Der Qanon-Mythos greift judenfeindliche Motive der christlichen US-Rechten auf

Endzeitstimmung greift um sich

Anhänger der Verschwörungstheorie Qanon kämpfen gegen Covid-19-Impfungen und greifen antisemitische Verschwörungstheorien der extremen christlichen Rechten auf.

Schon vor der Ausstrahlung der HBO-Dokumentarserie »Q – Into the Storm« war die Aufregung groß. Ronald Watkins, Administrator des Imageboards 8kun, habe sich in einer Videosequenz verraten: Er sei »Q«, der anonyme Urheber der kryptischen, im Internet veröffentlichten Botschaften, auf die sich seit vier Jahren die Qanon-Verschwörungstheorie stützt. Die Anhänger Qanons glauben an eine weltweite Verschwörung, die in Politik, Unterhaltungsbranche und Wirtschaft die Fäden zieht, Satan verehrt und Kinder missbraucht. Donald Trump, so Qs Botschaft, habe die Macht dieser kleinen »Elite« brechen wollen.

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Als ganz so eindeutig, wie von einigen US-Medien suggeriert worden war, stellte sich die wenige Sekunden lange Filmsequenz jedoch nicht heraus. Aber ob Watson sich nun aus Versehen geoutet hat oder nur eine falsche Spur legen wollte, ist letztlich unerheblich. Q ist bereits seit Anfang Dezember verstummt, aber der von ihm begründete Verschwörungskult braucht keine Stichwortgeber mehr.

Qs Botschaften handeln von einem kommenden Endkampf: dem Sumpf, der trockengelegt werden muss, dem großen Erwachen, dem bevorstehenden Sturm.

Auch das große Thema, das die Qanon-Anhänger bewegt, hat sich gewandelt, seit Trump entgegen ihren Erwartungen als Präsident der Vereinigten Staaten abtreten musste. »Die Rechtsextremisten sind von ›Stop the Steal‹ zu ›Stop the Vaccine‹ weitergezogen«, titelte die New York Times am 26. März. Mit dem Slogan »Stop the Steal« hatten Unterstützer des damaligen Präsidenten Trump gegen die Anerkennung Joe Bidens als Wahlsieger protestiert.

Der Glaube, dass Trump als rechtmäßiger Präsident wiederkehre, wird zwar immer noch beschworen, der Hauptkampf gilt jedoch jetzt der Impfkampagne gegen Covid-19. Neu erfunden werden mussten die Verschwörungstheorien dazu nicht: Nach wie vor sind es die Juden, Liberale, Hollywood und Hochfinanz, die aufrechte Patrioten unterdrücken wollen.

Am 6. Januar stürmten Trump-Anhänger, darunter neben Qanon-Jüngern auch Mitglieder der rechtsextremen Proud Boys, das Kapitol in Washington, D.C., um die offizielle Bestätigung von Joe Bidens Wahlsieg zu verhindern. Zahlreiche Teilnehmer wurden mittlerweile angeklagt, gegen weitere laufen Ermittlungsverfahren.

Bereits im Januar angeklagt wurde zum Beispiel die 55jährige Notärztin Simone Gold, Gründerin der rechten Organisation »America’s Frontline Doctors«, die Falschbehauptungen über Covid-19 verbreitet. Gold erlangte durch eine von der konservativen Gruppe Tea Party Patriots organisierten Pressekonferenz in Washington, D.C., Bekanntheit, auf der sie ohne jede wissenschaftliche Grundlage einen Medikamentencocktail mit dem Antirheumatikum Hydroxychloroquin als Mittel gegen Covid-19 anpries. Im November vorigen Jahres war Gold Rednerin bei einer Konferenz des Council for National Policy (CNP), einem dem Guardian zufolge »öffentlichkeitsscheuen«, 1981 gegründeten Dachverband der christlichen Rechten, dem zahlreiche Großspender der republikanischen Partei angehören. Verschiedene rechte Aktivisten mit Verbindungen zum CNP beteiligten sich an den Vorbereitungen der Proteste am 6. Januar.

Umfragen belegen, dass Qanon unter evangelikalen Christen, die zu Trumps treuesten Unterstützern zählten, besonders starken Anklang fand. Qs Botschaften greifen geschickt Versatzstücke weltweit bekannter Verschwörungsmythen, aber auch biblische Motive auf. Darunter finden sich Schlagworte, die aus dem Glaubenssystem einer außerhalb der USA wenig bekannten rechtsextremen und antisemitischen Gruppierung stammen: der »Christian Identity«-Bewegung, die seit Jahrzehnten starken Einfluss auf das Denken von Neonazis in den Vereinigten Staaten ausübt, vom Ku-Klux-Klan bis zur rechtsextremen Milizbewegung.

Die Bewegung ging aus dem sogenannten British Israelism des 19. Jahrhunderts hervor, demzufolge die Briten und von ihnen abstammende Völker einer der zehn Verlorenen Stämme Israels seien. In den zwanziger Jahren nahm die auch Anglo-Israelismus genannte Pseudotheologie, die vor allem in den USA Unterstützer fand, »eine hässliche Wendung«, wie es die Menschenrechtsorganisation Anti-Defamation League (ADL) auf ihrer Website ausdrückt: Sie wandelte sich zur »Christian Identity«, einer rassistischen und antisemitischen Bewegung, die weiße evangelische Christen als von Gott auserwählte »Elite« betrachtete. Anhänger der Bewegung waren der Überzeugung, Juden seien die Nachkommen Satans.

Christian Identity hatte in den folgenden Jahrzehnten einen bedeutenden Einfluss auf verschiedenste rechtsextreme Bewegungen. Die Ideologie der christlichen Rechtsextremen verband sich mit anderen Strömungen, etwa den tax protesters, die bestimmte Teile der US-Verfassung nicht anerkennen und deren Ideologie abgewandelt und auf die deutschen Verhältnisse übertragen bei den hiesigen Reichsbürgern zu finden ist. In der Weltanschauung der Steuerverweigerer sind Regierung und Gerichte Teil einer Verschwörung, die sie ihrer Freiheitsrechte berauben will. Einer der prominentesten dieser Steuerrebellen war William Potter Gale, ein Anhänger von Christian Identity und Mitgründer der Milizbewegung. Milizen, die sich auf den bewaffneten Widerstand gegen eine als tyrannisch wahrgenommene Staatsgewalt vorbereiten, prägen besonders seit den neunziger Jahren die rechtsextreme Szene in den USA. Auch am Sturm auf das Ka­pitol am 6. Januar waren solche Milizen beteiligt.

Ein Schlagwort, das Trump-Anhänger sowie einige republikanische Politiker während des jüngsten Präsidentschaftswahlkampfs immer wieder benutzten, war der Endkampf gegen den Kommunismus. In einem auf Trumps offiziellem Youtube-Kanal geposteten Wahlkampfvideo sagt ein Pastor zum Präsidenten, nur dieser stehe noch »zwischen Kapitalismus und Kommunismus«. Eine tatsächliche kommunistische Gefahr gibt es in den USA zwar nicht, doch tut das nichts zur Sache: Seit dem Ende der Sowjetunion spielt der Kommunismus – ebenso wie die Sowjetunion oft als Chiffre für vermeintlich jüdische Machenschaften verwendet – im identitär-christlichen Glaubenssystem die Rolle des absolut Bösen, dessen satanisches Ziel es sei, die Freiheit der USA zu vernichten.

Zu diesen Verschwörungstheorien gehört auch die Vorstellung eines kommenden Armageddon, dem in der Offenbarung des Johannes geschilderten finalen Kampf zwischen Gut und Böse, bei dem es zu Rassenkriegen oder der militärischen Besatzung der USA durch die UN kommen werde. Ein wichtiger Zwischenschritt war die kommunistische – gemeint ist oft: jüdische – Unterwanderung der Vereinten Nationen und anderer »globalistischer« Institutionen, die gemeinsam die »Neue Weltordnung«, kurz NWO, bilden. Diese Verschwörungstheorie, die in den neunziger Jahren die rechtsextreme Milizbewegung und christliche Fundamentalisten gleichermaßen prägte, verbreiten inzwischen prominente Verschwörungstheoretiker und Trump-Unterstützer wie Alex Jones. Am Tag des Sturms auf das Kapitol rief Jones in den Straßen Washingtons zum Widerstand gegen die »Globalisten« und die »Neue Weltordnung« auf.

Qanon greift diese seit Jahrzehnten im Gedankenkosmos der christlichen Rechten kursierenden Verschwörungsmythen auf und formuliert sie neu: Q zufolge ist es der »tiefe Staat«, der die Kontrolle übernommen hat und mit dem am Tag X abgerechnet werden muss. Auch von einem kommenden Endkampf handeln Qs Botschaften: dem Sumpf, der trockengelegt werden muss, dem großen Erwachen, dem bevorstehenden Sturm.

Noch ein weiterer Aspekt des evangelikal-identitären Glaubenssystems ist für Qs Nachrichten von Bedeutung: die Numerologie. Bei der Suche nach versteckten Botschaften in den kryptischen Nachrichten Qs und in Trumps Tweets waren rechte Christen, die in der Bibel nach numerologischen Botschaften suchen und ihre Verschwörungsmythen auch auf Zahlensymbolik gründen, klar im Vorteil. Und wer überzeugend seine Lesart der zu entschlüsselnden Botschaften in den Nachrichten Qs darlegen kann, hat in den Qanon-Internetforen die Deutungsmacht über ihren Sinn.

Anhand welcher Themen der Mythos vom großen Endkampf gegen die satanischen Mächte verbreitet wird, dürfte denjenigen, die den Hass auf Juden und andere Minderheiten befeuern, ohnehin in gewissem Maß austauschbar erscheinen. Sie sind jedenfalls sehr erfolgreich: Politikwissenschaftler der Denison-Universität in Ohio untersuchten Ende Oktober den Zusammenhang zwischen Qanon, christlichem Nationalismus und Antisemitismus. 1 040 repräsentativ ausgewählten Befragten legten sie eine Reihe von Fragen vor. Fast 40 Prozent stimmten der Aussage zu, dass eine »geheime Elitegruppe« im politischen System, in den Medien und im Finanzsektor Trumps Reformbemühungen aktiv hintertreibe. 41 Prozent glaubten, Juden hätten Jesus ermordet; ebenso viele glaubten, dass Juden Loyalitätskonflikte hätten, wenn es um die USA und Israel geht. 31 Prozent schrieben Juden zu großen Einfluss in der Geschäftswelt zu.

Die Forscher fragten nach acht von der ADL zur Einordnung antisemitischer Einstellungen benutzter Stereotype. Diejenigen, die sich am stärksten mit christlichem Nationalismus identifizierten, stimmten im Durchschnitt vier dieser Stereotype zu, diejenigen, die ihn ablehnten, nur einem. »Christlicher Nationalismus und Qanon verstärken gemeinsam den Antisemitismus«, resümierten zwei Autoren der Untersuchung, die Politikwissenschaftler Paul Djupe und Jacob Dennen, in einem Beitrag für die Washington Post. Allerdings gebe es einen großen Unterschied: Christliche Nationalisten, die in der Umfrage angaben, nicht an Qanon zu glauben, bejahten nur ein antijüdisches Klischee, während die Qanon-Anhänger unter ihnen mehr als vier für wahr hielten.

Beim Thema Impfen scheint Qanon bislang ähnlich erfolgreich zu sein wie bei der Verbreitung von Judenhass: Bei einer Umfrage für die Nachrichtenagentur Associated Press im März gaben von den weißen evangelikalen Christen, die ein Fünftel der US-Bevölkerung ausmachen, 40 Prozent der Befragten an, sich nicht impfen lassen zu wollen.