Die kubanische Regierung stellt Künstler unter Hausarrest

Künstler unter Hausarrest

Nachdem Hunderte Menschen in Havanna gegen die Verfolgung kritischer Künstler protestiert hatten, lud die kubanische Regierung einige von ihnen zu Gesprächen ein. Diese wurden inzwischen abgebrochen.

Bis vor kurzem war es jeden Tag das gleiche Bild, wenn Tania Bruguera aus dem Fenster blickte. Seit dem 28. November standen ein oder zwei Polizeiwagen vor der Haustür und hinderten die international bekannte Performancekünstlerin daran, ihre Wohnung zu verlassen. Arresto domiciliario, Hausarrest, wird das auf der Insel genannt. Seit ein paar Jahren wird er gegen Regierungskritiker verhängt, um unter an­derem ihre Teilnahme an Demonstrationen zu unterbinden. Doch was früher ein paar Stunden oder höchstens einen Tag dauerte, dem sah sich das Gros der Mitglieder des Künstlerkollektivs Movimiento San Isidro (MSI) rund zwei Wochen lang ausgesetzt.

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Warum? »Weil wir für unsere Grundrechte, für das Recht auf eine andere Meinung und für eine freie Kunst eintreten«, sagt Michel Matos. Der Dokumentarfilmer ist einer der Köpfe des Kollektivs. Das MSI gründete sich 2018, um sich gegen das Gesetz 349 zu engagieren, das im selben Jahr in Kraft trat und den kubanischen Kunstbetrieb regulieren soll. »Das Gesetz 349 verlangt von uns, in einer der staatlichen Künstlerorganisationen organisiert zu sein sowie Kunstveranstaltungen anzumelden und autorisieren zu lassen – selbst in den eigenen vier Wänden. Es ist ein heftiger Eingriff in die Freiheit der Kunst«, kritisiert der 40jährige.

»Warum darf ich im Museum of Modern Art in New York ausstellen, aber nicht in Kuba?«
Tania Bruguera, kubanische Performancekünstlerin

Dagegen engagieren sich auch Künstlerinnen wie Bruguera. Mit ihrem im Elternhaus gegründeten »Institut für Kunstaktivismus Hannah Arendt« versucht sie, ein Forum für kritische Kunst in Havanna zu schaffen. Das, aber auch Brugueras Nähe zum MSI, mit dem zusammen sie für die Autonomie der Kunst eintritt, ist den kubanischen Behörden offenbar ein Dorn im Auge. Anders ist der Hausarrest nicht zu er­klären.

Entsprechendes gilt für die Räumung der Privatwohnung des Performancekünstlers Luis Manuel Otero Alcántara in der Altstadt von Havanna am 27. November. Dort waren MSI-Mitglieder am 18. November in den Hungerstreik getreten, um gegen die Verurteilung des regierungskri­tischen Rappers Denis Solís zu acht Monaten Haft wegen Beamtenbeleidigung zu protestieren und auf die prekäre Situation kritischer Künstler auf Kuba aufmerksam zu machen. Polizisten drangen, getarnt als Ärzte, in die Wohnung ein und verhafteten die gut ein Dutzend Anwesenden. Noch am selben Tag versammelten sich mehrere Hundert Menschen vor dem ku­banischen Kulturministerium in Havanna und demonstrierten gegen die Behandlung kritischer Künstler und Künstlerinnen als Kri­minelle.

»Daraufhin kam es gegen Abend zu einem vierstündigen Gespräch mit dem stellvertretenden Kulturminister Fernando Rojas, in dem das repressive Vorgehen der Polizei, aber auch der generelle Umgang mit unabhängigen Künstlern kritisiert wurden«, berichtet Matos, der wie Bruguera und der bekannte Filmemacher Fernando Pérez an dem Gespräch teilnahm. Da hatte er noch die leise Hoffnung, dass der Dialog zu Kompromissen führen könnte. Doch die zerschlug sich wenige Tage später. In Granma, der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Kubas, gab der Kulturminister Alpidio Alonso Grau bekannt, er werde sich weder mit Zeitungen noch mit Künstlern treffen, die aus den USA finanziert und unterstützt würden. Gemeint war auch die Gruppe von Künstlern, mit der Rojas gesprochen hatte. Inzwischen nennt sie sich »27N«.

»Das war der Auftakt einer Kampagne in den kubanischen Regierungsmedien, in denen wir als Terroristen, als Söldner und Saboteure der Einheit Kubas dargestellt wurden«, sagt Matos. Dennoch trafen sich andere gesprächsbereite Künstlerinnen und Künstler mit politisch Verantwortlichen. Die Weigerung, überhaupt mit 27N über Freiheiten und Räume für die Kunst zu sprechen, erregte Kritik. Die Sänger Silvio Rodríguez und Carlos Varela sprachen sich für einen Dialog aus; die Dependance der UNEAC, der offiziellen Künstlervereinigung, auf der »Insel der ­Jugend« kritisierte die mediale Darstellung des Konflikts und des MSI; auch die katholische Kirche appellierte, den Dialog wiederaufzunehmen. Doch die Regierung macht keine Anstalten einzulenken.

Es geht um den Umgang mit Andersdenkenden, die Grundrechte einfordern, die auch in Kubas Verfassung festgeschrieben sind. »Dürfen wir keine andere Meinung haben? Warum wird unabhängige Kunst in Kuba nicht an­erkannt? Warum darf ich im Museum of Modern Art in New York ausstellen, aber nicht in Kuba?« fragt Bruguera. Bis Donnerstag voriger Woche stand sie unter Hausarrest, am folgenden Tag traf sie sich mit 27N.

Die Haltung Brugueras schreckt den Parlamentspräsidenten Esteban Lazo: »Wir müssen nicht tolerant sein mit den Würmern«, sagte er am Donnerstag vergangener Woche im Parlament. »Würmer« ist in Kuba eine abfällige Bezeichnung für ausgewanderte Regimegegner. Lazo plädierte dafür, gegen »konterrevolutionäre Gruppen« vorzugehen. Gemeint war der MSI.