In Köln wohnen ehemalige Obdachlose in einem selbstverwalteten Haus

Plenum statt Platte

In Köln mussten Obdach- und Wohnungslose kürzlich aus einem Gebäude ausziehen, das sie vor knapp einem Jahr besetzt hatten. Mittlerweile wohnen sie in einem anderen selbstverwalteten Haus.
Reportage Von

Andre Salentin ist fertig mit den Nerven. 40 Menschen, darunter er selbst, müssen an diesem grauen Januartag ihr Zuhause verlassen. Der Umzug ist in vollem Gange, denn morgen soll das Gebäude, in dem sie knapp ein Jahr gewohnt haben, abgerissen werden. Salentin ist Vorsitzender des Vereins ­Obdachlose mit Zukunft e. V. (OMZ). Im Frühjahr vergangenen Jahres hat er zusammen mit 30 anderen Wohnungs- und Obdachlosen ein leerstehendes ehemaliges Verwaltungsgebäude am Großmarkt in der Kölner Südstadt besetzt.

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Inzwischen wurde das Gebäude, das von vielen nur OMZ genannt wurde, wie geplant abgerissen, weil es sich auf dem Gelände des geplanten Stadtquartiers »Parkstadt Süd« befand. Die Stadt Köln hat indes den Besetzern eine neue Immobilie in Köln-Deutz zugewiesen.
Am Tag des Umzugs tragen Salentin und eine Handvoll andere Bewohner Schrott, Kabel und Sperrmüll in einen Laster. Güterzüge rattern vorbei, ein Stromgenerator brummt unentwegt, lautes Hämmern schallt durch das Treppenhaus. Vor dem von Gütergleisen, alten Lagerhallen, Baustellen und Brachland umgebenen früheren Bürogebäude türmen sich Kartons, Schutt, alte Möbel und Schrott. Manche Bewohner stehen herum, rauchen und blicken trübsinnig auf das Haus, das sie verlassen müssen. Während des Umzugs, der vom Wohnungsamt der Stadt Köln organisiert und begleitet wird, bewachen Sicherheitsleute das Grundstück, um zu verhindern, dass das Gebäude erneut besetzt wird.

»Wir müssen den Druck auf die Stadtverwaltung aufrechterhalten.« Hans Mörtter, stellvertretender Vorsitzender von Obdachlose mit Zukunft e. V.

»Ich habe überall Schmerzen«, klagt Salentin während des Umzugs. »Seit Tagen schufte ich mich kaputt.« Er ist unzufrieden mit dem neuen Standort in Deutz. Das neue Haus sei zu klein, um einem solidarischen Wohnprojekt gerecht zu werden. Dort finde sich zwar Platz für die 40 Bewohner, es fehle aber an Gemeinschaftsräumen, um Plena abzuhalten sowie Werkstätten und ein Kollektivcafé aufzubauen, wie sie es vorgehabt hätten.
 

Endlich in Ruhe schlafen
Bernhard lebte, wie er sagt, lange Zeit auf der Straße, bevor er im Frühjahr vorigen Jahres in das besetzte Haus in der Südstadt zog. Er sei froh, dass die Stadt Köln ihnen überhaupt eine neue Immobilie zur Verfügung stellt. »In Deutz können wir heizen, das ging hier nicht«, berichtet er. » Dort gibt es auch mehr Sanitäranlagen.« Ähnlich sieht es Eduard, der seit dem vergangenen Sommer im alten Gebäude gewohnt hat. Er ist einer der vielen polnischen Bewohner, die ohne deutschen Pass und legales Arbeitsverhältnis durch das Raster des Sozialsystems fallen und hier gestrandet sind. »Das OMZ ist mein Zuhause geworden«, sagt er.
Das Gebäude war im Laufe des vergangenen Jahres zu einem Anlaufpunkt für Menschen wie ihn geworden. Hier konnten sie in Ruhe schlafen, hatten Privatsphäre und konnten unterschiedlichen Tätigkeiten nachgehen, auch künstlerischen. André Salentin, Bernhard und Eduard kämpfen dafür, dass der Verein ein Gebäude, in dem Menschen ohne Wohnung leben können, zur langfristigen Nutzung in Köln erhält. Aus den OMZ-Bewohnern hat sich nach und nach eine Gruppe entwickelt, die ihr Zusammenleben basisdemokratisch auf einer wöchentlichen Vollversammlung organisiert.

Die Bewohner arbeiteten mit dem Autonomen Zentrum (AZ) Köln, dem ehrenamtlich betriebenen Café »Kaffe Güzel«, dem Verein Sozialistische Selbsthilfe Köln e. V. und der Initiative »Recht auf Stadt – Köln« zusammen. Die Kölner Stadtverwaltung sah in der Besetzung einen Rechtsbruch und wollte das Gebäude räumen lassen. Viele Kölner, darunter Lokalpolitiker und Prominente, unterstützten das OMZ von Anfang an. Dieser Unterstützung war es zu verdanken, dass im vergangenen Juni eine geplante Räumung noch verhindert werden konnte, als bereits Hundertschaften der Polizei im Morgengrauen vor dem besetzen Haus angerückt waren. Danach beschloss der Rat der Stadt Köln, das OMZ bis zum Abriss des Gebäudes zu dulden und die Stadtverwaltung mit der Suche nach einem Ersatzobjekt zu beauftragen.
Das angebotene Gebäude in Deutz wies erhebliche Mängel auf und entsprach nicht den Vorstellungen der OMZ-Bewohner. Sie lehnten das Angebot der Stadt zunächst ab. Daraufhin ließ das Amt für Wohnungswesen der Stadt Köln Schimmel aus dem Gebäude entfernen und es für einen Einzug herrichten. Nach einem langen Diskussionsprozess entschied das OMZ-Plenum, das Angebot der Stadt anzunehmen.

Da das Gebäude 2023 an das städtische Wohnungsunternehmen GAG verkauft und abgerissen werden soll, hat der Rat der Stadt Köln die Verwaltung beauftragt, ein langfristig nutzbares Gebäude für das Wohnprojekt zu finden. Nach dem Umzug der OMZ-Bewohner nach Deutz sagte der Sozialdezernent der Stadt Köln, Harald Rau, einer Pressemitteilung der Stadt zufolge, er freue sich »über diesen wichtigen Schritt« und sei »dankbar für die gelungene Kooperation aller Akteure«. »Ob dieses neue und einzigartige selbstverwaltete Wohnungslosenprojekt zukunftsweisend ist, hängt nun auch davon ab, wie sich die Mitglieder des OMZ auf eine gemeinschaftlich tragfähige Zielsetzung einigen werden.«

Demonstration am Hahnentor
Am Tag des Abrisses des alten OMZ-Gebäudes haben sich rund 150 Menschen am Rudolfplatz in der Kölner Innenstadt zu einer Kundgebung gegen Obdachlosigkeit und Leerstand versammelt. Bei eisigen Temperaturen protestieren die Teilnehmer gegen den Abriss und die Untätigkeit der Stadt im Kampf gegen Obdachlosigkeit. Sie stehen vor dem Hahnentor, unter dessen Schutz ein Obdachloser sein Zelt aufgeschlagen hat. In der Nähe ist ein paar Tage zuvor ein Obdachloser tot aufgefunden worden, offenbar war er bei Minusgraden erfroren.

Für die Protestierenden ist das ein Skandal: Während viele Menschen in Köln auf der Straße leben und durch die Kälte sowie die Covid-19-Pandemie ­besonderen Gefahren ausgesetzt sind, wird ein Gebäude abgerissen, das Obdachlosen Schutz bot. Über Lautsprecher tragen Obdachlose, OMZ-Bewohner, die Sozialistische Selbsthilfe, das »Kaffe Güzel« und das AZ Redebeiträge vor. ­Junge und alte Menschen stehen unter dem wegen der Covid-19-Pandemie geltenden Abstandsgebot zusammen und halten Transparente hoch. Die ehemals obdachlose Sängerin und Songschreiberin Krazy spielt auf ihrer Gitarre und singt Lieder über das Leben auf der Straße.

Auch Hans Mörtter nimmt an der Kundgebung teil. Der Pfarrer der Kölner Lutherkirche zählte zu den ersten Unterstützern der Wohnungslosen und ist inzwischen stellvertretender Vorsitzender des Vereins. Er hat gute Kontakte in die Kölner Politik und nutzte seinen Einfluss, um sich für den Erhalt des OMZ einzusetzen. »Der Umzug ist nur eine Zwischenlösung«, sagt Mörtter. »Wir haben die schriftliche Garantie, dass wir ein alternatives Gebäude bekommen, in dem selbstverwaltetes Leben und Arbeiten für die Bewohner möglich ist.« Das sei im neuen Gebäude nicht der Fall. Der Verein fordert deshalb, zusätzlich Räume für einen Versammlungsraum, eine Werkhalle, eine Kunstwerkstatt, ein Café und eine Sporthalle gestellt zu bekommen.

»Wir müssen den Druck auf die Stadtverwaltung aufrechterhalten«, sagt Mörtter. Seine Idee ist es, in Zusammenarbeit mit dem Kölner Sozialamt ein Modellprojekt zu schaffen, das in anderen europäischen Großstädten adaptiert werden kann. Er ist auch Vorsitzender des Vereins Vringstreff e. V., eines freien Trägers der Wohnungslosenhilfe in Köln, der seit vergangenem Jahr nach dem Konzept »Housing First« arbeitet. Dieses sieht vor, dass Wohnungslose ohne Vorbedingungen eine mietvertraglich abgesicherte Wohnung erhalten. Im Haushalt 2020/2021 der Stadt Köln sind 5,4 Millionen Euro für Housing-First-Projekte vorgesehen.
 

Rollrasen für Kapitalinteressen
Jürgen ist seit Jahren obdachlos. Auf der Kundgebung am Rudolfplatz berichtet er davon, dass das Leben auf der Straße sich in der Pandemie verschlimmert habe. »Viele Obdachlose wollen nicht in den Notunterkünften übernachten«, erzählt er während seines Redebeitrags. »Man wird morgens raus­geschmissen, darf keine Haustiere mitbringen und muss mit fremden Menschen auf engem Raum in einem Zimmer schlafen.« Der Mann Mitte 40 berichtet davon, wie Spenden und Unterstützungsangebote durch die Pandemie wegfielen. Das Ordnungsamt und die Polizei drangsalierten obdachlose Menschen, wenn sie sich mit mehr als zwei Personen auf Plätzen oder in U-Bahnstationen aufhielten oder öffentlich Alkohol konsumierten.

Auch OMZ-Bewohner Spikey beschreibt während der Protestversammlung, wie erbarmungslos das Leben auf der Straße in Zeiten der Pandemie ist. Weil viele öffentliche Waschsalons derzeit geschlossen seien, könnten sich viele Obdachlose nicht einmal mehr waschen, erzählt der junge Mann mit Irokesenhaarschnitt und zerrissenen Jeans. »Viele Menschen kriegen keine Arbeit, weil sie wohnungslos sind, und viele Menschen bekommen keine Wohnung, weil sie arbeitslos sind«, sagt er. »Das ist ein Teufelskreis.« Mit seinen Mitstreitern vom OMZ will er diesen Teufelskreis durchbrechen. Spikey ärgert sich über den Abriss: »Das OMZ hätte gut in die neue Parkstadt Süd gepasst.«

Doch das sieht die Stadt Köln anders. Im Großprojekt »Parkstadt Süd« sollen neben rund 3 300 Wohneinheiten auch etwa 4 200 Arbeitsplätze sowie soziale Infrastruktur in Form von Kitas, Schulen und eines Sportparks entstehen, wie das Sozialdezernat der Stadt Köln auf Anfrage der Jungle World mitteilte. Dieser Raum soll der Stadt Köln zufolge der gesamten Stadtgesellschaft zur Verfügung stehen, innerstädtische, wohnortnahe Grünflächen schaffen und die übliche Quote von 30 Prozent sozialem Wohnungsbau einhalten.

Kritiker sehen in der Parkstadt Süd ein Prestigeprojekt, das Kapitalinteressen bedient. Räume wie das AZ, das »Kaffe Güzel« und der Stadtgarten Neuland werden dadurch gefährdet. »Die Parkstadt Süd ist ein Luxus- und Verdrängungsprojekt für die Fans von Rollrasen und teuren Neubauten«, sagt Sabrina Purple, die Sprecherin des AZ. »Für die Stadt hätte es kaum besser laufen können: Das OMZ steht diesem Großprojekt nun nicht mehr im Weg.« Purple befürchtet, dass den Bewohnern des OMZ, nachdem sie das alte Gebäude verlassen haben, das Druckmittel gegenüber der Stadt fehlt und die Besetzer kein Haus zur langfristigen Nutzung erhalten könnten.
Ein Baumhaus in Deutz

Im neuen Haus des OMZ herrscht geschäftige Betriebsamkeit. Inmitten von Bahntrassen und Hauptverkehrsstraßen steht das Gebäude etwas verloren da. André Salentin, der mehrere Jahre im Hambacher Forst lebte, baut vor dem neuen OMZ-Gebäude ein Baumhaus, um mehr Platz zu haben. Eduard trägt einen Maleranzug und streicht die Flurwände in strahlendem Weiß, andere Bewohner wuseln umher und putzen. »Wir leben uns gerade erst ein«, sagt Gabriel. Der Gärtnermeister lebte, wie er sagt, vier Jahre lang auf der Straße, bevor er vergangenen Sommer zum OMZ stieß und blieb. »Wir sind noch in der Probezeit«, sagt der Mann mit Bart und Schiebermütze.

Gabriel berichtet davon, wie schwierig es sei, die Bewohner und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse zusammenzubringen und in einem basisdemokratischen Plenum zu organisieren. Viele hatten bislang keine Erfahrung mit selbstverwalteten Strukturen. »Einige Bewohner haben sich erst über das OMZ politisiert«, erzählt Akiko Ahrendt. Die Musikerin unterstützte das OMZ von Anfang an und engagiert sich seit Monaten im Plenum des Projekts.
»Wir sind über jede Unterstützung dankbar«, sagt Gabriel. »Das OMZ ist ein sehr gemischter Haufen. Anfangs ging es viel drunter und drüber. Es war sehr chaotisch und kam zu Gewalt.« Auch mit der Unterstützung von außen will das OMZ der Stadt beweisen, dass ihr Projekt dauerhaft funktionieren kann. »Die Idee vom selbstverwalteten Wohnen darf nicht aufgegeben werden«, betont Ahrendt.

»Wir sind keine typischen Hausbesetzer«, sagt Gabriel. »Wir haben nicht aus einer politischen Haltung, sondern aus sozialer Not heraus gehandelt.« Obwohl die Zukunft ihres Vorhabens ungewiss ist, träumen die OMZ-Bewohner weiterhin von einem selbstbestimmten Leben in einem langfristig nutzbaren, selbstverwalteten Hausprojekt. Einige sagen, sie wollten ein Vorbild für ähnliche Projekte in anderen Städten sein.