Immer weniger Menschen in Deutschland beherrschen das Schwimmen

Unsichere Menschen in unsicheren Gewässern

Ein Breitensport geht unter: Immer weniger Menschen können schwimmen. Das ist auch eine Folge des immer häufiger ausfallenden Schwimmunterrichts an Schulen.

Schwimmen zu können, war lange Zeit eine Selbstverständlichkeit. Die meisten lernten es, wie das Rad­fahren, bereits als Grundschüler. Wie das Radfahren ist das Schwimmen eine Kulturtechnik, beide erweitern den Horizont und die eigenen Möglichkeiten, sich in der Welt zu bewegen und sich diese anzueignen.

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Doch im Gegensatz zum Radfahren ist die Fähigkeit, sich im Wasser ­sicher zu bewegen, überlebenswichtig, schließlich können selbst beim Planschen und Spielen in Flüssen, Seen und Meeren rasch Situationen entstehen, in denen nur Schwimmzüge vor dem Ertrinken retten. Doch immer weniger Kinder können schwimmen: Einer Umfrage der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) aus dem Jahr 2017 zufolge sind fast 60 Prozent der Zehnjährigen keine sicheren Schwimmer. Zwar hätten 70 Prozent von ihnen das Planschabzeichen »Seepferdchen« erhalten, aber nach Ansicht der DLRG kann ein Kind sich erst dann sicher im ­Wasser bewegen, wenn es das Jugendschwimmabzeichen in Bronze besitzt, den ehemaligen »Freischwimmer«. Dieses Abzeichen belegt unter anderem, dass ein Kind 15 Minuten am Stück schwimmen kann.

Noch 2005 schätzten sich fast 70 Prozent der Erwachsenen als sichere Schwimmer ein. Mittlerweile beläuft sich der Anteil der Nichtschwimmer und unsicheren Schwimmer auf 52 Prozent. Sie bewegen sich im Wasser unsicher oder sind im Notfall kaum in der Lage, sich selbst zu retten.

Bei den Erwachsenen sieht es nach Angaben der DLRG kaum besser aus. Noch 2005 schätzten sich fast 70 Prozent als sichere Schwimmer ein. Mittlerweile beläuft sich der Anteil der Nichtschwimmer und unsicheren Schwimmer auf 52 Prozent. Mehr als die Hälfte der Erwachsenen ­bewegt sich also im Wasser unsicher oder ist im Notfall kaum dazu in der Lage, sich selbst zu retten. Bei diesen Personen sei das Risiko zu ertrinken besonders hoch, so die DLRG.

Das schlägt sich auch in den offiziell so bezeichneten Ertrinkungszahlen nieder: 2019 ertranken 417 Menschen in Deutschland. Bei den unter 20jährigen stieg die Zahl derer, die im Wasser starben, von 25 im Jahr 2005 auf 70 Menschen 2017. Während die Berliner den Kopf über Wasser behielten und es dort nur zwei Tote durch Ertrinken gab, starben in Bayern und Nordrhein-Westfalen jeweils fast 100 Menschen im Wasser. Und wo sterben sie? Die Nordsee ist auf jeden Fall nicht die Mordsee. Im einzigen halbwegs ernstzunehmenden Meer Deutschlands ertranken 2019 gerade einmal fünf Menschen. In der Ostsee, wo es keine Gezeiten und kaum hohe Wellen gibt, waren es dagegen mit 18 Ertrunkenen fast viermal so viele im vergangenen Jahr.

Am gefährlichsten sind die Gewässer, die landläufig als harmlos gelten: Mit 200 Toten liegen Teiche und Seen weit vorne. Selbst für geübte Schwimmer sind Flüsse besonders gefährlich. Das muss nicht immer ­etwas mit Alkohol zu tun haben. Wer während einer Strandparty betrunken in einen See oder Fluss steigt, riskiert auch dann sein Leben, wenn er gut schwimmen kann. Aber auch auf nüchterne Schwimmer lauern Gefahren: Die Kraft der Strömung wird unterschätzt, bei einem Zusammenstoß mit einem Schiff hat man schlechte Chancen, und auch Treibgut kann einem einen heftigen Schlag verpassen.

Die Gründe dafür, dass immer weniger Menschen, vor allem der jüngeren, nicht mehr richtig schwimmen können, sind vielfältig. Die 15 431 Grund-, 1 915 Haupt-, 1 781 Real- und 2 130 Gesamtschulen sowie die 3 141 Gymnasien, die es 2019 in der Bundesrepublik gab, haben ins­gesamt gerade einmal 1 000 Lehrschwimmbecken. Damit verfügt nicht einmal jede 24. Schule über ein eigenes Schwimmbecken. Und das ist ein Problem. Zwar müssen die Schulen ab der dritten Klasse Schwimmunterricht bieten, aber viel Zeit bleibt für das Schwimmenlernen nicht mehr übrig, wenn die Kinder erst mit dem Bus zu einem Schwimmbad gebracht werden müssen und das Umziehen jeweils auch noch einmal insgesamt mindestens 20 Minuten dauert. Viel mehr, als kurz zu planschen, ist kaum drin. Und dass zwei Lehrer beim Schwimmunterricht dabei sein müssen, mag zwar sinnvoll sein, macht die Organisation für die Schulen aber nicht einfacher. Derzeit fällt in jeder vierten Schule der Schwimmunterricht aus, weil es keinen Zugang zu einem Schwimmbad gibt. Denn diese liegen mittlerweile immer häufiger so weit von den Schulen entfernt, dass sie im Rahmen der üblichen Unterrichtszeit nicht mehr erreicht werden können. Die Zahl der Schwimmbäder ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten überdies erheblich zurückgegangen: Von den 6 716 Bädern, die es noch im Jahr 2000 gab, wurden mittlerweile 797 geschlossen, besonders viele davon in Bayern und Nordrhein-Westfalen.

Achim Haag, der Präsident der DLRG, kritisierte im März die sich weiter verschlechternden Rahmenbedingungen für die Schwimmaus­bildung. Die Zahl der geschlossenen und akut vor der Schließung stehenden Bäder in Deutschland erhöhe sich immer mehr, die Entwicklung sei alarmierend: »20 bis 25 Prozent ­aller Grundschulen bieten ­keinen Schwimmunterricht mehr an, weil ihnen kein Bad zur Verfügung steht, und ausbildende Verbände wie die DLRG haben lange Wartelisten von ein bis zwei Jahren für einen Schwimmkurs.«

Als einen weiteren Grund sieht die DLRG die wachsende Bedeutung von Spaßbädern an. Gingen Eltern mit ihren Kindern in ein Schwimmbad, entschieden sie sich häufig für eines dieser Bäder, wo sich die Kinder zwar auf Rutschen und in Sprudelbecken amüsierten, aber leider nicht mehr schwimmen lernten.

Keine besonders große Rolle spielt bei der Frage, ob jemand Schwimmer oder Nichtschwimmer ist, die Religion. Zwar sind die letzten verfügbaren Daten aus dem Jahr 2009 und damit deutlich veraltet, aber ­damals nahmen lediglich zwei Prozent der muslimischen Kinder aus religiösen Gründen nicht am Schwimmunterricht teil. Eine Reihe höchstrichterlicher Urteile erschwerte reli­giöse Begründungen für die Verweigerung des Schwimmunterrichts. Das Bundesverwaltungsgericht urteilte 2013, dass muslimische Schülerinnen am Schwimmunterricht teilnehmen müssen, wenn ihnen ein Burkini zur Verfügung steht. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte stellte 2017 fest, die Pflicht, am gemischten schulischen Schwimmunterricht teilzunehmen, gelte auch für muslimische Mädchen. Dadurch sei zwar das Recht auf freie Religionsausübung beeinträchtigt, aber das Ziel, Schüler vor Ausgrenzung zu schützen, wiege schwerer. Darüber, wie es in der Praxis aussieht, liegen ­jedoch keine aktuellen Daten vor.

Bei einer Anhörung im Bundestag zur Lage der Bäder und des Schulschwimmens im Januar waren sich zwar die Vertreter aller Parteien und Verbände einig, wie wichtig das Schwimmen sei. Aber mehr als ­Appelle und Beteuerungen des Vertreters der Kultusministerkonferenz, man habe das Problem im Blick und diskutiere es, kamen nicht herum.

Allerdings sind die Möglichkeiten des Bundes und der Länder begrenzt. Sowohl die Schulen als auch die öffentlichen Schwimmbäder werden von den Städten und Gemeinden betrieben. Und die stehen wegen der Folgen der Covid-19-Pandemie in den kommenden Jahren vor extremen Herausforderungen. Sinkende Einnahmen aus der Gewerbesteuer, ein höherer Zuschussbedarf von Theatern, Zoos, Nahverkehrsunternehmen und auch Schwimmbädern durch einen noch nie dagewesenen Besucherausfall dürften für leere Kassen sorgen. Schließungen weiterer Schwimmbäder und damit noch weniger Schwimmunterricht könnten die Konsequenz sein.