Clubs in Berlin wollen trotz Pandemie wieder öffnen

Smartes Raven gegen Stillstand

Mit einem Sechspunkteplan und einem Pilotprojekt will die Berliner Clubcommission das Nachtleben reaktivieren. Viele Clubs bangen um ihre Existenz.

Seit über einem Jahr sind die Tanzflächen leer: Am 13. März vorigen Jahres schlossen die meisten Berliner Clubs wegen steigender Infektionszahlen freiwillig ihre Türen, am darauffolgenden Tag untersagte der Berliner Senat den Clubbetrieb mit einer Verordnung. Inzwischen wurden in Deutschland über 2,7 Millionen Infektionen mit Sars-CoV-2 registriert, gut 75 00 Menschen sind an Covid-19 gestorben. Die dritte Welle der Pandemie schwappt über das Land. Wann die Clubs wieder öffnen können, ist nicht absehbar.

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Doch die Clubszene will eine Perspektive: Mit einem Sechspunkteplan hofft die Clubcommission, ein Interessenverband der Berliner Party- und Kulturveranstaltungsbranche, dem insgesamt 300 Clubs und Veranstaltende angehören, das Berliner Nachtleben reaktivieren zu können. Der Plan sieht unter anderem eine Zutrittskontrolle per App bei Live-Veranstaltungen und das Speichern von Schnelltestergebnissen mit Zeitstempel vor. Auf einer zentralen Informationsplattform sollen Hygienekonzepte vorgestellt werden und eine multimediale Kampagne soll Clubbesuchende über verantwortungsvolles Verhalten aufklären.

Die Tickets waren personalisiert und das Publikum musste ab zwölf Stunden vor Konzertbeginn mit einem zugeschickten Code ein zerti­fiziertes Testzentrum besuchen.

Die Umsetzbarkeit dieser Konzepte soll zunächst bei Pilotveranstaltungen getestet werden. Eine solche war das Konzert »Operation Heartbeat«, das am vorvergangenen Samstag im Konzert­raum »Säälchen« stattfand. Die Veranstaltung folgte strengen Regeln: Die Tickets waren personalisiert und das Publikum musste ab zwölf Stunden vor Konzertbeginn mit einem zugeschickten Code ein zertifiziertes Testzentrum besuchen. Am Einlass wurden die Gäste abgeholt und zum Sitzplatz begleitet – mit Maske und Abstand. Die Bar hatte nicht geöffnet, es gab keine Pause. Mit rund 70 Gästen war das »Säälchen« nur zu einem Fünftel gefüllt.

»Es geht um logistische Abläufe wie das Zusammenbringen von Ticketkäufen mit verpflichtenden Tests und passender Terminvergabe«, sagt Pamela Schobeß, die Vorsitzende der Clubcommission und Betreiberin des Kreuzberger Clubs »Gretchen«, der Jungle World. »Wir probieren gemeinsam aus, wie man so etwas technisch umsetzen kann – und das zu einer Zeit, in der gemäß den Verordnungen überhaupt keine Kulturveranstaltungen zulässig sind.«

Ein ambitioniertes Vorhaben – vor allem für die Berliner Clubszene, die von Exzess, Spontaneität und Kontrollverlust lebt. Schobeß will nichts versprechen, was sich nicht einhalten lässt. »Der Sinn dieses Pilotprogramms ist nicht, irgendeine ›Normalität‹ zu simulieren, sondern aufzuzeigen, dass, beziehungsweise wie, Schnelltests in Abläufe eingebunden werden können«, betont sie. »Das mag klein klingen, ist aber tatsächlich ein Riesenschritt, an den sich Berlin nun dankenswerterweise endlich herantraut.« Der Plan mache Mut und zeige eine kleine Perspektive auf.

»Die Idee ist längst überfällig«, meint Sascha Disselkamp, seit 1997 Betreiber des »Sage Club«, wo auch der »KitKat-Club« zu Hause ist, sowie Vorstandsmitglied der Clubcommission. »Es gibt seit mehreren Monaten Testmöglichkeiten. Warum werden Tests nicht überall angeboten?« sagt er im Gespräch mit der Jungle World. Seit Dezember vorigen Jahres ist sein Club ein Testzen­trum: Im Außenbereich bekommen bis zu 1 00 Menschen pro Tag ein Wattestäbchen in die Nase geführt. »Theoretisch könnte das KitKat gleich durchstarten, weil das Personal bereits da und geschult ist.« Auch wenn er kein Freund davon sei, persönliche Daten von Leuten zu sammeln, wolle er Konzepte entwickeln, damit Veranstaltungen wenigstens unter kontrollierten Bedingungen wieder stattfinden können.

Der Sechspunkteplan ist kein Alleingang der Clubbranche, sondern Teil eines Projekts der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa für den Berliner Kulturbetrieb. Auch das Berliner Ensemble, das Konzerthaus Berlin, die Staatsoper Unter den Linden und die Deutsche Oper Berlin nehmen daran teil. Am 20. März konnten 1 00 Klassikliebhaberinnen und -liebhaber unter kontrollierten Bedingungen einem Konzert in der Berliner Philharmonie beiwohnen. Für Anfang April waren noch Veranstaltungen in der Volksbühne, der Staatsoper und der Deutschen Oper geplant. Doch war das Testkonzert im »Säälchen« vorerst das letzte: Kaum war es vorbei, kündigte der Regierende Bürgermeister von Berlin, ­Michael Müller (SPD), an, dass das Projekt wegen steigender Infektionszahlen unterbrochen werden müsse.

Auf Anfrage der Jungle World bestätigt Berlins Kultursenator Klaus Lederer (»Die Linke«), dass das Projekt pausiere und die zwei noch ausstehenden Pilotveranstaltungen in den Opernhäusern nachgeholt werden müssten. »So ein Pilot ist in Deutschland einzigartig – und hoffentlich ein Beitrag mit Blick auf ein unbeschwertes Besuchen von Kulturveranstaltungen, so bald wie möglich«, sagt Lederer.

Viele Clubs bangen um ihre Existenz. »Wir schlagen uns so durch, aber es ist zwischendurch immer wieder eine ziemliche Achterbahnfahrt mit den verschiedenen Sofort- und Über­brückungshilfen«, erzählt Sulu Martini, ein Sprecher des linksalternativen Technoclubs »About Blank«, im Gespräch mit der Jungle World. Mitunter habe der Club Hilfsgelder wieder ­zurückzahlen müssen, um Hilfen aus einem anderen Topf beantragen zu können, die dann aber nur teilweise ausgezahlt worden seien. Einen Großteil dieser Hilfen musste der Laden dann allerdings an den Vermieter überweisen, den Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg.

»Unsere Stimmung ist eher gedrückt. Über ein Jahr sind wir jetzt als Club geschlossen, das belastet alle, die sich dem Laden verbunden fühlen«, sagt Martini. Viele Mitarbeitende, die kein oder nicht ausreichend Kurzarbeitergeld bekommen hätten, seien längst gezwungen gewesen, sich eine andere Arbeit zu suchen. Der Club konnte die ersten Monate nach der Schließung allein aufgrund einer erfolgreichen Crowdfunding-Kampagne überstehen – 100 000 Euro kamen dabei zusammen. 

Anias Meier, der Sprecher des linken Clubkollektivs »Mensch Meier«, kritisiert, dass von den Soforthilfen nur wenig beim Club bleibe. »Die Hilfsgelder versorgen unseren Vermieter, wir als Clubkulturarbeitende haben leider eher wenig von den Hilfen und müssen uns oft mit Hartz IV oder anderen Jobs durchschlagen«, sagt er der Jungle World. Immerhin erlaubten es die Gelder dem Clubkollektiv, den Außenbereich zu einem überdachten Open-Air-Bereich umzubauen. Auch im »About Blank« wird der Garten umgestaltet: Die Tanzfläche wird erneuert und eine überdachte Bühne gebaut.

Martini will keine Prognose wagen. Immer wieder seien Pläne geschmiedet worden, nur um wieder verworfen werden zu müssen. Die Wiedereröffnung des Sektgartens im Außenbereich des »About Blank« beispielsweise musste wegen der steigenden Infektionszahlen vom Frühling in den Sommer verschoben werden. Mit einer Rückkehr zum regulären Clubbetrieb rechnet das Kollektiv frühestens im späten Herbst.

Martini ist skeptisch, ob der Plan der Clubcommission die Probleme der Clubs lösen kann. »So ziemlich alles, was derzeit im Rahmen der Wieder­eröffnung von Clubs an technischen Maßnahmen diskutiert wird, ist aus überwachungskritischer Perspektive eigentlich undenkbar«, kritisiert er. »Anonymität, Ein- und Abtauchen in eine diffuse Masse, sich treiben lassen, experimenteller Kontrollverlust und erst Tage später wieder zur Vernunft zu kommen, sind Kernelemente von Clubkultur.«

Außerhalb Berlins soll im Juli versucht werden, trotz Covid-19 das Fusion-Festival in Lärz (Mecklenburg-Vorpommern) zu veranstalten. Viele in der Clubszene blicken gespannt auf das links­alternative Festival, das dieses Jahr gleich zweimal, mit jeweils nur 35 00 Teilnehmenden, stattfinden soll. Ein Testkonzept soll das möglich machen: Auf dem Gelände soll ein eigenes PCR-Labor errichtet werden. Nach Angaben der Veranstaltenden werden bereits nach 90 Minuten die Ergebnisse verfügbar sein. Festivalbesuchende sollen bei der Anreise und erneut am Samstag oder Sonntag getestet werden. Für Infizierte soll es eine medizinische Betreuung und einen infektionsgeschützten Transport nach Hause geben.

Andere Festivals wie die »Nation of Gondwana« arbeiten an ähnlichen Plänen. Doch für die Clubszene dürften solche Konzepte schwieriger zu realisieren sein. »Tatsächlich war die Vorbe­reitung schon für den Testpiloten auf der technischen Seite recht aufwendig«, sagt Schobeß.

Bisher habe zwar keiner der Clubs und Veranstaltenden, die Mitglied in der Clubcommission sind, in der Pandemie schließen müssen, berichtet der Verband. Doch bereits zu Beginn der Pandemie waren 14 Berliner Clubs akut bedroht und bei zehn weiteren war absehbar, dass ihre Mietverträge in den kommenden drei bis fünf Jahren nicht verlängert werden. Nun sind einige Clubs wegen der Pandemie hochverschuldet und mussten sich teilweise ihre Mietzahlungen stunden lassen. Die Zeit nach der Pandemie wird also nicht nur Grund zum Feiern bieten. Die ­Monate danach werden für viele Clubs kritisch.