Im Gespräch mit Joseph Vogl über den Coup der Gamestop-Aktionäre

»Die Literatur ist voll von solchen Dramen«

Die Verabredung zum Kauf von Gamestop-Aktien illustriert für den Kulturwissenschaftler Joseph Vogl die derzeitige Verfasstheit des kapitalistischen Systems. Subversiv sei eine solche Aktion nicht, aber bezeichnend dafür, wie viele Menschen heute als Teilnehmer in das Finanzregime eingebunden sind.
Interview Von

Der italienische Philosoph Franco »Bifo« Berardi spricht von einer neuen »molekularen Finanzklasse«, die eine Rebellion gegen das »kapitalistische Spiel« anführe, und zwar durch Partizipation. Occupy Wallstreet habe auf der Straße gekämpft und sei deswegen gescheitert, während die redditors anscheinend als ernsthafte Kombattanten wahrgenommen werden. Ganz ähnlich beschreibt Slavoj Žižek die Taktik der Kleinanleger als subversive Überidentifikation mit der Wall Street. In Ihrem Buch »Das Gespenst des Kapitals« (2010) schreiben Sie, dass »die Kultur des Marktes« noch »Aufruhr und Anarchie als vitalen Ausdruck ihres eigenen Systems absorbieren« kann. Wie beurteilen Sie die Vorgänge um den Kauf von Gamestop-Aktien in diesem Zusammenhang?

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Ich kann an dieser Börsenburleske nichts Subversives erkennen. Allerdings hat man Finanzgeschäfte, Börsenhandel und Spekulationen insgesamt in ihrer langen Geschichte immer wieder als rebellisch oder asozial wahrgenommen, als etwas, das gesellschaftliche Ordnungen angreift und soziale Turbulenzen produziert. Ein tumulthafter Schauplatz. Und was die Verabredung von Kleinanlegern betrifft: Auch das ist nicht ganz und gar neu. Seit dem 18. Jahrhundert gab es den Handel mit Ramschaktien oder sogenannten penny stocks, die mit ihrer Volatilität anfällig waren für das pump and dump, Aufpumpen und Wegschmeißen, für künstliche Konjunkturen und Kursschübe, die nahe am Betrug angesiedelt waren. Diese Dinge waren den Börsen- und Finanzmärkten niemals fremd. Auch die Literatur ist voll von solchen Dramen, etwa in Zolas Roman »Das Geld«.

Was wäre dann das Beachtliche an den jüngsten Ereignissen?

Sie zeigen zunächst einmal, wie gegenwärtige Finanzmärkte funktionieren, und da sind drei Dinge entscheidend: zunächst dass diese Finanzmärkte, und zwar insbesondere unter der Bedingung ihrer Technifizierung, ihrer Informatisierung, ihrer Automatisierung – also mit den algorithmischen Tradings – im Wesentlichen Wertgespenster produzieren. Der niedrige Kurs von Gamestop-Aktien spiegelt ebenso wenig den Buchwert dieses Unternehmens wider wie der 1 000-prozentige Anstieg.

»Ohne Plattformen und soziale Medien – wie Robinhood, Trade Republic, Reddit, Telegram, Discord – und ohne Plattformkapitalismus wären diese Operationen nicht möglich gewesen, so wie ohne Plattformindustrie die gegenwärtige Finanzökonomie nicht möglich wäre.«

Ein zweiter Punkt, der vermutlich für Kleinanleger und die gelangweilten Leute im pandemischen Lockdown wichtig ist, war die Lockerung von Börsengesetzen und die Absenkung von Zugangsschwellen für Einzelinvestoren und day traders seit den achtziger Jahren. Es ging um die Inklusion möglichst vieler Leute samt ihrer Habseligkeiten in das Finanzregime, sei es durch Gesundheitsvorsorge oder Pensionsfonds, die auf Finanzmärkten gehandelt werden, sei es durch die Einladung zum Mitspielen durch neue Plattformen, Börsen-Apps und geringe Transaktionskosten.

Und schließlich hat sich in der gegenwärtigen Achterbahnfahrt von Kursverläufen gezeigt, dass sich das Finanzsystem durch eine strukturelle Instabilität auszeichnet, wo boosts und busts, Krisen, Crashs und anormale Ereignisse zur üblichen Funktionsweise gehören. Die Krisen sind stationär geworden, und was aktuell mit Gamestop-Aktien passiert, illustriert nur den Status und die Logik des Systems.

Handelt es sich bei dem konkreten Vorgang um ein Beispiel für die innere Widersprüchlichkeit ökonomischer Rationalität, die Sie in »Das Gespenst des Kapitals« beschreiben? Schließlich führte hier eine Prognose – die fallender Kurse – zu einem Feedback, das diese Prognose selbst ad absurdum führt und damit ein zentrales Dogma modernen ökonomischen Denkens – nämlich das des Gleichgewichts – eben als dogmatisch ausweist.

Anders als auf sandigen Rennplätzen kann man auf den Finanzmärkten durch Wetten auf Pferde die Pferde selbst vorantreiben und schneller machen. Insofern ist das Wetten auf fallende Kurse bei Leerverkäufen nicht einfach ein Wetten darauf, was passieren wird, sondern eine Aktion, die den Kursverfall wahrscheinlicher macht – in der Euro-Krise hatte das fatale Effekte bei Staatsanleihen von Schuldnerländern. Im umgekehrten Fall, wie bei der Verabredung dieses Flashmobs, ist es das Nämliche: Mit dem massenhaften Wetten auf steigende Kurse sollen Kurssteigerungen provoziert werden. Insofern funktionieren Finanzmärkte völlig anders als Glücksspiele. Es geht um die Herstellung von positiven feedbacks und um die Wirksamkeit von self-fulfilling prophecies.

Aber eines ist ganz wesentlich: Abgesehen davon, dass diese Märkte sich tatsächlich nicht über eine Tendenz zum Gleichgewicht definieren lassen, sondern eben in höchstem Maße instabil sind, zählt hier schlichtweg die Marktmacht, und das heißt: die Kapitalisierung von Hedgefonds und Investmentgesellschaften. Und vor diesem Hintergrund hatten die kleinen Leute, die hier spekuliert haben, keine Chance. Die Vorherrschaft von Unternehmen wie Blackrock oder Citadel wurde durch solche Massenaufrufe letztlich in keiner Weise gefährdet.

Für manche Hedgefonds wurde die Lage aber bedrohlich.

Die Hedgefonds, die mit ihren Leerverkäufen oder dem short selling auf fallende Kurse von Gamestop-Ak­tien gewettet haben, haben insgesamt mehr als 100 Prozent dieser Aktien ausgeliehen, es waren bis zu 140 Prozent. Das heißt: Die Spekulation auf den Niedergang war so groß, dass zwangsläufig mehr Aktien zurückgekauft hätten werden müssen, als tatsächlich vorhanden waren. Da wurde sozusagen eine Spekulationsfalle gebaut, mit dem Risiko eines short squeeze: dass gerade durch Leerverkäufe die Aktien knapp und damit teuer werden. Darin steckte die List der sogenannten Rebellen. Sie konnten die Spekulation der Hedgefonds mit deren eigenen Mitteln schlagen, weil die Aktien überzeichnet waren, was hastige Rückkäufe veranlasste. Aber das hat in keiner Weise das Finanzsystem gefährdet, im ­Gegenteil.

Sie betonen oft den moralischen beziehungsweise moralisierenden Gehalt der ökonomischen Theorien, die sie kritisch analysieren, etwa bei Friedrich August von Hayek. Passt das zu Aussagen wie etwa von Dan Davies, eines ehemaligen Ökonomen der Bank von England, der sich recht geringschätzig und pathologi­sierend über die sogenannten Reddit-Investoren geäußert hat?

Das ist nicht ganz leicht zu beantworten. Wenn man etwas weiter zurückblickt, muss man konzedieren, dass es eine sehr lange Geschichte der Diskriminierung des Geldhandels gibt. Das geht zurück auf die alten Wucherverbote, und hat auch mit antijudaischen Topoi und mit einer bestimmten Wahrnehmung des Geldhandels und des Kapitals zu tun, das immer mit dem Nichtautochthonen, dem Nichtverwurzelten, dem Internationalen, dem Ortlosen, dem Nomadischen verbunden war. Das betraf große Spekulanten ebenso wie kleine, und deswegen sind Broker immer wieder mit den Merkmalen des Wölfischen versehen, mit dem Piratenartigen, dem Raubtierartigen; das ist eine alte kulturelle Codierung, die sich auch in der Literatur niedergeschlagen hat, in der theologischen genauso wie in Dramen und in der Erzählliteratur, und zwar bis heute. Ausgehend von dieser kulturellen Codierung wird eigentlich kein großer Unterschied zwischen Hedgefonds und diesen kleinen, »verrückten« Spekulanten gemacht.

Ein zweiter Punkt ist allerdings, dass man sich sowohl in den ökonomischen Wissenschaften als auch in der Politik mittlerweile wohl damit abgefunden hat, dass die Finanzmärkte einen Großteil von politischen Entscheidungen und Regierungstechnologien in unseren Gesellschaften bestimmen. Sie diktieren, wie viel Liquidität vorhanden ist, welche Regierungen Zugang zu Kapital haben und welche mit Kapitalflucht bestraft werden, wie Staatsanleihen bewertet werden, wie Steuer- und Vermögenspolitik ausgerichtet wird, und so weiter. Da hat man sich mit einer finanzökonomischen Rationalität abgefunden, die durch so einen Fall wie den vorliegenden herausgefordert wird: Da tritt plötzlich der »Pöbel« auf und will in bestehende, transgouvernementale Ordnungen eingreifen, und das hat dann vermutlich aus der Per­spektive dieser offiziellen Beobachter etwas Unlauteres, etwas Unerhörtes.

Schließlich kommt hinzu, dass in einer liberalistischen Perspektive, herkommend eben von Autoren wie Hayek, die gegenwärtige Finanzordnung in letzter Konsequenz die beste aller möglichen Wirtschaftswelten darstellt. Und wenn dort Turbulenzen erzeugt werden, und noch dazu durch kleine Geschäftemacher, dann irritiert das natürlich das, was ich Oikodizee genannt habe. Da wird die schöne Marktordnung durch Marktteilnehmer selbst in Unordnung gebracht, und das darf theoretisch eigentlich gar nicht sein.

Der von Ihnen gewählte Begriff ­Oikodizee beschreibt, in Anlehnung an den der Theodizee, die Vorstellung, dass trotz aller Krisen die Märkte ausgleichend, selbstregulierend und gerecht wirken. Sie beenden ihr Buch »Das Gespenst des Kapitals« mit einem Plädoyer für ein Ende der Oikodizee. Andere Denker wie »Bifo« Berardi und der verstorbene Mark Fisher scheinen sich ähnlichen Themenkomplexen zugewandt zu haben. Vor allem Ihre Diskussion der Black-Scholes-Formel, eines finanzmathematischen Modells, bei dem es darum geht, aus dem ­Derivat und der Aktie kurzzeitig ein risikoloses Portfolio zu konst­ruieren, das nicht vom Kurs der Aktie abhängt, scheint mir eine Nähe zu Fisher aufzuweisen. Er sprach von einer »Wirtschaftsontologie« und der »Abschaffung der Zukunft«. Sehen Sie eine Verwandtschaft zu Ihrem Denken?

Das Auftauchen der Informationstechnologie in den sechziger und siebziger Jahren war ein Einschnitt, der drei ganz wesentliche Konsequenzen hatte. Die erste Konsequenz ist, dass die Möglichkeit geschaffen wurde, diese Finanzmärkte auch technologisch – das heißt informationstechnisch – zu implementieren. Ein zweiter damit verbundener Punkt ist, dass der Informationsbegriff damit auch ins Zentrum der Finanzökonomie gerückt ist, und man kann sagen, dass letztlich der Geldstandard von einem Informationsstandard abgelöst wurde. Das heißt: Information über Geld ist wichtiger als Geld selbst geworden. Und drittens – und das geht in Richtung Ihrer Frage – war damit ein Vorgriff auf die erwartbare Zukunft verbunden. Also die Hoffnung, dass man mit einem Formelwesen wie der Black-Scholes-Formel vergangene Erwartbarkeiten in künftige verwandeln und damit die Zukunft in irgendeiner Weise kalkulierbar machen könnte. Das entspricht gewissermaßen einem vom Marxismus dem Kapital zugeschriebenen Wunsch, nämlich dass das »automatische Subjekt« des Kapitals sich selbst automatisiert und damit Ewigkeitsanspruch anmelden kann.

Das ist die eine Seite. Es kommt aber in dem, was wir in den vergangenen Wochen beobachten konnten, etwas ganz Entscheidendes dazu, etwas, das tatsächlich eine gewisse Zäsur markiert: Das ist erstens die Fusion von Meinungsmärkten mit Finanzmärkten, die zweitens mit der neuen und ganz wesentlichen Herrschaft von Plattformen verbunden ist. Ohne Plattformen und soziale Medien – wie Robinhood, Trade Republic, Reddit, Telegram, Discord – und ohne Plattformkapitalismus wären diese Operationen nicht möglich gewesen, so wie ohne Plattformindustrie die gegenwärtige Finanzökonomie nicht möglich wäre. Kurz und thesenhaft gesagt: Die heutigen Erregungsgemeinschaften in den sozialen Medien haben ihre Urszene in den Erregungskurven von Börsenaktionen.

 

Joseph Vogl ist Literatur-, Kultur- und Medienwissenschaftler sowie Philosoph. Er hat seit dem Jahr 2006 den Lehrstuhl für Neuere deutsche Literatur: Literatur- und Kulturwissenschaft/Medien an der Humboldt-Universität Berlin inne. In seinem Buch »Das Gespenst des Kapitals« (2010) analysierte er die Wahrnehmungsweisen, Theorien und Probleme der Finanzwirtschaft. Am 18. März erscheint sein neues Buch »Kapital und Ressentiment« im Verlag C. H. Beck.