Sport ist auch eine Welt der Gerüche

Die Nase pumpt mit

Wo Sport getrieben wird, wird immer auch gestunken. Eine olfaktorische Sozialraumanalyse des Sports.

Seit das Robert-Koch-Institut die Störung des Geschmacks- und Geruchssinns offiziell als Symptom einer Infektion mit Sars-CoV-2 aufführt, kam es in Fragen der Geruchserfahrung zu einer diskursiven Ver­schiebung. Die Antwort auf die Frage »Kannst du riechen?« diente in den vergangenen Monaten als Indikator für den Infektionsstatus.

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Das Nachdenken über die Olfaktorik, also den Geruchssinn, stellt ein Desiderat in der Kulturtheorie, aber auch in der philosophischen Ästhetik dar. Die Philosophin Mădălina Diaconu legt in ihrem Text »Ein Versuch über den Geruch« dar, dass der Geruchssinn »aufgrund seiner Sprach­armut und seiner starken Subjekti­vität, seines unbegreiflichen Wesens, seiner animalischen Triebhaftigkeit, Flüchtigkeit« und »wegen seiner angeblich schwachen gesellschaftlichen Nützlichkeit« von der Mehrheit der Philosophen außer acht gelassen worden sei. Eine Ausnahme war Ludwig Feuerbach, der gegen Hegel ­betonte, dass der Geruchssinn es vermöge, »sich von seiner tierischen Funktion zu befreien und sich zu selbständiger, zu theoretischer Bedeutung und Würde zu erheben«.

Die Problematik des Gestanks im Fitnessstudio wird keineswegs ignoriert, sondern ist Gegenstand verschiedenster Fachdisziplinen.

Flaniere man durch eine moderne Großstadt, seien, so Diaconu, unterschiedlichste Gerüche wahrnehmbar: An einer Tankstelle rieche es anders als in einem Antiquariat, in einem Amt anders als in einer Turnhalle. Sigmund Freud weist in »Das Unbehagen in der Kultur« darauf hin, dass »Unsauberkeit jeder Art« mit der Kultur unvereinbar erscheine und der menschliche Körper deshalb der »Forderung der Reinlichkeit« ­unterworfen werde. Generell nähmen, so der Begründer der Psychoanalyse, »Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung« eine herausragende Stellung unter den Kulturanforderungen ein, was wiederum zur Unterdrückung, mindestens aber Gängelung olfaktorischer Impulse führe. Doch wirken sie in sublimierter Form fort; so biete die kognitive Verbindung von Riechen und Erinnern die Möglichkeit, frühere Erfahrungen und gegenwärtige Geruchsempfindungen zu verknüpfen. Daran anschließend schrieb der französische Schriftsteller Blaise Cendrars: »Mit geschlos­senen Augen erkenne ich alle Länder an ihrem Geruch.«

Doch wie verhält es sich olfaktorisch mit den öffentlichen Sport­stätten der Gegenwart? Erkennt man verschiedene Typen an ihrem Geruch? Schwimmbäder oder Fitnessstudios sind, folgt man den Annahmen Diaconus über das Verhältnis von Raum und olfaktorischer Erfahrung, konkrete, gar qualitative Orte: »Der Ort ist der Geruch selbst.«

Das Fitnessstudio, oft Epizentrum infernalischer Verhaltensweisen, versammelt verschiedene Düfte und Aromen, die bei durchschnittlich ­riechen könnenden Sportlern regelmäßig einen Eindruck des Ekels ­hinterlassen. Betritt man den Freihantelbereich, kommt einem unvermittelt ein Schweißgeruch entgegen, der an Buttersäure erinnert. Schweiß an sich ist geruchsneutral, doch verbinden sich Bakterien auf der Haut mit ihm, zerteilen langkettige Fettsäuren in Moleküle wie beispielsweise Buttersäure – und es fängt an zu stinken. Sekundiert wird diese olfaktorische Sinneswahrnehmung von einer auditiven und visuellen: Augen und Ohren nehmen stöhnende, zähneknirschende passiv-aggressive Personen, vornehmlich Männer, und das bedrohliche Geräusch aneinanderreibender Metallgewichte wahr.

Unabhängig vom Bereich – Freihantel, Geräte, Cardio – setzt sich im Fitnessstudio ein Geruch durch: Moschus, insbesondere die Deovariante eines bekannten Herstellers, der in der Produktbeschreibung ein aufregendes Bouquet aus »spritzigen erfrischenden Tönen von Limone und Lavendel« und »Blumenakkorden, Moschus, Amber« verspricht. Um sich eine Vorstellung des in Studios und den zugehörigen Männerumkleiden dominierenden Geruchs zu machen, hilft eine nähere Betrachtung der Kun­denrezensionen des Produkts auf der Website des Herstellers: »Lang anhaltender, edler und maskuliner Duft. Für den Preis absolut perfekt.« Oder: »Der langanhaltende Duft ist sehr angenehm und männlich. Gehe nicht mehr ohne aus dem Haus.« Der Fitnessvollzug hat wenig mit den von Freud analysierten Kulturan­forderungen der »Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung« zu tun.

Die Problematik des Gestanks im Fitnessstudio wird keineswegs ig­noriert, sondern ist Gegenstand verschiedenster Fachdisziplinen. In ­Juraforen debattiert man beispielsweise darüber, ob Vertragskündi­gungen wegen Schweißgeruchs im Studio rechtssicher seien. Online-Händler verkaufen spezielle Raumdüfte, um den beschriebenen olfak­torischen Zumutungen entgegenzuwirken und das Fitnessstudio – frei nach Freud – desodorierend mit der Kultur zu versöhnen. Ein Anbieter bewirbt seine Produkte nicht mit Appellen an das geruchsästhetische Empfinden, sondern mit dem Hinweis auf ökonomische Vorteile: »Die Mitarbeiter sind bestens geschult, die Geräte neu oder perfekt instand. Doch der richtige Wohlfühlfaktor kommt durch Duft. Er lässt unreine Gerüche verschwinden, die bei der körperlichen Betätigung entstehen. So haben die Kunden mehr Vertrauen, kommen öfter und bleiben länger. Weil sie durch Raumduft motivierter sind, haben sie größere Erfolge in Ihrem Fitnesscenter. Auch in Bereichen wie Wellness, Sauna oder Reha empfiehlt sich ein Duft. An der Bar steigert fruchtiger Raumduft den Umsatz.«

Eine weitere olfaktorisch bedeutsame Sportstätte ist das Hallenbad. Obgleich man als Besucher dem Eindruck erliegt, dass es nach Chlor stinke, stellt sich die Realität anders dar: Chlor ist – verdünnt im Wasser – nahezu geruchlos. Der Geruch, der die Luft schneidet, entsteht durch eine chemische Verbindung aus Chlor und Harnstoff, dem sogenannten Trichloramin. Da wahlweise Kinder oder ambitionierte Leistungsschwimmer auf der Schnellschwimmerbahn – sie pinkeln lieber in den Speedo-Anzug, anstatt das WC aufzusuchen, um die Zeitmessung nicht negativ zu beeinflussen – bis zu sechs Gramm davon im Wasser hinterlassen, kann man es schmecken und auch riechen.

Während der Schweißgeruch im Kraftraum nur Ekel hervorruft, ist die Trichloraminverbindung nach Angaben des Bundesumweltamts gesundheitsschädlich. In einer Bekanntmachung mit dem Titel »Gesundheitliche Bewertung von Trichloramin in der Hallenbadluft« aus dem Jahr 2011 heißt es: »Reizerscheinungen der Augenbindehäute, der Nasen- und Rachenschleimhäute sowie der unteren Atemwege stellen die Hauptwirkung von Trichloramin in der Luft bei akuter und chronischer Exposition dar.«

Verglichen mit den Zuständen in Umkleidekabinen von Fitnessstudios genügen die Gegebenheiten in Umkleidebereichen von Schwimmbädern eher dem Freud’schen Reinlichkeitspostulat: Statt nach Moschus duftet es hier nach dem Duschgel »Sebamed Sportdusche 2 in 1«, einem von der Deutschen Sporthilfe bewor­benen medizinischen Hautpflegeprodukt.

Da der Geruchssinn, so Diaconu, nicht lediglich einer Orientierung in der Welt, sondern ebenso der Selbsterkenntnis diene und sich mit dem Unbewussten verbinde, leiste er ­einen »wesentlichen Beitrag zur Kon­stitution des Subjektes«. Sie schreibt hierzu: »Die Bedeutung der Gerüche ist nicht nur kulturell, sondern auch individuell bedingt durch die spezifische Lebenserfahrung des Einzelnen.« Der Geruchssinn ist in den gesellschaftlichen Apparat eingespannt: Das Riechen erfolgt niemals isoliert, sondern in einem gegenwärtigen und einem vergangenen Kontext. In der Schwimmumkleide erinnert der Duft des medizinischen Hautpflegeprodukts beispielsweise an Leistungsfähigkeit und Wettkämpfe.

Auch an anderen Orten wird es anstrengend für die Nase: Unange­nehme Gerüche im Boxring (schweißnasse Handschuhe, Thai-Creme), beim Amateurfußball (Leergut in der Umkleide, verschwitzte Fuß­ballschuhe), beim Surfen (nasser Neopren) und viele weitere Beispiele ­verdeutlichen: Die Forderung nach »Schönheit, Reinlichkeit und Ordnung« und der Sport passen nicht gut zusammen.