Der Dokumentarfilm »Schwarze Adler« über schwarze Nationalspieler*innen und Rassismus im Profifußball

Kein Sommermärchen

Der Dokumentarfilm »Schwarze Adler« zeigt die Geschichte schwarzer Fußballprofis in Deutschland – und den Rassismus, der ihnen entgegenschlug.

»Schwarze Adler« ist der wichtigste deutsche Fußballfilm seit langem. Er sollte gesehen werden, und zwar mindestens mit derselben Aufmerksamkeit, die einst »Deutschland. Ein Sommermärchen« bekam. Schließlich ist er die nüchterne, ehrliche und oft erschreckende Gegenerzählung zu dem wohligen Kinofilm voller Multikultikitsch von Sönke Wortmann aus dem Jahr 2006.

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Der Dokumentarfilm von Regisseur Torsten Körner, der bisher nur auf Amazon Prime zu sehen ist, handelt von schwarzen Nationalspielern und -spielerinnen und ihren Geschichten, die von der Mehrheitsgesellschaft nicht ausreichend beachtet wurden. »Obwohl nur Schwarze in dem Film vorkommen, ist es eigentlich ein Film für Weiße«, sagte der Produzent Leopold Hoesch der Rheinischen Post.

»Schwarze Adler« zeigt die rassistischen Abgründe dieses Landes, ­erzählt von seinen fußballerischen Heldinnen und Helden. Ein kluger Kniff, der das Publikum zwingt, sie ernst zu nehmen.Der Film beginnt mit den zwei schwarzen Pionieren im deutschen Männernationalteam aus den siebziger Jahren, Erwin Kostedde und Jimmy Hartwig. Ihre Biographien ähneln einander stark: Beide sind Söhne von deutschen Frauen und US-amerikanischen Soldaten. Beide wurden von ihren Nazi-Großvätern nie akzeptiert, ihre Mütter waren starken Anfeindungen ausgesetzt.

»Obwohl nur Schwarze in dem Film vorkommen, ist es eigentlich ein Film für Weiße.« 
Produzent Leopold Hoesch

Kostedde wurde vom eigenen weißen Bruder verleugnet. »Was das ist, mit so einer Hautfarbe durch Deutschland zu laufen, das können Sie sich gar nicht vorstellen«, erzählt er. »Ich bin schon ein harter Hund gewesen, aber das lässt einen nicht los.« Kostedde berichtet, wie er sich als Kind immer wieder mit Kernseife wusch, um eine hellere Hautfarbe zu bekommen; Hartwig erzählt, wie er rassistische Gesänge im Stadion selbst dirigierte. Der Dokumentarfilm gibt über seine gesamte Länge hin übelste rassistische Beschimpfungen wieder.

Für fast alle Protagonistinnen und Protagonisten wurde der Fußball zu einer Art Rettung. Die ehemalige Nationalspielerin und spätere Bundestrainerin Steffi Jones beschreibt einen »einzigartigen Zusammenhalt«, als Mädchen mit sehr verschiedenen sozialen Hintergründen beim Fußball zusammenkamen. Die ehemalige Bundesligaspielerin und Moderatorin Shary Reeves sagt: »In der Schule wurde ich wie eine Aussätzige behandelt, man muss dann in irgendwas flüchten.« Fußball ist ein Freiraum, der Selbstvertrauen gibt.

Gerade die Vertreterinnen und Vertreter der älteren Generation, wie Kostedde, Hartwig und Jones, schildern es als einen Traum, in der deutschen Nationalelf zu spielen. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von »Stolz« und »Vaterland«, wo­raufhin Hartwig selbstironisch bemerkt: »Das sagen die Rechten auch.« Auch Zwischentöne wie dieser machen die Doku so sehenswert. Viele der gezeigten Karrieren scheitern jedoch am Rassismus. Spielerinnen und Spieler werden ausgegrenzt und beschimpft. Unter diesem Druck spielen sie schlechter oder bekommen, wie Reeves, explizit vom Nationaltrainer zu hören, sie werde ja ­sowieso nie für Deutschland spielen.

Wenn man dem Film einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch die männlichen Protagonisten porträtiert. Dabei wären gerade die geschlechtlichen Differenzen interessant. Während das Nationalteam der Männer heutzutage Spieler aller Hautfarben versammelt, ist das Team der Frauen fast komplett weiß. Es wäre wichtig gewesen, diesen Sachverhalt kritisch zu beleuchten.

Nicht einmal die Tatsache, dass Jones knapp zwei Jahre lang Trainerin der Frauennationalmannschaft war, erwähnt der Film, womit übrigens auch die unaufgeregten Reaktionen auf ihre damalige Nominierung ausfallen. Die Fortschritte, die die Dokumentation zeigt, zeigt sie an Männern. Vielleicht muss man es aber auch als Fortschritt werten, dass überhaupt kickende Frauen gezeigt werden.

Vor allem Reeves hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Im Vergleich zu den anderen Protagonistinnen und Protagonisten erscheint sie wütender und kompromissloser. Sehr treffend kritisiert sie die ewige Debatte über das Mitsingen der Nationalhymne. »Man wächst im Land auf und man gehört nicht dazu. Aber wenn es ums Singen der Hymne geht, musst du plötzlich dazugehören. Wir machen es nicht zu deren Bedingungen.« Und kurz vor dem Ende sagt sie: »All das macht einen auch sehr, sehr müde. Ich liebe dieses Land, aber manchmal denke ich  « Den letzten Satz bricht sie unter Tränen ab. So ungefiltert gab es in einem Film über deutschen Fußball die Folgen des tiefsitzenden Rassismus der Gesellschaft noch nicht zu sehen.

»Schwarze Adler« zwingt auch die weiße Autorin dieses Textes zu der Erkenntnis, dass sie sich an viele der in der Doku beschriebenen Vorfälle nur noch am Rande erinnerte, weil sie ihr irrelevant erschienen. Zum Beispiel die rassistische Kampagne der NPD gegen Fußballnationalspieler Patrick Owomoyela anlässlich der Fußballweltmeisterschaft 2006 oder Gerald Asamoahs Drohung, wegen Rassismus aus dem Nationalteam auszutreten. Und dass sicher ein rassistischer Subtext dabei war, als sie als Jugendliche Asamoah belächelte. Ein guter Film, der solche Erinnerungen wachruft.

Viele Dokumentationen leben von der gemütlichen Retrospektive. Zwar zeigt auch Körner teils sehr alte rassistische Fernsehausschnitte, in denen beispielsweise weißen Müttern schwarzer Kinder geraten wird, sie sollten das Kind abgeben, sie könnten es doch nicht »zum Zirkus geben«. Jedoch wartet man umsonst auf den erlösenden Moment, in dem die Kamera in die aufgeklärte Gegenwart schwenkt. Denn die Vorfälle hören nicht auf. »Schwarze Adler« zeigt einen Ausschnitt aus einem Fernsehinterview aus den neunziger Jahren, in dem der Reporter die Hautfarbe des Bundesligaspielers Anthony Baffoe kommentiert: »Du siehst ein bisschen dunkler aus, das liegt sicher nicht an der Sonne hier.« Anschließend fragt er den in Deutschland geborenen Baffoe, woher er komme. Als dieser sagt, er komme aus Bad Godesberg, will der Reporter wissen, woher er ursprünglich komme und warum er hier geboren sei. Baffoe antwortet, die rassistische Implikation auf humoristische Weise unterlaufend: »Weil meine Eltern mich hier gemacht haben.«

Ein anderer Ausschnitt aus den nuller Jahren zeigt den Moderator Johannes B. Kerner, wie er Asamoah fragt, ob dieser stolz sei, Deutscher zu sein. »Ich bin stolz, für Deutschland zu spielen«, antwortet dieser diplomatisch. Kerner erwidert gönnerhaft: »Diese Antwort reicht uns völlig.« Nachdem der damalige stellvertretende Vorsitzende der AfD, Alexander Gauland, den schwarzen Nationalspieler Jérôme Boateng 2016 mit den Worten beleidigt hatte, die Leute fänden ihn als Fußballspieler gut, wollten aber einen wie ihn nicht als Nachbarn haben, betonte ein Reporter, wie wichtig »Multikulti« in der Nationalelf sei, »deshalb ist sie so leistungsfähig«. Zum Kollektiv gehört nur, wer etwas leistet.

Die Gesellschaft bringt sich zwar bei, Rassismus in Worten besser zu kaschieren, sie ist toleranter geworden. Es gibt Unterstützung, Debatten und vor allem für Schwarze in Führungspositionen mehr Möglichkeiten. Aber es dürfte zugleich gelten, was Otto Addo, Co-Trainer bei Borussia Dortmund, sagt: »Für normale Leute hat sich kaum etwas verändert.« Davon zeugen die Jugendgeschichten vieler jüngerer Spieler, die von Bierflaschenwürfen, Verfolgungen im Auto, Problemen bei der Wohnungssuche und den Sitzplatz wechselnden Fahrgästen im Nahverkehr berichten.

Angesichts dessen überrascht es nicht, dass viele Spieler der mittleren Generation sich für ein anderes ­Nationaltrikot entschieden. Baffoe und Addo, die beide für die ghanaische Nationalelf spielten, sind hierfür zwei Beispiele. Andererseits entschied sich der in Ghana geborene Asamoah gegen alle Widerstände dafür, das deutsche Trikot zu tragen.

Asamoah erfährt in der Doku eine späte Würdigung für den Weg, den er für alle nachrückenden schwarzen Spieler bahnte. Sein Kollege Addo thematisiert, was Asamoah sich selbst aus Ghana für den Verbleib in der deutschen Mannschaft an Ablehnung anhören musste. Addo habe diese Entscheidung damals, »nach allem, was passiert war« – Asamoah war unter anderem im Stadion mit Affenlauten beleidigt und mit Bananen beworfen worden –, nicht verstanden. Schließlich änderte er seine Meinung: »Was er gemacht hat, war richtig gut, er hat die Leute offener gemacht. Es war der schwerere Weg.«

Immer lauter fordern schwarze Spielerinnen und Spieler 20 Jahre nach Asamoahs erstem Auftritt in der Nationalelf Gleichberechtigung ein. In dem Teil der Doku, der die jüngste Vergangenheit schildert, ist jedoch spürbar, dass einige wichtige Spieler wie Jérôme Boateng, Kevin-Prince Boateng und Leroy Sané ­fehlen.

Die gezeigten Konstanten des Rassismus machen »Schwarze Adler« so eindrücklich. Es treten aber auch Spieler wie Cacau oder Jean-Manuel Mbom auf, die sich angenommen fühlen und kaum schlechte Erfahrungen gemacht haben. »Ich finde meine Hautfarbe eher cool«, sagt etwa Mbom. Auch das gehört zum Bild.

Schwarze Adler (Deutschland 2021). Regie: Torsten Körner. Der Film kann auf Amazon Prime gestreamt werden.