Im Gespräch mit Mustafa Qadri, Menschenrechtsanwalt und -forscher, über die Folgen der Covid-19-Pandemie für Arbeitsmigranten in den Golfstaaten

»Viele Arbeiter hungerten in den Lagern«

Sie machen bis zu 90 Prozent der Bevölkerung aus, sind fast rechtlos und werden meist in Massenunterkünften untergebracht: Ausländische Arbeiter in den Golfmonarchien lebten bereits unter prekären Umstände, die Pandemie hat ihre Lage weiter verschlechtert.
Interview Von

Ihre Organisation Equidem hat im November den Bericht »The Cost of Contagion« über die Folgen der ­Covid-19-Pamdemie für ausländische Arbeiter in den Golfstaaten veröffentlicht. Wie sind Sie an die Informationen gekommen?

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Es ist ein wichtiger Teil der Philosophie von Equidem, dass die Untersuchungen von den betroffenen Menschen selbst vorgenommen werden, hier also von den ausländischen Arbeiterinnen und Arbeitern in Saudi-Arabien, Katar und den Vereinigten Arabischen ­Emiraten (VAE). Der Bericht basiert auf rund 200 individuellen und ausführlichen Interviews, die während der Covid-19-Pandemie geführt wurden, überwiegend mit Niedriglohnarbeitern aus Südostasien und Afrika. Die meisten sprechen die lokale Sprache nicht, sie mussten eine hohe Gebühr zahlen und sich verschulden, um einen Job zu bekommen. Sie sind weitgehend machtlos und in überfüllten Unterkünften mit bis zu zehn Menschen in einem Raum untergebracht. Die Arbeiter wissen natürlich, dass Covid-19 gefährlich ist, und sind entsprechend besorgt. Nur weil unsere Interviewer selbst Arbeiter sind, war es möglich, diese Ein­blicke zu erhalten.

Mussten die Arbeiter heimlich befragt werden?

Ja, das war eine große Herausforderung, denn die Golfstaaten haben viele repressive Gesetze, es gibt intensive digitale wie persönliche Überwachung. Wir haben unser Forschungsnetz aufgebaut, indem wir bekannt gewordenen Menschenrechtsverletzungen nachgingen und dabei auf engagierte und qualifizierte Menschen mit genauer Kenntnis der lokalen Verhältnisse stießen. ­Solche Menschen sind die Basis jeder Menschenrechtsarbeit.

Welches Bild hat sich ergeben?

Zu Beginn der Pandemie wurden wir mit schockierenden Berichten über grauenhafte Zustände überschwemmt. Uns wurde bald klar, dass die Welt davon erfahren muss. Saudi-Arabien, die VAE und Katar gehören zu den reichsten Ländern der Welt, Einheimischen sowie qualifizierten ausländischen ­Arbeitern ging es auch gut, aber einfache ausländische Arbeiter wurden nicht mehr bezahlt und in ihren Lagern dem Tod überlassen. Wir konnten Fälle dokumentieren, bei denen drei der größten Unternehmen der Golfstaaten verantwortlich sind, Saudi Aramco, Dubai Expo – das ist das Unternehmen, das die Weltausstellung in den VAE orga­nisiert – und Qatar World Cup. Einen der schlimmsten der von uns dokumentierten Fälle gab es beim Bau eines der Stadien für die Fußball-WM der Männer.

Wie hat die Pandemie die Lebens­bedingungen der ausländischen ­Arbeiter und Arbeiterinnen verändert?

Die Arbeitsgesetze wurden gelockert, so dass es leichter wurde, Arbeiter zu feuern und sie sich selbst zu überlassen. Das hat Armut und moderne Sklaverei zur Folge, denn die Arbeiter können das Land nicht verlassen und arbeiten oft ohne Bezahlung weiter. Auch der zuvor schon schlechte Zugang zur Gesundheitsversorgung wurde stark eingeschränkt, es gibt signifikante Verstöße gegen internationale Abkommen zur Abschaffung rassistischer Diskriminierung. Die extreme psychische Belastung durch Pandemie und Diskriminierung führte auch zu Selbstmorden. ­Viele Arbeiter hungerten in den Lagern, und weil sie ihren Familien kein Geld mehr überweisen konnten, hungerten ihre Kinder in ihren Herkunftsländern.

Für Arbeiterinnen war die Situation oft noch schwieriger. Als das Gesundheitssystem überlastet war, wurde ­ihnen der Zugang komplett untersagt, weil es nicht genug Ärztinnen gab, manche wurden unter Hausarrest gestellt. Es gab auch Fälle von hochschwangeren Arbeiterinnen im Gesundheitssystem, die gezwungen wurden, auf Coronastationen zu arbeiten. Viele Berichte waren schockierend und ­haben mich zum Weinen gebracht, obwohl ich seit zwei Jahrzehnten mit ­allen Arten von Unrecht und Leid beschäftigt bin. Die Menschen haben jede Hoffnung verloren, weil ihnen gezeigt wurde, dass ihr Leben nichts zählt. Und ihre Situation wird international ignoriert.

Was sagt die Ungleichbehandlung während der Pandemie über das Verhältnis zwischen der einheimischen Bevölkerung und den ausländischen Arbeitskräften aus?

Das Verhältnis ist größtenteils eines der Unterordnung. Viele Familien haben ausländische Bedienstete, vor allem Frauen, die etwa die Kinder groß­ziehen. Es gibt also Kontakt, aber die Bediensteten werden nicht als gleichwertig betrachtet. Es gibt Gesetze, um ihre Situation zu verbessern, aber im privaten Arbeitsumfeld lassen sie sich nur schwer durchsetzen. Allgemein sind die ausländischen Arbeiterinnen und Arbeiter weiterhin gesetzlich ­diskriminiert. Auch nach 20 Jahren Arbeit in den Golfstaaten gibt es ­keinen Weg zur Einbürgerung; es gibt Arbeiter, die nach Jahrzehnten kurzfristig entlassen und ausgewiesen wurden. Bei der Stadtplanung werden ausländische Arbeiter ebenfalls diskriminiert, sie werden an Orten untergebracht, die in der Wüste liegen, und von den reichen Einheimischen separiert. Zudem gibt es das Kafala-System: Arbeiter haben ein Unternehmen oder eine Privatperson als »Bürgen«, der entscheiden kann, ob sie im Land bleiben oder den Arbeitsplatz wechseln dürfen.

»Die Unfreiheit der Einheimischen verstärkt und motiviert die Diskriminierung der Ausländer. Und ja, es gibt auch viel Rassismus.«

Man darf nicht vergessen, dass diese Diskriminierung in Ländern stattfindet, in denen auch Einheimische kaum Rechte haben. Es gibt keine Gewerkschaften, keine freien Wahlen und keine politischen Freiheiten. Aber die Einheimischen können gegenüber ausländischen Arbeitern praktisch als Staatsmacht auftreten. Die Unfreiheit der Einheimischen verstärkt und motiviert so die Diskriminierung der Ausländer. Und ja, es gibt auch viel Rassismus.

Im Bericht heißt es, dass es auch im Interesse der Golfstaaten wäre, ausländischen Arbeitern die Einbürgerung zu ermöglichen.

Die Golfstaaten hängen stark vom Öl und Gasexport ab, die Führungsschichten wissen, dass sie ihre wirtschaftliche Basis verbreitern müssen, dafür gibt es aber nicht genug qualifizierte einheimische Arbeitskräfte. Für qualifizierte Ausländer werden bereits Erleichterungen diskutiert. Wir sagen, dass für weniger qualifizierte Arbeiten etwa auf dem Bau oder in der Pflege noch viel dringender Menschen benötigt werden und hier die Abhängigkeit von Ausländern größer ist. Wenn diese Arbeiter als leicht ersetzbar betrachtet werden, gefährdet das auf Dauer die Grundlage des Wohlstands. Menschenrechtsorganisationen sind oft zu pragmatisch, was die Golfstaaten angeht. Das Recht auf Einbürgerung oder gewerkschaftliche Organisierung gilt als unrealistisches Ziel, aber wir ­reden von Staaten, in denen bis zu 90 Prozent der Bevölkerung ausländische Arbeiter sind. Es ist an der Zeit, dass wir für sie gleiche Rechte ein­fordern.

Die Golfstaaten unternehmen viel, um sich dem Rest der Welt in einem guten Licht zu präsentieren. Sehen Sie diese Imagekampagnen als Chance, um Verbesserungen zu erreichen?

Die Golfstaaten stellen sich als moderne, weltoffene Gesellschaften dar und fördern den Tourismus. Aber Festivals in Saudi-Arabien beispielsweise waren wegen der Menschenrechtslage wenig erfolgreich. Homosexualität ist ver­boten. Katar hat versprochen, dass ­homosexuelle Besucher während der WM nicht verfolgt werden, aber das sind sehr vage Aussagen. Langfristig sind diskriminierende Gesetze für ­diese Länder eine Last und ein Hindernis bei der notwendigen wirtschaftlichen Diversifizierung.

Wie bewerten Sie die Fußball-WM in Katar und die Rolle der Fifa?

Ich kenne die Fifa-Verantwortlichen für die WM gut, sie haben einiges erreicht und ein echtes Interesse an Menschenrechten. Aber nur die großen Unternehmen werden kontrolliert, die Subunternehmen und die Zulieferer, bei denen die am meisten gefährdeten Menschen arbeiten, sind immer noch außerhalb des Blickfelds. Die Fifa ist eine höchst undurchsichtige und historisch korrupte Organisation, entsprechend schwer ist es, sie unter Druck zu setzen. Die WM und ähnliche Groß­veranstaltungen in den Golfstaaten dienen vor allem der Öffentlichkeits­arbeit, dementsprechend wird auf Kritik mit PR-Maßnahmen und Abwehr ­reagiert.

Was das Kafala-System angeht, gab es aber bereits Veränderungen.

Katar hat gerade eine umfassende ­Arbeitsrechtsreform beschlossen, Arbeiter können die Arbeitsstelle wechseln und das Land verlassen, sie können auch leichter Beschwerden einreichen. Das sind bedeutende Veränderungen, aber nun muss man auf deren Umsetzung achten. So wird eine Kündigung auch in Katar praktisch noch als Verbrechen behandelt, Arbeiter sind also auch dann an ihre Sponsoren gebunden, wenn diese sie misshandeln.

In Saudi-Arabien sind für März 2021 ähnliche Reformen wie in Katar geplant. Aber der Weg ist noch sehr lang. Der Maßstab wird sein, ob Arbeiter unabhängig von Nationalität, Hautfarbe, Geschlecht und sexueller Orientierung gleich behandelt werden. Das sind die Standards unserer Zeit, und wenn die Golfstaaten wirklich moderne Gesellschaften werden wollen, genügen ein paar Reformen und moderne Wolkenkratzer nicht. Diese Mindeststandards können von den Arbeitern nur durchgesetzt werden, wenn diese sich in Gewerkschaften organisieren dürfen. Bis das möglich ist, müssen wir weiter kämpfen und die Golfstaaten im Blick behalten.

 

Mustafa Qadri ist Anwalt, Wissenschaftler und Journalist, er befasst sich seit 20 Jahren mit Menschen- und Arbeitsrechtsfragen und arbeitete unter anderem in Australien, Bangladesh, Indien, Pakistan und den USA. Er hat Equidem Research and Consulting gegründet und leitet die Organisation als Executive Director. Im November veröffentlichte Equidem den Bericht »The Cost of Contagion. The human rights impacts of Covid-19 on migrant workers in the Gulf«.