Das neue Album von All diese Gewalt

All diese Künstlichkeit

Max Rieger und seine Bands bieten ungewohnten Pop aus Deutschland, der der Authentizität Entgrenzung und Überzeichnung vorzieht. Auch das neue Album »Andere« seines Soloprojekts All Diese Gewalt zeugt davon.

Was sind das eigentlich für Welten, in die einen Max Rieger da entführt? Im Musikvideo zum Song »Erfolgreiche Life« sieht einen ein junger Mann starr an, blutüberströmt wandelt er durch eine alte Industriehalle, bekommt Bluttransfusionen in die Venen ­geleitet, hat die Hände mit Mull verbunden. Diesen jungen Mann sieht man dann auf dem Cover des neuen Albums »Andere« wieder, dort ist er aber kaum wiedererkennbar in samtene rote Tücher gehüllt und hält ­einen Maschinenkarabiner im Anschlag wie ein Traumtänzer im Häuserkampf. Dann wieder sieht man im Clip zur Single »Andere« eine auf sich selbst zurückgeworfene junge Frau, die halbnackt allein im Wald über den von Moos bedeckten Boden wandelt und in eine Höhle ­hinabsteigt.

Was Max Rieger und auch All Diese Gewalt so interessant macht, ist, dass ihre Musik den Gegenentwurf zum in Deutschland so geschätzten authentischen und vermeintlich ehrlichen Pop darstellt.

Man könnte meinen, diese Bilder, die Max Rieger (der übrigens besagter junger Mann ist) da entwirft, seien allzu naheliegend. Schließlich trägt sein Soloprojekt den Namen All Diese Gewalt – es bietet sich also an, mit Assoziationen von Gewalt, Brutalität und Gefahr zu spielen. Das aber wäre eine zu einfache Deutung, denn Rieger geht es offensichtlich mehr darum, ästhetische Gegensätze zusammenzubringen oder besser auf­einanderprallen zu lassen. Über das rätselhafte Albumcover mit seiner Anspielung auf Terror sagte er der Jungle World im Interview: »Das Bild ist ultrascharf, hat eine extrem hohe Auflösung, und trotzdem weiß man eigentlich nicht, was man da sieht. Diese Diskrepanz zwischen dem Konkreten und dem völlig Unklaren mochte ich.« Eine Inspiration kam dabei übrigens von René Magrittes Bild »Die Liebenden« (1928), auf dem ein verhülltes Paar zu sehen ist, das sich küsst.

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Bekannt geworden ist Max Rieger als Sänger, Shouter und Gitarrist der Noiserockband Die Nerven, die bereits seit 2010 besteht. Als Musikproduzent hat er unter anderem mit Stella Sommer, Drangsal, Karies, Mia Morgan und Friends of Gas zusammengearbeitet, er ist in der jüngeren, vom Post-Punk beeinflussten Popszene in Deutschland quasi omnipräsent. Auch sein eigener Output ist enorm. Der 27jährige, der in Schwaben aufgewachsen ist und seit einigen Jahren in Berlin lebt, betreibt derzeit noch ein Black-Metal-Projekt ­namens Obstler und wirkt beim Experimental-Trio Jauche mit – mit ­beiden hat er dieses Jahr bereits ebenfalls Alben veröffentlicht. All Diese Gewalt als sein Soloprojekt gibt es seit rund acht Jahren, zu Beginn noch mit Ausrufezeichen am Ende geschrieben.

Anfang November ist nun das dritte Album »Andere« von All diese ­Gewalt erschienen. Dass das elektronisch-experimentelle Projekt nicht bloß als eher unerhebliches Nebenprojekt von Rieger verstanden werden sollte, dürfte vielen schon aufgegangen sein, als Rieger vor vier ­Jahren das verspielt-verspulte Album »Welt In Klammern« veröffentlicht hat – inklusive Underground-Hits wie »Maria in Blau«.

Was diesen ganzen Zirkel um Rieger und Die Nerven so interessant macht, gilt auch für All Diese Gewalt: Diese Bands und ihre Musik stellen den Gegenentwurf dar zum in Deutschland so geschätzten authentischen und vermeintlich ehrlichen Pop. Wo die Max Giesingers und Philipp Poisels und mit Abstrichen auch die Annen May Kantereits Lieder aus dem echten Leben zu singen meinen, transportieren Max Rieger und seine Mitstreiter Künstlichkeit, Überzeichnung und Uneindeutigkeit – und auch eine im internationalen Pop schon längst im Mainstream angekommene Queerness. Insbesondere All Diese Gewalt frönt mit den dicken Synthesizer-Sounds und den Aberdutzenden Tonspuren übereinander auf »Andere« und mit den ­visuellen Elementen in den Clips einer Überwältigungsästhetik, die hier­zulande oft gar nicht erst verstanden wird.

So sind auf »Andere« – das übrigens bereits vor Ausbruch der Covid-19-Pandemie fertiggestellt wurde – dichte und satte Sounds zu hören, über die sich Riegers melancholischer Gesang legt. Die Texte handeln dabei oft von Isolation und Ein­samkeit (»Halte Mich«) sowie von Entfremdung und Selbstentfremdung. Das Stück »Gift« etwa ist eine kluge Selbstdekonstruktion (und musikalisch eine Art tanzbares Update von Depeche Mode): »Das hier war niemals ich / nein, das bin ich wirklich nicht / wenn doch, dann bin ich nicht ich / wenn doch, dann will ich das nicht«, singt Rieger da. Mit der Funktionsweise von Algorithmen hat Rieger sich mit Die Nerven bereits ausgiebig beschäftigt (zum Beispiel auf »Fake« vom gleichnamigen Album, das die Funktionsweise beispielsweise von Facebook karikiert). Bei All Diese Gewalt geht es nun explizit um Filterblasen und ­geschlossene digitale Gesellschaften (»Echokammer / Leben in der Blase / Echokammer / im Staub einer Oase / Echokammer / Körper in Ekstase / Echokammer / vielleicht nur eine Phase«). Als Wertung will Rieger das nicht verstanden wissen, wie er während des Interviews erklärt: »Ich will mit dem Song nicht sagen: ›Wir leben alle in unseren eigenen Filterblasen, und deswegen ist alles schlecht.‹ Sie sind einfach eine neue Form der Realität. Das Interessante an den sozialen Medien ist für mich eher, dass sie das Gefühl einer großen globalen Gemeinschaft ver­mitteln – es aber nicht einlösen. Jeder bekommt nur die Informationen zugespielt, die auf ihn zugeschneidert sind.«

Ein wiederkehrendes Motiv des ­Albums sind »Grenzen«, sowohl im gleichnamigen Song (»Alles geht zu Ende / es gibt keine Grenze«) als auch in »Maske« (»Linien übertreten / dann und wann / (…) Grenzen überschreiten / dann und wann«). Dabei geht es weniger um geographische und ­politische Grenzen als vielmehr um diejenigen persönlicher Natur. »Die Stücke handeln von Grenzen im Kopf«, erklärt Rieger, »wenn man zum Beispiel denkt, man könne ­irgendetwas nicht. Oder wenn man denkt: ›Bis hierhin und nicht weiter.‹ Wenn man sich aber dieser selbst­auferlegten Grenzen bewusst wird, kann man darüber entscheiden, sie aufzulösen.«

Transgressiv, entgrenzend und Genregrenzen negierend ist auch Riegers Sound, auf »Andere« stehen viele verschiedene musikalische Ausdrucksweisen nebeneinander: tanzbare Achtziger-Pop-Stücke ­(»Erfolgreiche Life«), ruhige Pianotracks (»Blind«), sphärische und tiefgründige Songs (»Sich ergeben«) und gitarrenlastigere Wave-Stücke (»Grenzen«). Rieger ignoriert geflissentlich die ungeschriebenen Gesetze der Musikindustrie, die lieber alles aus einem Guss hat. Wie gut, dass das nicht für alle Labels gilt, sonst wäre einem dieses irritierende, uneindeutige, abgründige Album womöglich vorenthalten geblieben.

All Diese Gewalt: Andere (Glitterhouse / Indigo)