverhältnisse konsequenterweise nicht bloß ab, sondern deutete sie auf Grundlage seiner materialistischen Geschichtsauffassung als Ausdrücke der sich ihm zufolge anbahnenden Revolution. Marx ver­suche gleichzeitig, in die Geschehnisse einzugreifen und die Revolution anhand der empirischen Geschichte als notwendig und unausweichlich auszuweisen. Hieran zeigt Schönfelder das erste Problem auf, das aus Marx’ »Wahrheitsabsolutismus« (Marcuse) folgt: Er kann aus der Revolutionsperspektive zwar frühe »Techniken zur autoritären Stillstellung sozialer Konflikte identifizieren«. Doch kann er sich so »nicht vorstellen, dass er es hier mit äußerst modernen Krisen­lösungsregimes zu tun hat, die Epoche machen werden«, weil sie die ­kapitalistischen Verhältnisse stabilisieren können. Ebenso verkennt er, dass die »objektive Stellung im Produktionsprozess« die Proletarier nicht notwendig revolutionär subjektiviert.

Das hat im Werk von Marx ein Einfallstor für die autoritäre Gewalt der Partei eröffnet – wie Matthias Bohlender in der letzten Studie »Wahrheit und Macht. Zur Kritik revolutionärer Subjektivierung bei Marx und Stirner« ausführt. Der Zusammenhang von Wahrheit und Revolution führe, wie Bohlender berechtigt problematisiert, unweigerlich zu der Frage, wie mit jenen umzugehen sei, die sich ihrer objektiven Aufgabe nicht stellen. Mag auch Max Stirner als Bohlenders Gewährsmann der Rücksicht aufs Individuum nicht ganz überzeugen, trifft der Abschlusstext ein gewichtiges Problem: Wie geht man mit der Möglichkeit um, aus dem materialistischen Wahrheitsanspruch gewaltförmige Konsequenzen zu ziehen? Eine Möglichkeit, der sich nicht stellen zu wollen erklären könnte – so die am Ende des Bands zur Diskussion gestellte These –, warum in der Wissenschaft vom Zusammenhang von Wahrheit mit dem dirty business der Revolution abgesehen wird.

In »Wahrheit und Revolution« wird nachvollziehbar dargelegt, dass Wahrheit bei Marx »ein geschichtlich Durchzusetzendes« ist und »man das Kapital vielmehr abschaffen wollen (muss), wenn man es begreifen will«, wie Wolfgang Pohrt einmal schrieb. Zugleich aber stellt er Marx’ Wahrheits- und Wissenschaftsanspruch aufgrund der Tatsache, dass die Menschen nicht den Kommunismus, sondern die Barbarei hervorbrachten, zur Diskussion und fragt, wie sich kommunistische Kritik heutzutage begründen lässt. Dabei fallen die Autoren weder wissenschaftlich-positivistisch hinter die Einsicht der Kritischen Theorie zurück, wonach jede auf Marx aufbauende Kritik, die nicht die Erfahrung des Nationalsozialismus in ihren Kategorien reflektiert, unbrauchbar ist. Noch glauben sie, es ließe sich das oft in wert- und ideologiekritischen Texten als »Arbeitsmetaphysik« (Stefan Breuer) angeklagte Produktivraftparadigma aus der Marx’schen Kritik einfach eskamotieren, ohne dabei in politischen Existentialismus zu verfallen. So formuliert der Band in dem in der Theoriedebatte immer wieder neu auftauchenden Konflikt zwischen Wissenschaft und materialistischer Kritik eine erkenntnisreiche Position, der eine breite Diskussion zu wünschen ist.

Matthias Bohlender/Anna-Sophie Schönfelder/Matthias Spekker: Wahrheit und ­Revolution. Studien zur Grundproblematik der Marx’schen Gesellschaftskritik. Trans­cript-Verlag, Bielefeld 2020, 186 Seiten, 30 Euro, E-Book-Ausgabe frei verfügbar