Der Comiczeichner James Sturm über die USA im Ausnahmezustand

It’s a Dog’s Life

Nicht nur der Präsidentschaftswahlkampf polarisiert die US-amerikanische Gesellschaft: In James Sturms Graphic Novel »Ausnahmezustand« entzweit sich ein ungleiches Ehepaar. Sie nutzt den Verfremdungseffekt der Vermenschlichung von Tieren, um vor dem Hintergrund der politischen Ereignisse von 2016 vom Scheitern einer Liebes­beziehung zu erzählen.

»Dieses Wochenende habe ich die Kinder und fahre mit ihnen nach Maine ans Meer. Der Wind ist kalt und scharf, und keiner von uns ist passend angezogen«, sagt Mark in James Sturms neuer Graphic Novel. »Wahrscheinlich hätte ich mir den Wetterbericht ansehen sollen. Oder mal darüber nachdenken, wieso im November niemand ans Meer fährt.«

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Im englischen Original lautet der Titel des Buches »Off Season« (Nebensaison), womit die düstere, kalte Atmosphäre zusammengefasst ist, in der das Ehedrama der Protagonisten Mark und Lisa spielt. Ganz nebenbei wird von den Rissen erzählt, die sich in den sozialen Beziehungen, aber auch ­innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft auftun. Es geht um die Gräben zwischen den Geschlechtern, zwischen abgehängten Arbeitern und ums Dranbleiben kämpfender

Mittelschicht, Alten und Jungen. Auch wenn diese Konflikte schon lange bestehen, sind sie in den ­vergangenen Jahren noch intensiver geworden.
Die Geschichte nimmt Bezug auf die Debatten, die im Wahljahr 2016 Familien, Paare und Freunde entzweiten. Dass der deutsche Verlag den ­Titel »Ausnahmezustand« gewählt hat, ist auch politisch zu deuten: Die gesellschaftlichen Probleme in den USA haben sich während der Amtszeit von Präsident Donald Trump verschärft. Die Covid-19-Pandemie und der Rassismus nicht nur innerhalb des Polizeiapparats haben das Land bisweilen an den Rand des Ausnahmezustands gebracht.

Geschichte und Politik der USA sind das große Thema des 1965 in New York geborenen Autors, der 2004 in Hartford, Vermont, das Center for Cartoon Studies mitgegründet hat, das zu einer wichtigen Ausbildungsstätte für junge Zeichner geworden ist. In seiner zwischen 1996 und 2001 entstandenen Trilogie »James Sturm’s America« blickt er auf das 19. und 20. Jahrhundert, erzählt von Goldsuchern, Pilgervätern und ­einem jüdischen Baseballteam in den zwanziger Jahren. Seine Figuren sind auf der Suche nach dem persönlichen Glück, der Erlösung oder ­zumindest einem Leben, das frei von antisemitischen Anfeindungen ist. Letzteres ist ein Thema, das auch in dem in einem osteuropäischen Schtetl angesiedelten Comic »Markttag« (2010) eine Rolle spielt.

In »Ausnahmezustand« beschäftigt sich Sturm zum ersten Mal mit der gegenwärtigen Gesellschaft. In einer Kleinstadt irgendwo in den USA ­leben Mark und Lisa, die sich gerade getrennt haben. Jetzt müssen sie die Betreuung ihrer Kinder Suzie und Jeremy regeln und sich einigen, was mit ihrem gemeinsamen Haus ­geschieht. Eigentlich wollen sie alles besser machen als andere Paare und tauschen schließlich doch Schimpfworte und Anwaltsbriefe aus. »Wie fremd Lisa und ich uns geworden sind«, wundert sich Mark nach einem gemeinsam mit den Kindern verbrachten Halloween-Fest.

Mark schlägt sich als Handwerker auf dem Bau durch und wird von seinem Arbeitgeber über den Tisch gezogen. Lisa muss sich dank ihrer wohlhabenden Eltern keine finanziellen Sorgen machen. »Ich kann es mir nicht leisten, den ganzen Tag auf Facebook Revolutionspläne zu schmieden«, sagt Mark. Der soziale Graben zwischen Arbeitern und ­Intellektuellen, über den nach der Wahl Trumps viel diskutiert wurde, trennt auch Lisa und Mark. Er stammt aus einfachen Verhältnissen und konnte den bildungsbürgerlichen Ansprüchen von Lisas Eltern nicht ­genügen. Sogar der Hochzeit blieben sie fern. In seinem Elternhaus gelten ganz andere Regeln: »Hier gehen keine Danksagungen reihum, niemand redet über Politik oder fragt nach Lisa«, registriert Mick anlässlich eines Besuchs bei seinen Eltern, »dafür bin ich ihnen dankbar.« Die Ehe mit Lisa hatte ihm kurzfristig einen höheren sozialen Status ver­liehen. Mit der Trennung ist das nun vorbei.

Lisa unterstützt Hillary Clinton in ihrem Wahlkampf. Marks Sympathien liegen bei Bernie Sanders. ­Clinton gehört für ihn zum Establishment. »Anders als Lisa habe ich jede Begeisterung verloren. Klar, Trump ist ein Arschloch auf zwei Beinen, aber Hillary ist einfach derselbe alte Mist noch mal. Nicht, dass ich Trump wählen würde, aber immerhin ist er sein eigener Herr«, erklärt Mark. Ein Basecap mit der Aufschrift »Make America Great Again« löst an Weihnachten in seinem Elternhaus einen Konflikt zwischen dem Noch-Ehepaar aus. Marks Bruder schenkt dem Vater die Kappe, die er für ein Familienfoto aufsetzt. Lisa zieht sich schluchzend in die Küche zurück, fühlt sich politisch aus der Familie verstoßen, während Mark hilflos den Dingen ­ihren Lauf lässt. Später versteckt er die Mütze im Schrank, »in der Hoffnung, dass für den Rest des Besuchs niemand mehr daran denkt«. Aber auch Mark fühlt sich seinem Elternhaus entfremdet und hat keinen Bezug mehr zu den Ritualen und Traditionen der älteren ­Generation. Erst nach der Trennung und einer Krebserkrankung seiner Mutter ­nähert er sich seinen Eltern langsam wieder an: »Ich war seit zehn Jahren zu Thanksgiving nicht mehr hier. Und mein letzter Besuch ist auch schon mehr als ein Jahr her. (…)

Alle sehen so alt aus.« Auch verspürt er eine wachsende Distanz zu seinen Kindern, die unter der Trennung ihrer Eltern stärker leiden, als sie nach außen dringen lassen: »Ich höre Suzie schluchzen. Ich sollte sie trösten und beschwichtigen, ihr ­sagen, dass alles wieder gut wird. Sie anlügen. Aber etwas Hartes in mir hält mich davon ab.« Die Kinder sind hin- und hergerissen zwischen den unterschiedlichen Erwartungen, die Vater und Mutter an sie richten. Für sie wird der Alltag zum Ausnahmezustand. Mark reagiert auf die Ausnahmesituation, indem er sich gegen seine Gefühle abhärtet, Wut und Trauer nicht zulässt.
Dem Zerfall von Strukturen und Gewissheiten setzt die Graphic Novel zwei ästhetische Strategien entgegen: einen klaren Seitenaufbau und die Maskierung der Figuren als Tiere. Um Übersichtlichkeit zu schaffen, arrangiert Sturm jede Seite auf gleiche Weise: Zwei Panels werden um Textblöcke ergänzt.

»Tiere als menschliche Stellvertreter, das gibt es, seit man sich Geschichten erzählt … Als Schauspieler fühle ich mich durch die Maske freier … «, erklärt dazu eine Stimme aus dem Off. Die Figuren sind als Hunde mit menschlichen Gesichtszügen dargestellt, in denen alle Emotionen und all das Leiden an der Welt erkennbar bleiben. Mittels Verfremdung schafft Sturm eine Distanz, die ihn die US-amerikanische Gegenwart unbefangener betrachten lässt. Aus dieser Distanz hat er einen klaren Blick auf die gesellschaftlichen Realitäten, auf Klassenverhältnisse, Abhängigkeiten und Ausgrenzungen. Der Schlussteil der Erzählung deutet auf eine Überwindung dieses Zustands: Die letzten Bilder zeichnen sich durch innere und ästhetische Ruhe und Klarheit aus. Mark beobachtet eine Katze, die Sturm über 15 Seiten minimalistisch abbildet, während sein Protagonist über die Ursachen seines Unglücks nachdenkt, über die Depressionen seiner Frau und die Wege aus diesem seelischen Tief: »Wir sind noch am Anfang, aber es kommt mir so vor, als würde sich etwas bewegen.«


James Sturm: Ausnahmezustand. Aus dem amerikanischen Englisch von Sven Scheer. Reprodukt-Verlag, Berlin 2020, 216 Seiten, 24 Euro