Baerbocks Kandidatur weckt ­feministische Hoffnungen

Hohes Identifikationspotential

Obwohl Annalena Baerbock sich in ihrer ersten Rede als Kanzlerinnenkandidatin nicht feministisch geäußert hat, verbindet eine bestimmte Klientel große Hoffnungen mit ihrer Kandidatur.
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Ewige Kanzlerinnenschaft – manche Linksliberale träumen bereits davon, dass die grüne Kanzlerinnenkandidatin Annalena Baerbock im September die Regierungsgeschäfte von Angela Merkel übernimmt. Die K-Frage hatten ihre jeweiligen Parteien sehr unterschiedlich beantwortet.

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Die Grünen haben sich um ein konsensuales Vorgehen bemüht. Statt sich gegenseitig Kompetenzen abzusprechen, benutzte die grüne Spitzenkandidatin so häufig »wir« und »uns« in einem Satz, dass man bei ihr und ihrem Co-Vorsitzenden Robert Habeck an ein symbiotisches Pärchen denken musste oder an eine bestimmte, extrem unangenehme Ausdrucksweise aus dem Jargon der Sozialarbeit. Anne Will unternahm in ihrer Talkshow am Sonntag mehrere Versuche, Baerbock dazu zu bringen, dem Publikum mitzuteilen, worin denn ihre Qualifikation für das Amt liege – erfolglos. Man hofft fast, dass diese Betonung des Gemeinsamen eine strategische Entscheidung ist, um den Wählerinnen und vor allem den Wählern die Angst vor noch einer Frau an der Macht zu nehmen.

Allerdings wurde diese Art, sich zu präsentieren, in den sozialen Medien bereits als »neuer Führungsstil« gefeiert. Spricht das für eine Sehnsucht nach »Gemeinschaft« in Krisenzeiten? Wer von diesem »Wir« ein- und wer davon ausgeschlossen wird, wird sich ­zeigen; eine bestimmte Klientel fühlt sich jedenfalls deutlich angesprochen. Sie möchte nicht von einem Kanzler regiert werden, mag er nun Armin oder Olaf heißen. Baerbock hat zwei Kinder und sich in der Pandemie mit Homeoffice und Homeschooling herum­geschlagen. Das birgt ein großes Identifikationspotential für eine urbane Mittelschicht, die ihre Sorgen und Bedürfnisse in der derzeitigen Politik nicht reflektiert sieht. Aus ihrer Sicht ist Baerbock wie sie und wird, wenn sie gewinnt, eine ökologische, schöne, ausgleichende Politik machen, die sich irgendwie gerecht anfühlt – zumindest für die, die sich ab und zu was von Manufactum und ­einen teuren Rotwein leisten können.

Mit 40 Jahren ist Baerbock zudem so alt wie Leute, die sich noch daran erinnern können, dass Gerhard Schröder der Kanzler war, der Gleichstellungs- und Familienpolitik für »Gedöns« hielt. Eine ewige Kanzlerinnenschaft verspricht aus deren Sicht weniger Stress mit mittelalten weißen Männern in Anzügen. Vielleicht werden nicht alle wie Habeck freiwillig beiseitetreten, aber mit ein bisschen Schieben wird’s schon gehen.

Da verzeiht man Baerbock auch, dass sie in ihrer ersten Rede als Kanzlerinnenkandidatin so gar nichts Feministisches gesagt hat. Schließlich hat sie 2019 gefordert, das folgende Jahrzehnt müsse »ein feministisches werden«, da wird sie schon liefern, sobald sie kann. Das wäre in der alten Bundesrepublik unvorstellbar gewesen. Nach 16 Jahren unter Merkel kommt es einem nicht so vor wie nach 16 Jahren Kohl, als wäre Zeit für etwas Neues, sondern eher so, als sei eine Kanzlerin einer der wenigen stabilen Faktoren, die eine auseinanderbrechende Welt noch zusammenhalten kann – das wird Annalena schon mit »uns gemeinsam« schaffen!