Im Mordfall Samuel Yeboah wurde nach 30 Jahren ein Tatverdächtiger ermittelt

Der Verdacht lag nahe

Es hat fast 30 Jahre gedauert: Die Polizei hat im Mordfall Samuel Yeboah, der am 19. September 1991 bei einem Brandanschlag auf eine Flüchtlings­unterkunft in Saarlouis starb, kürzlich einen Verdächtigen ermittelt. Der 49jährige Peter S. steht im Verdacht des Mordes und des 18fachen Mord­versuchs. Zudem fanden Durchsuchungen bei vier weiteren Personen in Saarlouis statt, festgenommen wurde allerdings niemand, auch nicht der Tatverdächtige.

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Samuel Yeboah war der erste Tote, der in der bundesweiten Welle rassis­tischer Gewalttaten Anfang der neunziger Jahre Opfer eines Brandanschlags wurde. Damals stellte die Polizei die Ermittlungen bereits nach elf Monaten ein. Im vergangenen Jahr allerdings nahm die Bundesanwaltschaft die Mordermittlungen im Fall von Yeboah wieder auf, da es ihr zu­folge Hinweise gab, die eine »staatsschutzspezifische Tat von besonderer Bedeutung« vermuten ließen. Zudem soll eine polizeiinterne Arbeitsgruppe Fehler untersuchen, die bei den Ermittlungen der neunziger Jahre gemacht wurden.

Die Gewalttätigkeit der saar­ländischen Nazis und die Nähe zu rechtsterroristischen Gruppen wie dem NEK und dem Milieu des NSU waren bekannt.

Der Verdächtige Peter S. ist seit langem als militanter Neonazi bekannt. Eine Sprecherin der Antifa Saar / Projekt AK sagte der Jungle World: »Peter S. wird in antifaschistischen Recherchen als eine zentrale Figur der Saarlouiser Naziszene der neunziger Jahre beschrieben. Gemeinsam mit Markus M. und Peter St. stand er für uns immer im engen Zusammenhang mit diesem Brandanschlag. Er hatte sich damals in der Szene sogar damit gebrüstet, dass sie in der Tatnacht am Tatort gewesen seien.« Der Sprecherin zufolge gehörte der Verdächtige zu bundesweit gut vernetzten Kreisen, die damals »zum bewaffneten Straßenkampf und zu Angriffen auf linke Zentren« aufgerufen hätten und mit solchen Attacken auch regelmäßig in Erscheinung getreten seien. Die Antifa Saar / Projekt AK hat auf ihrer Website umfangreiches Material zu Peter S. veröffentlicht.

Im Oktober 1992 wurde Peter S. festgenommen, nachdem er gemeinsam mit elf Naziskins einen Studenten brutal zusammengeschlagen und schwer verletzt hatte. Unter den Festgenommenen war auch ein Mitglied des ­»Nationalen Einsatzkommandos« (NEK), eine rechtsterroristische Gruppe, die im politischen Straßenkampf und bei sogenannten zentralen Aktionen ­eingesetzt werden sollte. Bei den Durchsuchungen der Wohnungen und PKW der Täter fand die Polizei rechtsextremes Propagandamaterial, Todeslisten und Waffen. Dies geht aus einem damaligen Artikel der Saarbrücker Zeitung hervor.

Informationen des Spiegel zufolge wurde Peter S. des Weiteren während des Rudolf-Hess-Marsches am 17. August 1996 in Worms festgenommen, an dem etwa 200 Nazis teilnahmen. Zu denen, die damals eine Nacht im Gewahrsam verbrachten, gehörten auch die späteren NSU-Terroristen Beate Zschäpe und Uwe Mundlos. Auf einem Foto von dem Aufmarsch ist S. nur ­wenige Meter entfernt von den beiden zu sehen. Zur Vorbereitung der gemeinsamen Fahrt zum Rudolf-Hess-Marsch habe S. am 3. August an einem Koordinierungstreffen im nord­­rhein-westfälischen Bad Berleburg teilgenommen, schreibt die Antifa Saar / Projekt AK auf ihrer Website. Begleitet habe ihn dabei unter anderem Thomas Kubiak, einer der Anführer der Nazi­kameradschaft »Sauerländer Aktionsfront« (SAF), die zu den bedeutendsten Nazigruppen in Nordrhein-Westfalen zählte.

1996 war S. als Ordner auf einer ­Demonstration gegen Linke, zu der die NPD und ihre Jugendorganisation überregional aufgerufen hatten, in Saarlouis im ­Einsatz. Dort trat als Redner auch der bekannte Neonazi Siegfried Borchardt (»SS-Siggi«) aus Dortmund auf. Etwa zu dieser Zeit gehörte S. mit Markus M. und Peter S. zur »Kameradschaft Horst Wessel Saarlautern«, die mit Schulungen und Training versuchte, die organisierten Nazistrukturen zu stärken.
Ab 1997 wurde es den Recherchen der saarländischen Antifaschisten zufolge ruhiger um S.; offenbar hatte er im Gewahrsam in Worms Aussagen bei der Polizei gemacht, was zum Zerwürfnis mit seinen saarländischen Kameraden führte.

Diese fielen allerdings weiterhin auf. Bei einer Durchsuchung in den späten Neunzigern fand die Polizei bei einem von ihnen eine Pumpgun, einen Revolver, eine selbstgebastelte Pistole, ein Gewehr, eine Panzerfaust, einen Mörser, Munition, selbstgebastelte Rohrbomben und Propagandamaterial, bei einer weiteren im Jahr 2009 ­Bomben, Sprengstoff und kistenweise Munition. Markus M. ist weiterhin regelmäßig bei Aufmärschen von Nazikameradschaften wie der »Kameradschaft Rheinhessen«, »Die Rechte Südwest« und der »Kameradschaft Nationaler Widerstand Zweibrücken« zu sehen.

Die Gewalttätigkeit der saarländischen Nazis und ihre Nähe zu rechts­terroristischen Gruppen wie dem NEK und dem Milieu des NSU waren bekannt. Das wirft die Frage zu den Ermittlungen im Mordfall Samuel ­Yeboah auf: Warum wurde Peter S. nicht schon früher als Verdächtiger ermittelt? Ein Grund könnte sein, dass saarländische Behörden und die Lokal­politik das gefährliche Nazimilieu verharmlosten oder gar dessen Existenz leugneten. Der damalige Oberbürgermeister von Saarlouis, Alfred Fuß (SPD), sagte nach dem Brandanschlag: »Eine richtige Szene gibt es hier nicht.« Allerdings gibt es an dieser Behauptung auch seit fast 30 Jahren ­Kritik, antifaschistische Gruppen forderten stets Aufklärung und ein wür­diges Gedenken.

Dass nun, nur ein halbes Jahr nach der Wiederaufnahme der Ermittlungen durch die Generalbundesanwaltschaft, ein Tatverdächtiger ausfindig gemacht wurde, ist ein Indiz für die Fehlerhaftigkeit der früheren Ermittlungen. Im Gespräch mit der Jungle World sagte die stellvertretende Vorsitzende der Linkspartei und Sprecherin für antifaschistische Politik der Linksfraktion im Bundestag, Martina Renner, dazu: »Es ist ein offenes Geheimnis gewesen, dass Peter S. zur Tatzeit am Tatort war. Umso unverständlicher erscheint es, dass die damaligen Ermittlungen derartig schnell eingestellt wurden.« Renner führt dies auf »teils ausgeprägte Sympathien der saarländischen Be­hörden für die lokale Naziszene« und die »bagatellisierende Haltung der ­Lokalpolitik« zurück, die »ein Nährboden für Dutzende von Übergriffen und Anschlägen, die folgten«, gewesen seien. Doch nicht nur die Ermittlungsbehörden seien hierbei ins Auge zu fassen. »Vieles deutet darauf hin, dass Peter S. als V-Person für den saarländischen Verfassungsschutz tätig war und hierdurch gegebenenfalls geschützt wurde«, sagt Renner.

In den Neunzigern wurden im Saarland mehr als 20 schwere Bomben- und Brandanschläge auf von Migranten bewohnte Häuser und linke Zentren verübt. Bislang ist davon kein einziger aufgeklärt, worauf die Kulturzeitschrift Saarbrücker Hefte jüngst in einem Schwerpunkt hinwies. Selbst wenn also der Verdächtige S. angeklagt wird und es tatsächlich zu einer Verhandlung wegen Mordes kommen sollte, blieben viele Fragen und Fälle offen.