»Deutsche Krieger«: Eine Militärgeschichte Deutschlands seit 1870/1871

Kampfkultur und Brunnenbau

Sönke Neitzel untersucht in seiner Studie »Deutsche Krieger« 150 Jahre deutscher Militärgeschichte. Der Bundeswehrführung wirft er vor, sie habe es versäumt, klarer zwischen Geschichte und Tradition zu unterscheiden.

»Soldaten sind Krieger, die kämpfen und auch töten müssen.« Dieser Satz steht groß auf der Rückseite von Sönke Neitzels jüngst erschienenem Buch »Deutsche Krieger«. Das wirkt etwas plakativ und führt in die Irre. Der Autor beschäftigt sich nicht mit den psychologischen Problemen des Soldatentums oder der Charakterstruktur des Kriegers, sondern liefert vielmehr eine fundierte Militärgeschichte Deutschlands seit 1870/1871. Neitzel, der an der Universität Potsdam lehrt, spannt den Bogen vom Deutschen Heer der Kaiserzeit über die Reichswehr und die Wehrmacht bis hin zur Nationalen Volksarmee (NVA) und zur Bundeswehr.

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Die Uniformen und Hoheitsabzeichen wechselten ebenso wie die poli­tischen Systeme; doch ein Leutnant des kaiserlichen Heeres, ein Leutnant der Wehrmacht und ein Zugführer der Task Force Kunduz haben aus Sicht Neitzels auch vieles gemeinsam. Sein Buch zeigt Traditions­linien auf und ergründet die Kontinuitäten; der inhaltliche Schwerpunkt des 800 Seiten starken Werks liegt auf der Bundeswehr, während die Nationale Volksarmee nur in einem vergleichsweise kurzen Kapitel behandelt wird.

Neitzel zeigt, dass sich die Fallschirmjäger der Bundes­wehr in der Tradition ihrer Vorgänger­organisation in der NS-Zeit sahen. Ihrem Abzeichen, dem herab­stoßenden Adler, fehlte lediglich das Hakenkreuz in den Klauen.

Der Bundeswehr wirft Neitzel vor, sie habe es versäumt, immer klar zwischen Geschichte und Tradition zu unterscheiden, so dass mitunter die deutsche Militärgeschichte ohne grundlegende Ausnahmen als zu wahrende Tradition reklamiert worden sei. »Die Wehrmacht ist in keiner Form traditionsstiftend für die Bundeswehr. Einzige Ausnahme sind einige herausragende Einzeltaten im ­Widerstand. (…) Das ist eine Selbstverständlichkeit, die von allen getragen werden muss.« So formulierte es 2007 die damalige Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU). Neitzel kommt in seinem Band zu einer ganz anderen Einschätzung. Die Wehrmacht sei von »Anfang an in der DNA der Bundeswehr« eingeschrieben gewesen. Die »Kampfkulturen« der Soldaten hätten die unterschiedlichen Systeme überdauert.

Der Autor bezieht sich damit auf das Konzept der tribal cultures, das beschreibt, wie die amerikanischen Ureinwohner, die sich in ihrer Lebensweise, ihrem Dialekt und ihrer jeweiligen sozialen Organisation voneinander stark unterschieden und miteinander rivalisierten, dennoch gemeinsame Kriegszüge unternahmen. Neitzel macht seine These anschaulich: Ein deutscher Soldat wurde und wird einer Waffengattung zugeordnet. Die Panzertruppe ist stolz auf ihre rosa Kragenspiegel, während die Infanterie sich mit Jägergrün schmückt. Krieg führt man dennoch gemeinsam. Nach der Einführung der grauen Uniform (»Feldgrau«) in der Kaiserzeit bildeten sich Kampfkulturen heraus, die das Kriegsende 1918 und auch 1945 überdauerten.

Neitzel zeigt, dass sich die Fallschirmjäger der Bundeswehr in der Tradition ihrer Vorgängerorgani­sation in der NS-Zeit sahen. Ihrem Abzeichen, dem herabstoßenden Adler, fehlte lediglich das Hakenkreuz in den Klauen. Weil der Soldat eben auch Krieger sei, berufe er sich gerade in Zeiten ausbleibender militärischer Auseinandersetzungen auf die »heroischen« Taten der Vergangenheit. Dass Fallschirmjäger im Zweiten Weltkrieg Kreta mit einem extrem verlustreichen Einsatz eingenommen hatten – darauf war die Truppe auch in der Bundesrepublik noch immer stolz.

Sehr genau und kenntnisreich umreißt Neitzel die Grundzüge des Vernichtungskriegs der deutschen Wehrmacht und problematisiert immer wieder die Bezugnahme auf verbrecherische Akte, Personen und Traditionen. Er zeigt auch recht sachlich, dass Kontinuität vor allem darin besteht, dass die Streitkräfte sich weniger mit der zivilen Gesellschaft der Gegenwart als mit den soldatischen Traditionen identifizieren. Daran konnte auch das neue Rollenbild des Soldaten in der 1955 gegründeten Bundeswehr als »Bürger in Uniform« nichts ändern. Der Vorgänger der Bundeswehr war die Wehrmacht und die Bibliotheken und Kioske der fünfziger Jahre waren ­gespickt mit »Erlebnisberichten« front­erfahrener Wehrmachtssoldaten. Die Taktik des »Gefechts der verbundenen Waffen« wurde in der Weimarer Zeit entwickelt, in der Wehrmacht weiterentwickelt und prägt auch die Kampfvorstellungen der Bundeswehr.

In den Jahren nach dem Zusammenbruch des Ostblocks wandelte sich die Bundeswehr von einer stehenden Armee des Kalten Kriegs in eine kämpfende Truppe. Immer wieder bettet Neitzel diese Wandlung in den gesellschaftlichen Kontext ein; Kritiker kommen zu Wort, die langen Bundestagsdebatten zum Thema werden aufbereitet.

Fast nebenbei erwähnt Neitzel auch mögliche Kriegsverbrechen oder aber illegale Beteiligungen an Kriegshandlungen. So sollen bereits 1991 rund 200 bis 300 Bundeswehrsoldaten als Freiwillige im jugoslawischen Bürgerkrieg gekämpft haben. Die Männer seien für ein verlängertes Wochenende oder im Urlaub »an die Front« gefahren, um »Kampferfahrung zu sammeln«. In vielen Fällen hätten Vorgesetzten das gedeckt. Sollte dies zutreffen, ist es zwar juristisch sicherlich verjährt, politisch aber immer noch brisant.

Ähnliches gilt für die Berichte aus Afghanistan. Wenn Neitzel schreibt, dass »selbst hartgesottene Soldaten des KSK erschüttert« gewesen seien, »als ihnen Amerikaner nonchalant davon berichteten, wie sie gefangene Taliban exekutierten«, stellt sich die Frage nach nicht aufgearbeiteten Kriegsverbrechen sehr konkret.

In dieser Hinsicht herrsche in Deutschland eine Doppelmoral, so Neitzel: Lange Zeit wurde der Begriff des Kriegs tabuisiert, obwohl deutsche Soldaten mit Kriegsgerät im Einsatz waren. Man möchte Auslandseinsätze der Bundeswehr, aber am liebsten im Bereich des Brunnenbaus. Über die kriegerischen Aufgaben wird geflissentlich hinweggesehen. An dieser Stelle mahnt der Militärhistoriker eine schonungslose Auseinandersetzung mit der Aufgabe und Funktion der Bundeswehr an. Wozu überhaupt Streitkräfte? Wenn man sie will, sollte man sie als »militärisches Projekt ernst nehmen«. Entscheide man sich dagegen, entspräche dies »dem Bruch, den der Zweite Weltkrieg im Verhältnis der Deutschen zum Militär ausgelöst hat«; dann wären »steigende Wehretats nicht mehr nötig«.

Sönke Neitzel: Deutsche Krieger. Vom Kaiserreich zur Berliner Republik – eine ­Militärgeschichte. Propyläen-Verlag, Berlin 2020, 816 Seiten, 35 Euro