Der Begriff »Klassismus«

Alles Klasse

Ist es sinnvoll, sich mit »Klassismus« als Form der Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft oder des sozialen Status auseinanderzusetzen und dagegen vorzugehen? Oder ist der Begriff ungeeignet zu kritischer Analyse?

Eine Chance zur Selbst­ermächtigung

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Von Viola Nordsieck

Klassismus – ist das nur eine weitere Diskriminierungsform zum Aufzählen, die Leute, die im Managementjargon über gesellschaftliche Missstände reden, sich ausgedacht haben und die bekämpft werden soll, um die sogenannte Chancengleichheit in neoliberal geprägten Gesellschaften zu erhöhen? Oder handelt es sich um einen Begriff, den Linke verwenden sollten, um Menschen für Ungerechtigkeiten zu sensibilisieren, die anders nicht aufgezeigt, analysiert und spürbar gemacht werden können, und der damit eine Chance zur Selbstermächtigung bietet? Die kurze Antwort: Letzteres.

Klassismus ist die zentrale Ideologie der neoliberalen Meritokratie.

Eine starke und selbstbewusste Arbeiterklasse gibt es derzeit nicht. Wenn es sie einmal gab, dann konstituierte sie sich auch durch die moralische Verurteilung von Arbeitsverweigerung und Abgrenzung nach unten, die Verachtung des »Lumpenproletariats«. Die Sozialarbeiterin Tanja Abou, die 2014 das Institut für Klassismusforschung mitgegründet hat, findet, die Auseinandersetzung mit Klassismus könne hilfreich sein »beim Übergang von der ›Klasse an sich‹ zur ›Klasse für sich‹«, wie sie in einem Interview mit dem ND sagte. Um die eigene Position in der Gesellschaft zu begreifen, genügt es nicht, die genaue Form der Ausbeutung zu analysieren, mit der eine Arbeiterin konfrontiert ist. Es ist auch notwendig, zu verstehen und zu beeinflussen, wie die Gesellschaft diese Arbeiterin sieht und welchen Handlungsmöglichkeiten sie ihr einzuräumen bereit ist.

Und hier kommt der Begriff des Klassismus ins Spiel – als Analyseinstrument für Formen der Verachtung bis hin zur Entmenschlichung, die Ausbeutung in ihren spezifischen Formen ermöglichen. Als internalisierter Selbsthass und Angst vor Versagen von vermeintlich sozial Schwachen in einer angeblichen Meritokratie wird Klassismus zum Instrument der Disziplinierung: Was immer du bist, sagt sich die ausgebeutete Person, du bist immerhin nicht so tief gesunken wie diejenigen, die unter dir stehen.

Gesellschaftlicher Status gilt in neoliberal geprägten Gesellschaften vorrangig als Folge individuellen Handelns: Falsche Lebensentscheidungen, Faulheit und Unfähigkeit werden als Gründe für Armut angesehen. Eine letztlich bürgerliche Moral verlangt Arbeitswillen und Leistungsbereitschaft, Armut wird zur selbstverschuldeten Folge eines moralischen Mangels erklärt.

Klassismus ist oft eine Form des gatekeeping und unter anderem darum verschränkt mit Rassismus. Der Sozialwissenschaftler und Autor Houssam Hamade schreibt in der Taz: »Rassismus ist historisch eng verwandt mit dem Klassismus, also der Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer sozialen Herkunft. Es ist bezeichnend, dass der Begriff ›Rasse‹ zu Beginn seiner Karriere nicht ethnisch, sondern ständisch definiert wurde.« Klassistische und rassistische Zuschreibungen seien häufig nahezu austauschbar, wie an Büchern Thilo Sarrazins zu sehen sei.

Integration in die Meritokratie soll über individuelle Leistung und deren Verwertbarkeit geschehen, weswegen beispielsweise Bilder von Geflüchteten mit Einserabitur dazu dienen sollen, die Bereitschaft zur Toleranz zu erhöhen. Ausbeutung geht oft mit einer Entwertung der ausgebeuteten Person einher: Wer Arbeit billig haben möchte, entwürdigt diejenigen, die dankbar sein sollen, diese Arbeit überhaupt ausüben zu dürfen. Der Wert, der verschiedenen Formen von Arbeit zugemessen wird, ist kulturell kodiert. Durch den Aufruf zum Klassenkampf alleine lässt diese Kodierung sich nicht entschlüsseln.

So gesehen ist Klassismus die zentrale Ideologie der neoliberalen Meritokratie. Die ausgebeutete Arbeiterin wird durch Klassismus diszipliniert, kleingehalten und abgewertet: Sie verdient es nicht anders, ist aber immerhin fleißig und steht damit über den faulen Arbeitslosen. Die Bildungsaufsteigerin – die eine von Zehntausenden, die gegen jede statische Wahrscheinlichkeit Abitur gemacht und studiert hat – dient als Feigenblatt: Ihr könnt es doch, wenn ihr nur wollt! Bleibt ihr Abschaum, so ist das eure eigene Entscheidung. Wie sollen Solidarität unter den Ausgebeuteten und ein Bewusstsein des ihnen widerfahrenden Unrechts entstehen, wenn ihre spezifischen Erfahrungen in den Debatten der Linken gar nicht vorkommen?

 

Diversität statt Klassenkampf

Von Bernhard Pirkl

Der Klassenbegriff ist wieder salonfähig. Vor einigen Jahren wurde man in vornehmer Gesellschaft noch mindestens schief angesehen, wenn nicht gar für unzurechnungsfähig gehalten, wenn man das Wort Klasse sans phrase im Munde führte. Das hat sich seit der Finanz- und Wirtschaftskrise von 2008/2009, dem beinahe weltweiten Aufschwung des von Deklassierung angetriebenen Rechtspopulismus und ­allerspätestens, seit das staatliche Management der Covid-19-Pandemie ­soziale Härten zeitigt, geändert. Mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass ökonomische Verfügungsgewalt und Zugang zum gesellschaftlichen Reichtum systematisch ungleich verteilt sind. Die Klasse ist also zurück in der öffent­lichen Debatte, und sowohl arrivierte Edelfedern wie der französische Soziologe Didier Eribon als auch talentierte Autodidakten wie der deutsche Journalist und Autor Christian Baron dürfen auch an prominenter Stelle ihre Beschwerden vortragen. Die Form, in der die Diskussion zumeist verläuft, lässt allerdings vermuten, dass dem Klassenbegriff längst der kritische Stachel gezogen wurde. Das zeigt sich an der Debatte über sogenannten Klassismus.

Was wäre eigentlich gewonnen, wenn mehr ehemalige Proleten in Aufsichtsräten säßen?

»Klassismus«, so erfährt der interessierte Laie auf Wikipedia, »bezeichnet Vorurteile oder Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft oder der sozialen Position und richtet sich überwiegend gegen Angehörige einer ›niedrigeren‹ sozialen Klasse.« Vorurteile und Diskriminierung – das will man sich als fortschrittliche bürgerliche Nation mit Führungsanspruch in Europa selbstverständlich nicht nachsagen lassen.

Im Deutschlandfunk durfte zum Beispiel der Autor Houssam Hamade Tatsachen benennen, die andernorts längst als Banalitäten gelten. Er stellt fest: »Menschen mit bürgerlicher Sozialisation werden viel besser gefördert.« Und er dekliniert einige Implikationen dieses Urteils durch: So hätten Kinder, die einer Mittelschichtsnorm nicht entsprechen, gerade in einem formal egalitären Schulsystem wenig zu lachen. Dankenswerterweise deutet er auch den Zusammenhang von Klassengesellschaft und Rassismus an.

Hamade gilt das Eintreten gegen Klassismus als »ein zentraler Bestandteil des Ringens um Diversität«. Er kritisiert: »Von 100 Kindern aus nichtakademischen Familien nehmen nur 27 ein Studium auf, obwohl doppelt so viele das Abitur bestehen. Von 100 Akademikerkindern studieren dagegen 79. Das ist wirtschaftlich gesehen unklug, weil so Talente verkümmern. Vor allem ist es aber ungerecht.« Aber was wäre eigentlich gewonnen, wenn mehr ehemalige Proleten in Aufsichtsräten und auf Richterstühlen säßen?

Auch das Autonome Referat für antiklassistisches Empowerment an der Universität zu Köln verwendet in seinen Veröffentlichungen Begriffe, die auch zum Jargon des »progressiven Neoliberalismus« (Nancy Fraser) gehören. Es ist viel von »Diskriminierung« die Rede. Um Missverständnisse zu vermeiden: Diese findet zweifellos statt; nur vermisst man genauere Hinweise darauf, worin eigentlich diskriminiert wird.

Der Begriff Empowerment hat eine steile Karriere hingelegt und ist etwa in der Sozialarbeit längst gängige Münze. »Ökonomisches Empowerment« bezeichne »die Fähigkeit (…) an Wachstumsprozessen teilzunehmen, zu ihnen beizutragen und von ihnen zu profitieren« und so »eine faire Verteilung« des erwirtschafteten Wachstums »zu verhandeln«, heißt es auf der Web­site der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach ist Exklusion aus der kapitalistischen Mehrwertproduktion das Problem – und nicht diese selbst. In der Tat leuchtet nicht ein, warum das Kapital es sich leisten sollte, borniert Talente brachliegen zu lassen.

Man sollte sich nicht täuschen lassen: Faire Chancen auf Zugang zum Mehrprodukt sind etwas anderes als eine kollektiv organisierte Bedürfnisproduktion. Das Autonome Referat für antiklassistisches Empowerment hat den Anspruch, »eine klassenlose Gesellschaft ohne Diskriminierungen zu erkämpfen«, wie es in einer Pressemitteilung schreibt – eine bemerkenswerte Tautologie: Wie hätte man sich denn in einer Gesellschaft, in der das Prinzip »Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen« (Karl Marx) bereits durchgesetzt ist, Diskriminierung überhaupt vorzustellen? Das ist mehr als semantische Pedanterie, vielmehr bringt die Formulierung das widersprüchliche Oszillieren zwischen einer »Politik der Repräsentation« und einer »Politik der Umverteilung« (Fraser) prägnant auf den Punkt, das den Klassismusdiskurs insgesamt kennzeichnet.