In Budapest sorgt ein Denkmal für Opfer des Zweiten Weltkriegs für Streit

Ein Denkmal für die Mörder

In Ungarn hat ein Dokumentarfilm eine Diskussion über ein Denkmal im zwölften Budapester Bezirk ausgelöst. Auf der Statue waren die Namen von Opfern und Tätern der Morde zu lesen, die die faschistischen Pfeilkreuzler während des Zweiten Weltkriegs begangen haben.

In Ungarn ist erneut eine Diskussion über ein Denkmal entbrannt, über das bereits seit Jahren immer wieder gestritten wird. Es handelt sich um einen kupfernen Greifvogel, der an einer Hauptverkehrsstraße im zwölften Bezirk von Budapest auf einem Steinsockel steht. Ausgelöst hat die Diskussion der frei zugängliche Dokumentarfilm »Ein Denkmal für die Mörder« (»A gyilkosok emlékműve«), den das Nachrichtenportal 444.hu auf Youtube mit englischen Untertiteln veröffentlicht hat. Der Film klärt über die Verbrechen auf, die in dem Bezirk ansässige Pfeilkreuzler verübten, also Anhänger der von 1935 bis 1945 unter verschiedenen Namen bestehenden Partei der ungarischen Nationalsozialisten.

In Parteihäusern der faschistischen Pfeilkreuzler wurden systematisch Menschen gequält und ermordet.

Der dargestellte Vogel, der Ähnlichkeiten mit Adler und Falke aufweist, ist aus der ungarischen Mythologie als »Turul« bekannt. Er soll der Landesmutter Emese im Traum erschienen sein, sie darin geschwängert und auf diese Weise die Geburt von Álmos prophezeit haben, des mythologischen ­Urvaters des ersten ungarischen Königshauses. Während des Ersten Weltkriegs war er erstmals auf Auszeichnungen und Orden der ungarischen Streitkräfte abgebildet. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war er oft auf Denkmälern für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs zu sehen.

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Die Turul-Statue im zwölften Bezirk ließ der damalige Bezirksbürgermeister der rechtskonservativen Partei Fidesz, György Mitnyan, 2005 ohne Baugenehmigung der Stadtverwaltung als Denkmal für die, wie es in der Ausschreibung des Bezirks für das Denkmal hieß, »im Zweiten Weltkrieg heldenhaft gefallenen Bürger des zwölften Bezirks« aufstellen. In den Sockel wurden 1 132 Namen von vermeintlichen zivilen und solda­tischen Kriegsopfern aus dem Bezirk eingelassen.

Das rechte und ultranationalistische Lager sah in der Aufstellung des Denkmals einen Bruch mit dem sozialistischen Tabu, der gefallenen Soldaten und zivilen Opfer des Zweiten Weltkriegs zu gedenken, und begrüßte die Wieder­aneignung des Turul als Symbol der Stärke, Freiheit und Einheit Ungarns. Kritiker, darunter der damalige Oberbürgermeister von Budapest, Gábor Demszky von der liberalen Partei ­Szabad Demokraták Szövetsége (Bund freier Demokraten), sahen in dem Denkmal eine zynische erinnerungspolitische Provokation und forderten seine sofortige Entfernung. Denn von 1919 bis 1945 war der Turul ein Leitsymbol antisemitischer und faschistischer Organisationen und auch eines der wichtigsten Symbole der Pfeilkreuzler. Im zwölften Bezirk von Budapest machten die Pfeilkreuzler von Oktober 1944 bis Februar 1945 Jagd auf Juden und Andersdenkende und verübten mehrere Massenmorde in der unmittelbaren Umgebung des heutigen Denkmals.

Im Oktober 2006 wurde Zoltán ­Pokorni (Fidesz) zum neuen Bezirksbürgermeister gewählt. Er machte die Bewahrung des Denkmals zu seiner Herzensangelegenheit und inszenierte den Konflikt mit der Stadtverwaltung als einen Kampf um nationale Selbst­behauptung gegen die seiner Ansicht nach in Ungarn bestehende linkslibe­rale kulturelle Hegemonie. Stadtratssitzungen wurden von Fidesz-Unterstützern und Neonazis gesprengt, Demszky erhielt Morddrohungen. Der Rechtsstreit über das Denkmal zwischen Bezirks- und Stadtverwaltung endete 2010, als Viktor Orbán (Fidesz) zum zweiten Mal ungarischer Ministerpräsident wurde. Eine der ersten Amtshandlungen seiner neuen Regierung bestand darin, ein Gesetz beschließen zu lassen, das das Denkmal legalisierte.

Daraufhin begannen Anwohner, Journalisten und Historiker, die Geschichte des Bezirks während der ­letzten Monate des Zweiten Weltkriegs und die der Personen, deren Namen auf dem Denkmal zu lesen waren, zu recherchieren. Zu den Ergebnissen zählte ein Ende 2019 in der Zeitschrift Mozgó Világ veröffentlichter Artikel des Journalisten László Rab, der die Geschichte von József Pokorni schilderte, dessen Name ebenfalls auf dem Denkmal stand und der der Großvater Zoltán Pokornis war. Der Artikel zeigt mit Hilfe von Prozessakten aus der Nachkriegszeit, dass der Elektriker József Pokorni entscheidenden Anteil an drei Massenerschießungen in zwei jüdischen Krankenhäusern und einem jüdischen Altenheim im zwölften Bezirk hatte.

Infolge dieser Veröffentlichung sprach Zoltán Pokorni im Januar vorigen ­Jahres bei einer Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Pfeilkreuzlermorde im zwölften Bezirk unter Tränen über die Verbrechen seines Großvaters, die ihm bislang unbekannt gewesen seien. Er entschuldigte sich dafür, dass der Name eines Massenmörders auf dem Denkmal gelandet war, und versprach, »einige Angelegenheiten in Ordnung zu bringen«. Kurze Zeit später ließ er den Namen seines Großvaters von dem Denkmal entfernen.

Eine Historikerkommission fand heraus, dass unter den Namen auf dem Denkmal mindestens 21 Pfeilkreuzler und mindestens vier Personen waren, die nachweislich an Mordaktionen beteiligt waren. Unter den Namen befanden sich demnach auch die von jüdischen Bürgern des Bezirks, die von den Pfeilkreuzlern ermordet oder im Zwangsarbeitsdienst an der Front umgekommen waren. Täter und Opfer stehen also nebeneinander auf dem Sockel und seien, so die zynische Aussage des Denkmals, gleichermaßen als Helden für die ungarische Nation gestorben.

Die Bezirksabgeordnetenversammlung des zwölften Bezirks beschloss im Sommer vorigen Jahres mit den Stimmen der Fidesz-Fraktion unter Enthaltung von Pokorni, die Namen von dem Turul-Denkmal entfernen und es zu einem Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs umgestalten zu ­lassen. Bei dieser Sitzung der Bezirksabgeordneten wurde der Journalist und Videoproduzent Dániel Ács von 444.hu auf die Affäre um das Denkmal aufmerksam. Er nahm Kontakt zu Rab, den Historikern György Frisch, Laura Csonka und Krisztián Ungváry sowie dem Schriftsteller Gábor Zoltán auf, die bereits umfassend zu dem Pfeilkreuzlerterror gearbeitet hatten. Aus ihrer Zusammenarbeit entstand der Dokumentarfilm »Ein Denkmal für die Mörder«.

Dieser schildert die Geschichte des zwölften Bezirks in den letzten Kriegsmonaten mit Hilfe von Dokumenten und Interviews. Außerdem wird am Beispiel der Turul-Affäre gezeigt, wie losgelöst die Aussage des Denkmals von den konkreten Geschehnissen ist. Die Zuschauer erfahren, wie ganz normale Kleinbürger aus dem Bezirk wie Pokorni, der Gewürzhändler ­Ferenc Megadja und der Pfarrer András Kun zu Mitgliedern der Pfeilkreuzler wurden, die systematisch ihre Nachbarn ermordeten. Es wird deutlich, dass der Bezirk die wichtigste Machtbasis des Pfeilkreuzlerregimes in Budapest bildete und die hier ansässigen Parteimitglieder besonders brutal vorgingen. Sie führten Csonka zufolge mindestens 1 300 Menschen an das Donauufer und ermordeten sie dort kaltblütig.

Den wohl wichtigsten Teil des Films bilden Ausschnitte aus einem Zeitzeugengespräch mit der 2006 verstorbenen Shoah-Überlebenden Hanna Szegő, das die an der University of Southern California angesiedelte USC Shoah Foundation aufgezeichnet hat. Darin berichtet Szegő, wie sie als Schwangere im Dezember 1944 in das Parteihaus der Pfeilkreuzler in der Városmajor-Straße 37 verschleppt und gezwungen wurde, zuzusehen, wie Kun und Megadja Häftlinge auf so brutale Art misshandelten und quälten, dass sie vom bloßen Zusehen das Bewusstsein verlor.

Auch im zweiten Parteihaus der Pfeilkreuzler in der Németvölgyi-Allee wurden systematisch Menschen gequält und ermordet. Nachdem die Pfeilkreuzler in das jüdische Krankenhaus in der Maros-Straße eingefallen waren und alle 92 jüdischen Insassen einschließlich des Personals ermordet hatten, verschleppten sie fünf Krankenschwestern hierher, missbrauchten sie sexuell, folterten sie auf brutalste Weise und ermordeten sie im Garten der Stadtvilla. Mit Hilfe von Drohnenaufnahmen zeigt der Film, dass die Schauplätze der Morde nur einen Steinwurf von dem heutigen Denkmal entfernt sind; im Falle des zweiten Parteihauses sind es nur 50 Meter.

Nach der Veröffentlichung des Films entbrannte erneut eine Diskussion über das Denkmal und die Rolle des Bezirksbürgermeisters. Selbst die ­regierungsnahen Medien kamen nicht umhin, das Thema aufzugreifen. Pokorni, der die Möglichkeit, in dem Film zu Wort zu kommen, mehrfach ausgeschlagen hatte, bezeichnete den Film als tendenziös und als Teil einer poli­tischen Kampagne gegen ihn. Die Bezirksverwaltung habe von der Idee Abstand genommen, die Turul-Statue zu einem Denkmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs umzugestalten. Stattdessen solle sie nun »als bloßer Gegenstand« ausgestellt werden, Informationstafeln sollen über ihre Geschichte aufklären. Der von vielen Liberalen und Linken geforderte Abriss des Denkmals komme für ihn nicht in Frage, weil er als Bezirksbürgermeister auch die ­Interessen derjenigen berücksichtigen müsse, deren Nationalgefühl hierdurch verletzt würde.

Dass die rechte Fidesz trotz allem an der Turul-Statue festhält, überrascht kaum. Denn der Turul ist das Symbol eines völkischen Nationalismus, der auf den Ausschluss von Juden, Roma und sonstigen Anderen zielt, tief in der ungarischen Gesellschaft verankert ist und von der Fidesz systematisch politisch instrumentalisiert wird. Noch wichtiger dürfte sein, für welchen Umgang mit der Geschichte der Turul steht, nämlich für die Verklärung aller noch so komplexen und widersprüchlichen ­Geschehnisse zu der einheitlichen Erzählung, dass die ungarische Nation stets das Opfer fremder Großmächte gewesen sei. Angesichts der von außen eindringenden Übel hätten die Ungarn ihre Unschuld bewahrt und sich gleichzeitig tapfer geschlagen.