Das Verhältnis zwischen ­Vereinen und Fans im Profifußball ist zerrüttet

Fußball gegen die Fans

Auch während der Pandemie verhalten sich die Vereine des Profifußballs verantwortungslos. Bei vielen Fans stößt das auf Unverständnis.

Am 11. Februar gelang dem FC Bayern München sein Meisterstück: Mit dem Gewinn der Clubweltmeisterschaft im katarischen Al-Rayyan sammelte der Verein seinen sechsten Titel innerhalb von nicht einmal acht Monaten ein. Man habe sich berufen gefühlt habe, tönte Aufsichtsratsmitglied Uli Hoeneß großspurig, als Vertreter des gesamten deutschen Fußballs anzutreten. Doch das Interesse an den Finalspielen blieb in Deutschland gering. Denn selbst dem glühendsten Anhänger dürfte das realitätsfremde Gebaren der Münchner in den vergangenen Wochen übel aufgestoßen sein.

»Bis heute stellt der Fußball öffentlich unter Beweis, dass die vorgebrachte Demut und Selbstkritik nur Mittel zum Zweck waren – ein Vorwand, um während und nach der Pandemie genauso weitermachen zu können wie bisher.« Fanvereinigung »Unsere Kurve«

Der kurze Ausflug ins Covid-19-­Risikogebiet Katar ohne umfassende Quarantänemaßnahmen für die Spieler im Vor- oder Nachhinein –während sich die Bundesrepublik seit Wochen im Lockdown befand – war insgesamt keine gute Werbung für den landläufig als arrogant und ab­gehoben geltenden Verein. Wenn das vermeintliche Aushängeschild des deutschen Fußballs auf Reisen geht, scheint es jede Menge Vorzüge zu ­erwarten. Über einen »Skandal ohne Ende« schimpfte beispielsweise Hoeneß, als die Bayern eine mehrstündige Verspätung auf dem Hinflug zur Club-WM hinnehmen mussten. Der Maschine der Münchner war die Starterlaubnis nicht erteilt worden, weil am Flughafen Berlin-Brandenburg wenige Minuten zuvor das nächtliche Flugverbot in Kraft getreten war. Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge witterte eine Verschwörung: »Man hatte immer den Eindruck, in Brandenburg ist einer, der den FC Bayern nicht mag.« Er bezeichnete das Prozedere als »Slapstick«.

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An seiner ganz eigenen Slapstick-Nummer arbeitete Rummenigge anschließend auch in Katar fleißig ­weiter. Seit Wochen trägt er während der wöchentlichen Stadionbesuche die vorgeschriebene Maske konsequent unterhalb der Nase – und scheint von der miserablen Außenwirkung solcher Auftritte nichts ­wissen zu wollen. Dennoch erdreistete er sich während der Club-WM, eine vorzeitige Impfung seiner Spieler zu fordern. »Wir wollen uns überhaupt nicht vordrängen«, sagte er dem Fernsehsender Sport 1, »aber Fußballer können als Vorbild einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.«

Als Vorbild taugten bisher weder Fußballer noch Rummenigge. Als dieser bereits 2013 die Geschäftsbeziehungen der Bayern in Katar in­tensivierte, entdeckten Zöllner bei der Rückreise zwei illegal eingeführte Rolex-Uhren im Gepäck Rummenigges. Er musste deswegen schließlich fast 250 000 Euro Strafe zahlen. An den regelmäßigen Besuchen im Emirat änderte das nichts. Seit über zehn Jahren schon schlägt der FC Bayern zum Wintertrainingslager im Wüstenstaat auf – gänzlich unbeeindruckt von der schlechten Menschenrechtslage im Land und der Kritik an diesen Reisen (Mia san mia). Während der Club-WM brachten Bayern-Fans folgerichtig ein Plakat an der Arena der Münchner an, auf denen das Engagement des Vereins am Persischen Golf scharf kritisiert wurde.

Besonders verantwortungsvoll verhielten sich auch viele Fußballer in der Coronakrise bisher nicht. Dass sie für ihre Spiele kreuz und quer durchs Land reisen und die Zahl der infizierten Profis überdurchschnittlich hoch ist, ist zwar eher den Fußballverbänden als den Spielern selbst anzulasten. Anfang des Jahres fühlte sich kurioserweise gar der Zentralverband Friseurhandwerk dazu gezwungen, in einem an den Präsidenten des Deutschen Fußballbunds gerichteten Brief an das »Privileg« zu erinnern, »dass der Profifußball trotz einer Pandemie weiterhin stattfinden darf«. Man sei verwundert, dass trotz Lockdowns »ein Großteil der Fußballprofis sich mit frisch geschnittenen Haaren auf dem Platz präsentierte«.

Hinzu kommen Verstöße einzelner Spieler gegen die Pandemievorschriften. Der Spieler Breel Embolo etwa wurde von seinem Verein Borussia Mönchengladbach gesperrt, nachdem er Medienberichten zufolge auf einer illegalen Party gefeiert hatte. Der Wolfsburger Spieler Wout Weghorst äußerte sich in einem Ins­tagram-Post impfskeptisch.

Für eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen dem Profifußball und seinen Anhängern spricht deshalb gegenwärtig wenig. Zu Beginn der Pandemie vor etwa einem Jahr hatten viele Fans noch die leise Hoffnung auf Reformen, zu denen die Krise das aufgeblähte Fußballgeschäft vielleicht bringen könnte. Mit der ­Initiative »Unser Fußball« ergriffen zahlreiche Fanclubs und -bündnisse Partei für eine wirtschaftlich und ökologisch sinnvollere sowie inklusive Neuorganisation des Fußballs (Ein Sport für alle).

Anfang Februar stellte die Deutsche Fußballliga die Ergebnisse einer »Taskforce Zukunft Profifußball« vor. Demnach soll sich der deutsche Fußball bis zum Jahr 2030 unter ­anderem verstärkt um seine gesellschaftliche Verantwortung, um wirtschaftliche Vernunft und Demokratisierung sowie um eine Förderung des Frauenfußballs und Geschlechtergerechtigkeit bemühen. Fanvertreter, die an der Arbeitsgruppe beteiligt waren, kritisierten, dass das Abschlusspapier trotz produktiver Diskussionen in dem Gremium wenig verbindlich sei. Es überwiegt die Skepsis, welchen Wert die Beteuerungen der Fußballfunktionäre haben werden. Die Fanvereinigung »Unsere Kurve« kommentierte: »Bis heute stellt der Fußball öffentlich unter Beweis, dass die vorgebrachte Demut und Selbstkritik nur Mittel zum Zweck waren – ein Vorwand, um während und nach der Pandemie genauso weitermachen zu können wie bisher.«

Doch nicht nur in Deutschland regt sich Widerwille gegen die Ignoranz des Profifußballs gegenüber den Fans. Erstmals taten sich kürzlich ­Initiativen aus ganz Europa zusammen, um in einer gemeinsamen Erklärung ihre Ablehnung einer europäischen Superliga zu verkünden. Regelmäßig tauchten in den vergangenen Jahren Berichte auf, wonach die Profivereine des Kontinents die Etablierung eines paneuropäischen Wettbewerbs und ihren Ausstieg aus dem gewohnten nationalen Ligasystem vorbereiten. Das würde ihnen wahrscheinlich auf Jahre weitere millionenschwere Gewinne sichern – und das kapitalistische Hauen und Stechen im Profifußball auf ganz neue Ebenen heben. Nicht zuletzt wird auch Rummenigge immer ­wieder als Befürworter einer solchen Idee genannt. Die europäische Faninitiative beurteilt das Vorhaben hingegen als »zutiefst ungerecht«. Während »eine Handvoll Clubs« im Geld schwimme, stehe andernorts der Breitenfußball »am Rande des Zusammenbruchs«.

An der Umstrukturierung des Fußballs zu Lasten der Fans und des Breitensports arbeitet auch der europäische Fußballverband Uefa eifrig mit. Mitte Februar wurde bekannt, dass in der Champions League offenbar bald in einer einzigen Liga gespielt werden soll – ganz wie in einer europäischen Superliga. Die für den Sommer angesetzte Europameisterschaft soll trotz der Pandemie in insgesamt zwölf Ländern stattfinden. Dieser Tage finden zudem einzelne internationale Spiele in der Champions und Europa League in Drittländern statt – weil die Einreisebestimmungen an den ursprünglich vor­gesehenen Spielorten im Weg standen. RB Leipzigs Spiel gegen den FC Liverpool etwa wurde nach Budapest verlegt. Nur wenige Fans dürften das gutheißen.